Pause für die Eltern. Kurz vor Oberwil werden die Kinder von einer bleiernen Müdigkeit übermannt und verschlafen die Entenfamilie am Biotop. Aber pünktlich zur Glacé sind sie wieder wach.

Pause für die Eltern. Kurz vor Oberwil werden die Kinder von einer bleiernen Müdigkeit übermannt und verschlafen die Entenfamilie am Biotop. Aber pünktlich zur Glacé sind sie wieder wach.

Rollend wandern

«Mami, wie lang gehts noch?» Jeder kennt diesen Satz – entweder von seinen Kindern oder aus der eigenen Kindheit. Kommt Langeweile auf, wird aus Wanderlust schnell Wanderfrust. Die neue Broschüre «Wandern mit Kinderwagen im Baselbiet» stellt zahlreiche Routen vor, die gar nicht langweilig sind und jeden Familienausflug unvergessen machen.

 

Fünf sagenhafte Minuten haben wir hinter uns, dann braucht Klein Jannis die erste Pau­se. Es ist nicht der Durst oder der Hunger, der ihn stoppt, sondern die Kühe am Wegrand. Eine badet in der Pfütze, andere liegen oder stehen auf der Weide. Der Zweijährige beobachtet, lacht und staunt. Ginge es nach dem Kind, könnte die Wanderung hier enden, noch bevor sie wirklich begonnen hat. Die Weggabelung beim Vita Parcours ist tatsächlich sehr gemütlich: Weiter vorne badet eine Familie am Bach, unweit davon befindet sich der Allschwiler Weiher und von überall her sind vergnügte Kinderstimmen zu hören, wahrscheinlich aus dem hier beheimateten Waldkindergarten. Doch wir haben andere Pläne – wir möchten nach Oberwil wandern. Es warten noch einige Überraschungen auf uns.
Mit Jannis im Kinderwagen geht es nun zügiger vorwärts, der Wagen rollt einwandfrei über den leicht steinigen Belag. Unsere Route führt uns durch den Allschwiler Wald, 220 Hektaren gehören zur Gemeinde Allschwil und 30 Hektaren zu Binningen. Wir passieren die Ortstafeln «Spitzwald» und bestaunen die Holzskulpturen beim «Unterlangholz». Direkt an einer Strasse liegt hier der erste Grillplatz, wir wandern aber zum «Chuestelli» weiter und erhoffen uns dort ein idyllischeres Plätzchen.

 

Wer vorwärts kommen will, muss fahren – so sieht es das Mami. Und der Sprössling? Der würde lieber spazieren, schliesslich hat er alle Zeit der Welt.

Wer vorwärts kommen will, muss fahren – so sieht es das Mami. Und der Sprössling? Der würde lieber spazieren, schliesslich hat er alle Zeit der Welt.

 

Hunderte Stunden Arbeit

Das Weitergehen lohnte sich. Ein paar Höhenmeter später nehmen wir an einer ­tipptopp gepflegten Feuerstelle Platz, auf schönen Holzbänken. Rundum finden wir mehr als genug Kleinholz, wir feuern an, breiten die Picknickdecke aus und die Kleinen suchen Steine, Hölzer, Blätter. Ein Vater mit seinen zwei Kindern stösst dazu, ein Pferd zieht die Blicke auf sich, Traktoren lassen die Kinderaugen leuchten und viele Hunde erfreuen die Sprösslinge.
Jetzt spüren wir den Aufwand hinter der Broschüre «Wandern mit Kinderwagen im Baselbiet». Hunderte von Stunden hat das Projektteam daran gearbeitet. Jede Route wurde auf ihre Tauglichkeit geprüft, teilweise auch mit Testfamilien. Ins Heft geschafft haben es nur Strecken, die für Kinder jeden Alters attraktiv sind, für Eltern interessant und kinderwagentauglich. Unsere Wanderung von Allschwil nach Oberwil scheint voll und ganz ins Konzept zu passen. Dabei sind wir noch nicht einmal in der Hälfte.
Unsere Strecke ist als mittelschwer ange­ge­ben, ist 6,4 Kilometer lang. Die Distanz erscheint auf den ersten Blick kurz. Aber man ist mit Kindern unterwegs, die viele Pausen brauchen und den Wald entdecken wollen. Und so wird es späterer Nachmittag, bis wir via Landesgrenze zum Biotop gelangen, wo uns eine Entenfamilie be­grüsst. Abseits des Waldes führt der Weg mit Blick über Basel schliesslich hinunter nach Oberwil.
Die längste in der Broschüre beschriebene Route misst 7,5 Kilometer. «Auf eine Zeitangabe haben wir bewusst verzichtet», sagt Othmar Cueni von Wanderwege beider Basel, denn jedes Kind habe sein eigenes Tempo und unterwegs brauche man Zeit, sei es für Tierbeobachtungen, für die Grillete oder für die Spielplätze. Das Autorenteam Marianne und Karl Meyer stellt aber jede Wanderung ausführlich mit Bildern und Text sowie Angaben zu Höhenmetern und Wegbelag vor. 

 

Picknickdecke, Feuchttücher, Ersatzkleider, Znüni, Zmittag, Zvieri ... Wer mit Kindern unterwegs ist, schleppt den halben Haushalt mit. An der  Feuerstelle «Chuestelli» hat es Platz für fast alles.

Picknickdecke, Feuchttücher, Ersatzkleider, Znüni, Zmittag, Zvieri ... Wer mit Kindern unterwegs ist, schleppt den halben Haushalt mit. An der Feuerstelle «Chuestelli» hat es Platz für fast alles.

 

Das Beste zum Schluss

Die Familien mussten lange auf so eine Wander-Broschüre warten. Immer wieder wurde der Vereinsvorstand darauf angesprochen. Der Aufwand hat sich nun gelohnt: «Innert zwei Monaten wurden rund 600 Broschüren bei uns bestellt. Wir wurden regelrecht überrannt», freut sich Co-Präsident Othmar Cueni. Nicht zuletzt, weil der Verein mit mehrheitlich pensionierten Mitgliedern damit einen Weg gefunden hat, auch Junge anzusprechen. 
Wandern ist keine verstaubte Volkssportart mehr, sondern ein Erlebnis für die gan-ze Familie – voller Überraschungen. So endet unsere Entdeckungstour im Oberwiler Orts­zentrum mit einer Überraschung zum Schluss: Vor dem kleinen, fast unscheinbaren Lokal «Gabriella» bildet sich eine beachtliche Schlange; alle warten gemäss Plakat auf «Qualitätsglacé aus eigener Herstellung». Mmmhhh – das haben wir uns verdient.

 

Text und Fotos: Sarah Ganzmann