OFFCUT rettet Überschuss-, Rest- und Gebrauchtmaterialien vor der Entsorgung. Foto: John Patrick Waldner

OFFCUT rettet Überschuss-, Rest- und Gebrauchtmaterialien vor der Entsorgung. Foto: John Patrick Waldner

OFFCUT – der Materialmarkt für kluge Köpfe

Während der Oslo Night am 23. September feiert OFFCUT, zusammen mit vielen Gästen, seinen vierten Geburtstag. Dabei findet direkt vor den Türen von OFFCUT, auf den alten Eisenbahnschienen, das zweite Draisinenrennen statt. – Ein Besuch bei OFFCUT lohnt sich allemal!

 

OFFCUT ist etwas versteckt an der Venedig-Strasse im Dreispitzareal zu finden. Gestartet hat das Gründerteam (Tanja Ganter, Simone Schelker und Lucas Gross) das Projekt im ehemaligen Turbinenhaus der Ak­tienmühle im Klybeckquartier. Nach der einjährigen Zwischennutzung fanden sie – dank der Hilfe der Christoph-Merian-Stiftung – auf dem Dreispitz eine neue Bleibe. «Hier im Dreispitzareal, wo alles in Bewegung ist und wo viele kreative Menschen sind, passt OFFCUT ganz gut hin», findet die Initiantin Simone Schelker. Sie hat bei einem Auslandsemester in Sidney ein solches «Gebrauchtmaterialzentrum» kennen und schätzen gelernt. Einen Ort, wo Materialien nicht weggeworfen, sondern wieder in Um­­lauf gebracht werden. «Wir nehmen zum Beispiel keinen Stuhl an Lager, gern aber Holz, aus dem man selbst einen Stuhl bauen kann», erklärt sie den Unterschied zu ­einer Brockenstube. Zurück in der Schweiz hat Simone Schelker dann Leute gesucht, die bereit waren, dieses Projekt mit ihr zusammen zu realisieren.

 

Die Köpfe hinter OFFCUT: Tanja Gantner, Simone Schelker. Foto: John Patrick Waldner

Die Köpfe hinter OFFCUT: Tanja Gantner, Simone Schelker. Foto: John Patrick Waldner

 

Kooperationen mit Firmen

«Die ersten Jahre waren herausfordernd, wir mussten ganz aus dem Nichts heraus ein völlig neuartiges Grossprojekt auf die Beine stellen», erinnert sich Schelker. Und noch immer sind viele Menschen verblüfft, wie breit das Angebot von OFFCUT ist. Viele staunen, dass es so etwas wie OFFCUT überhaupt gibt. Sehr schnell habe es sich allerdings herumgesprochen, dass OFFCUT gut erhaltenes Material entgegennimmt. «Immer wieder melden sich auch Leute, die ein Haus räumen und plötzlich auf dem Estrich auf Material stossen, das seit Jahrzehnten gehortet wurde. Manchmal wird ein Atelier aufgegeben und niemand weiss, wohin mit all den Sachen», sagt Schelker. Aber die Macherinnen suchen für OFFCUT nicht nur Bastelmaterial und «Kleinmate­rial»; sie möchten vielmehr Kooperationen mit Firmen aufbauen, bei denen regelmässig hochwertige Materialabfälle anfallen, und deren bisherige Entsorgungskreisläufe aufbrechen. Eine Druckerei liefert bereits heute grosse Posten von «Abfallpapier», das sehr beliebt ist. Auch Firmen, die Events organisieren, sind froh um OFFCUT, weil sie Material, wie zum Beispiel Bühnenmolton, kein zweites Mal einsetzen können, wenn es ein paar kleine Löcher aufweist. Kulturschaffende sind dankbare Abnehmer dieser Reststücke. 

Schweizweite Expansion

In der Zwischenzeit konnten mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit handwerklichen Grundausbildungen als Verkäuferinnen und Verkäufer im Materialmarkt eingestellt werden. Sie können einerseits ihr Fachwissen weitergeben und entlasten andererseits das Kern-Team. Dieses Kernteam besteht zurzeit aus Simone Schelker und Tanja Ganter, die ihre ganze Schaffenskraft in ihr gemeinsames Projekt inves­tieren und sich nun vor allem hinter den Kulissen für die Weiterentwicklung und Innovation von OFFCUT einsetzen. Seit kurzem konnte das Kern-Team für das Projekt OFFCUT Schweiz sogar aufgestockt werden.
Immer wieder empfahlen kreative Menschen in anderen Städten den beiden Macherinnen, mit OFFCUT zu expandieren. Dank der finanziellen Unterstützung von Engagement Migros, dem Förderfonds der Migros-Gruppe, konnten weitere Standorte in der Deutschschweiz angedacht und eine überregionale Dachorganisation aufgebaut werden. Dominik Seitz wurde mit dem Projekt OFFCUT Schweiz betraut; seit kurzem mit dabei ist auch die Projektas­sistentin Salome Thommen. Dieses Engagement ermöglicht es nun auch Simone Schelker und Tanja Ganter, ihr eigenes Projekt zu überprüfen und zu hinterfragen. Erste Workshops mit einem Team aus Zürich, das die erste Zürcher Filiale betreiben will, haben bereits stattgefunden. Simone Schelker und Tanja Ganter freuen sich auf diesen Austausch und sind stolz, dass ihr Projekt Nachahmer findet. Wer weiss, was noch alles kommen wird.

 

Text: Jay Altenbach-Hoffmann, Fotos: John Patrick Waldner