Grüne Kinderstube: Für eine neue Kreuzung muss Valentin Blattner hunderte Jungreben grossziehen. Fotos: Christian Jaeggi

Grüne Kinderstube: Für eine neue Kreuzung muss Valentin Blattner hunderte Jungreben grossziehen. Fotos: Christian Jaeggi

Der querdenkende Pionier

Früher wurde Valentin Blattner mit seinen Rebsorten belächelt und vergrault. Heute sind seine pilzwiderstandsfähigen PiWi-Züchtungen auf der ganzen Welt gefragt. Zu Besuch bei einem Querdenker und Vorkämpfer für ökologischen Weinbau.

 

BirsMagazin: Valentin Blattner, in Soyhières ist es viel zu feucht für Weinbau. Warum kultivieren Sie Ihre Reben trotzdem genau hier?

Valentin Blattner: Im jurassischen Birstal ist das Klima für den Anbau von Wein alles andere als optimal. Gerade deshalb eignet es sich für die Züchtung pilzresistenter Sorten. Wenn sie hier überleben, können sie auf der ganzen Welt bestehen.

Wie sind Sie als Reinacher im Niemandsland bei Delsberg gelandet?

Ich bin bewusst im Birstal geblieben. In Soyhières störe ich niemanden mit meinen Pilzen in den Reben. Das war wichtig, als ich Anfang der 90er-Jahre als Erster im Jura mit Weinbau begann. Davor bereitete mir der Bund ewig Scherereien: Zuerst beschwerten sich die Behörden, weil ich Reben ausserhalb der erlaubten Fläche anpflanzte. Nachdem ich mir das Pflanzrecht erkämpft hatte, wurden meine «giftigen» Züchtungen verboten.

 

«Ich bin der Röschtigraben»: Die deutsch-französische Sprachgrenze verläuft durch Valentin Blattners Rebberg. Foto: Christian Jaeggi

«Ich bin der Röschtigraben»: Die deutsch-französische Sprachgrenze verläuft durch Valentin Blattners Rebberg. Foto: Christian Jaeggi

 

Wie kamen Sie dazu, pilzwiderstandsfähige Sorten zu züchten?

Nach der Ausbildung im Landwirtschafts­zentrum Ebenrain und im Tropeninstitut war ich für die Ciba-Geigy in Mozambique. Dort sah ich, wie giftige Spritzmittel mit dem Flugzeug auf den Baumwollfeldern verteilt wurden – ohne Rücksicht auf Arbeiter und Bevölkerung. Da begann ein radikales Umdenken. Ich wollte es besser machen und für eine Landwirtschaft ohne Einsatz von Gift kämpfen. Weinbau muss nachhaltiger werden.

Warum ist eine Resistenz gegen Pilzkrankheiten wichtig?

Im konventionellen Weinbau wird regelmässig Fungizid gespritzt. Das schwächt die Pflanzen und das Bodenleben – ein Teufelskreis. Im Bioweinbau kommt Kupfer zum Einsatz. Ein natürlicher Wirkstoff – aber auch ein Schwermetall, das sich im Boden anreichert. Wirklich nachhaltiger Weinbau funktioniert nur mit pilzresistenten Rebsorten, die keine oder fast keine Behandlungen brauchen. Das dient der Biodiversität und effizient ist es auch: Ich habe 80 Prozent Ertrag mit einem Viertel des Aufwands. Viele wollen vollen Ertrag – das ist Blödsinn, weil die letzten paar Prozent den Aufwand verdoppeln.

Woher kommt die Resistenz?

Die europäische Weinrebe Vitis Vinifera ist anfällig für Pilzkrankheiten wie der Echte und der Falsche Mehltau oder die Reblaus – diese wurden im 19. Jahrhundert aus Nordamerika eingeschleppt und haben grösste Schäden angerichtet. Die Reben waren wehrlos, weil sie keine Resistenz aufweisen – im Gegensatz zu amerikanischen oder asiatischen Sorten, die aber für Weinbau nicht geeignet sind. Meine Aufgabe ist es, die Resistenz solcher Sorten mit dem Charakter der Vinifera-Reben zu kombinieren – eine grosse Herausforderung. Bei der Kreuzung versucht man zudem, mehrere Abwehrmechanismen miteinander zu kombinieren – der Pilz ist ja nicht blöd, er züchtet sich auch weiter.

Wie wird eine neue resistente Sorte gezüchtet?

Eine Rebe kann sich selber befruchten. Um das zu verhindern, werden zur Blütezeit die männlichen Staubgefässe von Hand weggezupft. Später wird die Blüte mit dem Pollen einer ausgewählten Vaterrebe bestäubt. Mit den Kernen, die dabei entstehen, werden Jungreben gepflanzt. Aus den besten Pflanzen wird ein Versuchswein gekeltert. Am Anfang trägt eine neue Züchtung den Namen ihres ursprünglichen Standorts im Rebberg. Sauvignac hiess VB Cal 6-04 – weil sie in Reihe 6 an Platz 04 wuchs.

Wie viel Zeit benötigt die Zucht einer neuen Rebsorte?

Etwa sieben Jahre. Mit heutigen Methoden nur noch drei. Wegen des Papierkrams kann es dann aber gut nochmals sieben Jahre dauern bis zur Zulassung.

Erfordert die Forschung viele Reisen?

Ja. Ich bin etwa die Hälfte des Jahres unterwegs. Frech gesagt, betreibe ich die grösste Forschungsanlage der Welt: Meine Testfläche umfasst weltweit über 20 Hektar – wenn ich alle Partner dazurechne. Die Reisen führen mich nach Frankreich, Spa­nien oder Deutschland, aber auch nach Neuseeland oder Thailand. Auch mit Universitäten arbeite ich zusammen: In Georgien gibt es hunderte uralte Rebsorten mit interessantem Gen-Pool. Und in Minne­sota geht es um die Zucht kälteresistenter Sorten. Die Samen meiner Züchtungen werden bis nach Kanada oder Australien verschickt.

Welche Blattner-Sorten haben das grösste Potenzial?

Sauvignac ist aktuell eine der intelligentesten Rebsorten. Dank Mehrfachkreuzungen widersteht sie fast allen Krankheiten. Und weil Sauvignon Blanc und Riesling ihre Gene mitgeben, hat die Sorte auch eine wunderbare Aromatik – ideal für das Wallis oder Spanien. In Frankreich ist Sauvignac, trotz erfolgreicher Versuche in Bordeaux, noch nicht offiziell zugelassen und muss als «Wein aus Versuchsreben» deklariert werden. Einen Schritt weiter ist Cabernet Blanc. Die Sorte könnte 2020 die weitverbreitetste PiWi-Traube in Deutschland sein. Eine sehr resistente Varietät mit super Qualität und tollem Geschmack. Sie muss 80 Prozent weniger gespritzt werden. Ich mag beide Sorten sehr – als Weinliebhaber züchte ich ja auch aus Eigennutzen.

 

Interview: Joël Gernet, Fotos: Christian Jaeggi