Was nehmen wir wahr, wenn wir Farben wahrnehmen?

Was nehmen wir wahr, wenn wir Farben wahrnehmen?

Farben erleben und verstehen

Unter dem Titel «Eisblau Zitronengelb Purpur» findet in Basel eine aufwändig gestaltete Ausstellung mit vielfältigen Begleit­veran­stal­tungen statt. Zu erleben sind Experimente, Kunstwerke und wissenschaftliche Beiträge von namhaften Künstlerinnen 
und Künstlern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschftlern und Philosophinnen und Philosophen aus der ganzen Welt.

 

Man stelle sich unser Leben ohne Farben vor. Eine Welt grau in grau oder einfach hell und dunkel. Oder man stelle sich eine Welt zwar voller Farben vor, aber keiner würde sie sehen. Wie anders wären unsere Orientierung und unser Lebensgefühl. Die Farben unserer natürlichen und selbst gestalteten Umgebung haben einen überragenden Ein­fluss auf unsere Befindlichkeit und Erlebnis­se. Für die Malerinnen und Maler war das immer klar. Aber was wissen wir schon gesi­chert über die Farben bis hin zu ihrer ästhetischen und therapeutischen Wirkung?
Lehrreiche und unterhaltsame Gelegen­heiten zur Auseinandersetzung mit Farben bieten die Veranstaltungen der Ausstellung «Eisblau Zitronengelb Purpur» in der Voltahalle bei der Basler Dreirosenbrücke; sie dauert noch bis 8. Oktober. Dazu wurden zahlreiche Versuche aufgebaut, mit Demon­strationen von Experimenten und interaktiven Angeboten für die Besucherinnen und Besucher zum Selbstversuch und Experiment. Dadurch werden Goethes und Newtons Argumente und Experimente anschau­lich und nachvollziehbar. Es wird auch ein Film gezeigt über Experimente zur Reha­bilitierung der Dunkelheit «Monochromatische Schattenstrahlen», in Anwesenheit des Regisseurs und Physikers Pehr Sällström aus Järna in Schweden. 

Theorie und Praxis

Der Physiker Matthias Rang hat sich in den letzten Jahren mit den Farbpionieren und Kontrahenten Goethe und Newton aus­einandergesetzt. Mit grosser Leidenschaft konstruierte er die zentralen Versuchsanordnungen. Es sollte aber nicht bei seiner viel beachteten wissenschaftlichen Publikation bleiben. Die Ergebnisse wollte er einem Publikum zugänglich und erfahrbar machen. Schon 2010 kam es zu einer Wanderausstellung und jetzt unter Federführung von Matthias Rang und der Künstlerin und Farbforscherin Nora Löbe zu dieser erweiterten Auflage. «Wir möchten die Be­sucher unserer Ausstellung und Veran­staltungen einladen, durch die bewusste Wahrnehmung der Farben und ihrer Verwendung ihre persönliche Welt noch bunter werden zu lassen.»
Während der ganzen Ausstellungsdauer ist viel fachliche Kompetenz versammelt. Mit dabei sind Olaf Müller, Professor an der Humboldt Universität Berlin, der in den letzten zwanzig Jahren sämtliche Prismenexperimente Goethes und Newtons ausgeführt und kritisch befragt hat; Johannes Grebe-Ellis, Professor an der Universität Wuppertal, Gunnar Hindrichs, Professor an der Uni Basel, Friedrich Steinle, Professor an der Technischen Universität Berlin, Johannes Kühl und Matthias Rang, zwei Physiker am Forschungsinstitut des Goetheanums, ausserdem die in Basel erfolgreich aktiven Philosophinnen und Philosophen vom Philosophicum Basel. Die in Basel lebende Künstlerin und Kunstpädagogin Jasminka Bogdanovic verfolgt in einer wöchentlich fortlaufenden Vortragsreihe die Farbe in der Kunst, von William Turner und Philipp Otto Runge bis Barnett Newman und James Turrell.
An einem zweitägigen, öffentlichen wissenschaftlichen Symposium zu Goethes Farbenlehre im Philosophicum Basel werden neuere Untersuchungen präsentiert und diskutiert, die eine Neubewertung Goethes ermöglichen. Diese einmalige und aufwändige Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der ChaoYang Univer­sity of Technology in China, dem Deutschen Farbenzentrum, dem Farb-Licht-Zentrum der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goetheanum, der Schweizerischen Verei­nigung für die Farbe pro/colore und der Sammlung Farbenlehre der Technischen Universität Dresden.
 

Text: Ruedi Bind, Foto: zVg