So sieht sie Hollywood. – Szenenbild aus dem Film «Woman walks ahead» (2017) mit Michael Greyeyes (Sitting Bull) und Jessica Chastain (Caroline Weldon). Foto: © DDA

So sieht sie Hollywood. – Szenenbild aus dem Film «Woman walks ahead» (2017) mit Michael Greyeyes (Sitting Bull) und Jessica Chastain (Caroline Weldon). Foto: © DDA

Sitting Bulls rechte Hand kam aus Basel

Die Baslerin Susanna Carolina Faesch (1844–1921) war eine Pionierin im Kampf für die Rechte der nordamerikanischen Ureinwohner. In den USA ist sie unter dem Namen Caroline Weldon bekannt. Thomas Brunnschweiler hat sich intensiv mit dem Leben und Wirken von Caroline Weldon befasst und schildert in einer literarischen Hommage eine wichtige Episode aus dem Leben der Beraterin von Sitting Bull. 

 

Der Vollmond stand bleich über der Prärie am Grand River. Pockennarbig sieht er aus, dachte die Frau im weissen bestickten Leinenkleid. Wie kam sie bloss auf Pocken? Ja, diese Krankheit war es gewesen, die unzäh­lige Ureinwohner des Kontinents hinweggerafft hatte. Sie wusste, dass es teilweise sogar britische Truppen gewesen waren, die mit Pocken verseuchte Bettdecken und Handtücher an die Indianer verteilt hatten. Es ist eine Tragödie, dass Kolumbus diesen Kontinent entdeckt hat, dachte sie. Noch immer blickte sie zum Himmel, hörte das dumpfe rhythmische Trommeln und den monotonen Gesang von Tatánka Íyotake. Die weissen Eroberer nannten ihn Sitting Bull, aber Tatánka Íyotake bedeutete eigentlich der Bisonbulle, der im Begriff ist, sich zu setzen, wie ihr Dolmetscher Smart Chipmunk – Schlaues Streifenhörnchen – erklärt hatte.
Im fahlen Schein des Mondes kam ihr die kaltgraue Stadt in den Sinn, aus der sie gekommen war. Hier am Grand River fühlte sie sich glücklich. Frei und – gebraucht. Denn sie erklärte den Lakota ihre Rechte, hatte Tatánka Íyotake Kartenmaterial gebracht, erledigte ihm die Korrespondenz. Zuvor hatte der Chief nicht einmal eine ­Ahnung gehabt, wie gross das Land war, auf das die Stämme Anspruch hatten. Jetzt bin ich der Stachel im Fleisch des Indianeragenten McLaughlin, flüsterte sie stolz in die Dunkelheit. Dieser irischstämmige Kerl hatte sie schlechtgemacht und die Presse hatte ihm aus der Hand gefressen. The white squaw of Sitting Bull, hatte die Presse sie genannt, die weisse Schlampe von Sitting Bull.

 

Sitting Bull, ca. 1883. Foto: D. F. Barry, zVg: Daniel Guggisberg

Sitting Bull, ca. 1883. Foto: D. F. Barry, zVg: Daniel Guggisberg

 

Schlangenbiss

Sie lauschte Tatánka Íyotakes Gesang, der vom Ruf einer Falkennachtschwalbe begleitet wurde. Ihr Schrei tönte fast wie das Zirpen einer Grille. Im Augenblick dachte sie nicht an die Zukunft ihrer Dakotas, wie sie ihre Freunde nannte. Das Schicksal ihres Sohnes Christie lag ihr näher. Dort drüben, drei Steinwürfe entfernt von der Hütte von Tatánka Íyotake, lag er seit drei Tagen in der Schwitzhütte des Chiefs und Medizinmanns. Seit drei Tagen kämpfte ihr so frem­der Vertrauter um das Leben ihres geliebten Sohnes. Warum nur hatte sie Christie hierher mitgebracht? Warum hatte sie ihn nicht in Brooklyn gelassen? Weshalb nahm sie überhaupt diese ganze Tortur auf sich und gefährdete damit ihr Leben und das­jenige ihres Sohnes? Würde ihr Sohn den Schlangenbiss überleben? Diese Fragen stie­gen in Caroline Weldon auf, als sie vor Sitting Bulls Hütte stand.
Obwohl es Sommer war, fröstelte es sie jetzt. Sie ging zurück zur Hütte, vor welcher Seen By The Nation, die ältere der beiden Frauen des Chiefs, über der Feuerstelle für Christie frischen Kräutertee aus Bilsenkraut und Schafgarbe zubereitete. Die Züge der Lakotafrau waren meist hart, aber nun huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.
«Toníktuka he?», fragte Seen By The Nation und meinte damit, wie es Caroline gehe. 
«Matányan», gab ihr Caroline zur Antwort. Es gehe ihr gut. Das war natürlich gelogen. Dies wusste auch ihr Gegenüber. Caroline, die hier Tokáheya Máni Win, die Voran­schrei­­tende, genannt wurde, sprach nur wenig Lakota. Bei längeren Gesprächen musste Smart Chipmunk dolmetschen, der in der Tagesschule der Weissen Englisch gelernt hatte. Caroline hatte rasch gemerkt, dass Tatánka Íyotake sich keinerlei Mühe gab, die Sprache seiner Lagerwärter zu lernen. Wie viel er trotzdem verstand, würde sie wohl nie erfahren.
Sie schloss die Tür der Blockhütte und setzte sich an ihren winzigen Schreibtisch, den sie in Fort Yates gekauft hatte. Sie versuchte, einen Bericht an Thomas Bland fertig­zustellen. Er, der Gründer der National In­dian Defence Association, ist ein aufrechter Kämpfer für die Rechte der Indianer, dachte Caroline. Doch sie konnte sich nicht auf das Schriftstück konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften ab zu jenem schrecklichen Abend. 
Ihr nun fast vierzehnjähriger Sohn und Crow Foot, der drei Jahre ältere Sohn von Tatánka Íyotake, waren in der Dämmerung auf Kaninchenjagd gegangen. In einem Gehölz am Fluss, so erzählte Crow Foot später, habe er plötzlich ein trockenes rasselndes Geräusch gehört. Singtéhla, Singtéhla, habe er geschrieen, eine Klapperschlange, eine Klapperschlange! Aber es war zu spät, das Tier hatte sich bereits an der linken Wade von Christie festgebissen. Crow Food reagierte blitzschnell, zog sein Messer und rammte es der Schlange in den Hinterkopf. Er wusste, was zu tun war, entsperrte mit festem Griff die Kieferstarre, warf die Schlange weit weg ins Unterholz und machte neben der Wunde einen Schnitt, aus dem er mit hastig zusammengerauften Blättern das böse Blut presste. Dann trug er Christie zur Hütte und rief um Hilfe.
Crow Foot und sein Vater hatten einige Sätze gewechselt, die Caroline nicht verstand. Dann trug der Medizinmann Christie fort und gebot Caroline und seinen beiden Frau­en, bei der Hütte zu bleiben. Drei Tage lang blieb Tatánka Íyotake in der Schwitzhütte, drei Tage lang ertönten fast ununterbrochen seine Handtrommel und die heisere Stimme seiner rituellen Gesänge. Ihr älterer Genosse tat etwas, was selten vorkam. Die meisten Lakota sahen in einem Schlangenbiss ein böses Omen. Oft wurden die Gebissenen deshalb kaum gepflegt und starben eines schrecklichen Todes. Aber ­Tatánka Íyotake kümmerte sich um Christie wie ein Vater um sein eigenes Kind.

 

Hier wohnte Caroline Weldon bei Sitting Bull. Hütte im Januar 1891 mit Sitting Bulls  beiden verwitweten Frauen und ihren Töchtern. Foto: zVg, Daniel Guggisberg

Hier wohnte Caroline Weldon bei Sitting Bull. Hütte im Januar 1891 mit Sitting Bulls  beiden verwitweten Frauen und ihren Töchtern. Foto: zVg, Daniel Guggisberg

 

Der Antrag

Caroline hörte plötzlich nur noch den Ruf der Falkennachtschwalbe. Kurz darauf traten der Chief und Smart Chipmunk ein. 
Tatánka Íyotake sprach und der junge Lakota übersetzte: «Tokáheya Máni Win muss sich keine Sorgen mehr machen. Tatánka Íyotake hat den Geist der Grossen Schlange versöhnt. Er hat Wurzelpulver des Sonnenhuts auf die Wunde gerieben. Er hat Christie eine Abkochung von Sonnenhutwurzeln, Silberkerze und Goldrute zu trinken gegeben. Er hat die Klapperschlangenwurzel, die er vor fünf Jahren im Land der Grossen Mutter im Norden von einem Medizinmann der Seneca erhalten hat, benutzt, um die Hitze des Blutes zu kühlen. Tatánka Íyotake sagt, mor­gen ist Christie gesund.» 
Caroline wollte dem Mann, der unter dem Namen Sitting Bull bekannt war, aus Dankbarkeit um den Hals fallen. Doch solche Nähe, das wusste sie, liess er nicht zu. Tatánka Íyotake sah sie fest an und gab Smart Chipmunk mit einer Handbewegung zu ver­stehen, er solle die Hütte verlassen. Caroline und der Chief waren allein. Der Mann, der neben drei Bärenzähnen auch ein Kruzifix als Talisman um den Hals trug, schien in diesem Augenblick undurchschaubar. Dann trat er einen Schritt auf Caroline zu und sagte mit fester Stimme:
«Hingnámaya oyákihi he?» 
Caroline verstand sofort. Der grosse Sitting Bull, der Held von Little Bighorn und renitente Chief der Hunkpapa, hatte soeben um ihre Hand angehalten. Caroline erstarrte. Noch nie in ihrem Leben geriet der Boden unter ihren Füssen so ins Wanken wie jetzt. Nicht einmal auf dem Dreimaster, der sie nach Amerika gebracht hatte, war ihr so schwindlig gewesen. Etwas zog sie zu dem älteren Mann mit dem markanten Gesicht hin, etwas stiess sie in diesem Augenblick ab. Tatánka Íyotake war mit zwei Frauen verheiratet. Wollte sie diesen Mann mit diesen Frauen teilen? Sie empfand sich als gleichwertig mit dem Chief. Würde sie sich mit einem Ja zu seinem Antrag nicht unterordnen? 
«Hiyá, owákihi shni! Nein, das kann ich nicht!», sagte sie nach einer Weile und machte eine ablehnende Geste. Tatánka Íyotake sah ihr lange unverwandt und traurig ins Gesicht, dann wandte er sich um, verliess schweigend die Hütte und verschwand in der Nacht.

 

Text: Thomas Brunnschweiler

 


Ein bewegtes Leben

 

Das einzige erhaltene Foto von Caroline Weldon:  Aline Estoppey and Caroline Weldon  (rechts), Mount Vernon, 1915.  Foto: zVg, Daniel Guggisberg

Das einzige erhaltene Foto von Caroline Weldon: Aline Estoppey and Caroline Weldon (rechts), Mount Vernon, 1915. Foto: zVg, Daniel Guggisberg

 

Susanna Carolina Faesch wurde am 4. Dezember 1844 im Kleinbasel als jüngstes Kind von Lukas und Anna Maria Barbara Faesch-Marti geboren. Der Vater, ehemaliger Stabsoffizier der französischen Armee, war Wiesenbannwart. Da sich die Mutter in den deutschen Revolutionär Karl Heinrich Valentiny verliebte, folgte sie ihm nach ihrer Scheidung 1852 nach Brooklyn; die Tochter Carolina nahm sie mit. Die künstlerisch begabte Carolina kehrte mit etwa 19 Jahren für kurze Zeit in die Schweiz zurück. 1866 heiratete sie den Arzt Bernhard Claudius Schlatter, der in Brooklyn eine Praxis eröffnete. Schlatter konnte den künstlerischen Lebensstil seiner Frau nicht mit seiner Einstellung vereinbaren und die beiden trennten sich. Nach der Trennung liess sich Carolina mit einem Abenteurer ein, wurde schwanger und gebar einen Sohn. Mit dem Erbe ihrer Mutter ergab sich für Carolina die Möglichkeit, ihrer Leidenschaft für die indigene Bevölkerung nachzugehen. Sie reiste 1889 ins Dakota-Territorium, um bei den Lakota in der Standing Rock Reservation zu leben. Um ihre Vergangenheit zu verschleiern, legte sie sich den Künstlername Caroline Weldon zu, gab sich als Witwe aus und trat der National Indian Defense Association bei, um die Lakota im Kampf gegen die US-Regierung zu unterstützen. Im Juni 1889 kam sie an den Grand River, wo Sitting Bull mit seiner Familie in einer Hütte lebte. Sie wurde dessen Sekretärin und Beraterin. Beim zweiten Besuch 1890 brachte sie ihren Sohn Christie mit. Indianeragent McLaughlin empfand Caroline Weldon als Konkurrentin, die Presse desavouierte sie. Die Lakota nannten sie ehrerbietig Tokáheya Máni Win (Woman Walking Ahead). Weldon malte insgesamt vier Porträts von Sitting Bull. Als sich die irrationale und für die Weissen bedrohliche Geistertanzbewegung im Gebiet der Lakota ausbreitete, warnte Weldon Sitting Bull vor negativen Folgen. Sie stiess auf taube Ohren und verliess das Reservat. Auf dem Weg nach Kansas starb ihr Sohn Christie an einer Blutvergiftung. Kurz darauf wurde Sitting Bull ermordet. Als gebrochene Frau kehrte Weldon nach Brooklyn zurück und starb dort 1921 bei einem Zimmerbrand. 2016/17 wurde Weldons Aufenthalt bei Sitting Bull von Susanna White verfilmt. Jessica Chastain spielt die weibliche Hauptrolle.