Auf einem Hochplateau thront die Klosteranlage Mariastein über dem solothurnischen Leimental. Foto Chrisitan Jaeggi

Auf einem Hochplateau thront die Klosteranlage Mariastein über dem solothurnischen Leimental. Foto Chrisitan Jaeggi

Ein Kloster am Scheideweg 

«Mariastein 2025» heisst das Projekt, das die Klostergemeinschaft für die Zukunft fit machen soll. Die strategischen Ziele sind ambitiös. Zum Projektleiter hat Abt Peter von Sury den früheren SRG-Kadermann Mariano Tschuor (61) ernannt, der eine komplexe Aufgabe vor sich hat.

 

«Z’Bsuech» in Mariastein war Mariano Tschuor schon vor 25 Jahren, als er die beliebte TV-Sendung moderierte. Damals hatte der SRG-Mann aus dem bündnerischen Laax wohl kaum daran gedacht, dass er als Coach der benediktinischen Mönchsgemeinschaft nach Mariastein zurückkehren würde. Als Projektleiter im Mandatsverhältnis hat er zum Neujahr 2019 am Klosterplatz seine Klause ohne Klausur bezogen. Der Zugang ist niederschwellig ebenerdig. In den Klostermauern bittet Mariano Tschuor zu Tisch. Er hat dafür den pensionierten Koch und Freund Gion Camathias engagiert, mit dem er sich im surselvischen Rumantsch unterhält. Typisch bündnerisch sind die Capuns als Vorspeise und die Maluns zum zarten Rehschnitzel mit Kastanien und Rotweinbirne. Im Gästerefektorium deckt Tschuor auf den blanken Holztischen sorgsam Teller, Gläser und Besteck ein. Nach dem Tischgebet «Komm Herr Jesu, sei unser Gast» sitzen sich der Gastgeber und der Maienfelder Pater Ludwig Ziegerer gegenüber. Der Seelsorger und Leiter der Wallfahrten erzählt von Besuchern, die er in der Gnadenkapelle entscheiden lässt, ob sie mit einem «Vater unser» und der Verehrung «Gegrüsst seist du, Maria» zu Pilgern werden oder bloss als Touristen die Kapelle besuchen wollen. Auch Mariano Tschuor hat in der Gruft schon Töff-Rocker nach dem Ziel ihrer Wall­fahrt angesprochen und unerwartet spirituelle Antworten erhalten. Derweil kitzeln im Gaumen die Mangoldblätter. 

 

Links: Mariano Tschuor im Gespräch mit Pater Ludwig Ziegerer zu Tisch im Gästerefektorium

Links: Mariano Tschuor im Gespräch mit Pater Ludwig Ziegerer zu Tisch im Gästerefektorium

 

Mission Mariastein 

Mariano Tschuor zeigt uns seine Lieblingskapelle der «Sieben Schmerzen Mariens». Es ist ein Raum der Andacht über dem Abgrund des Felsens. Aber welche Mission hat der Projektleiter in Mariastein zu erfüllen? Abt Peter von Sury hat den früheren Kadermann der SRG und Direktor von RTR, der Radiotelevisiun Svizra Rumantscha, für das Projekt «Mariastein 2025» gewonnen. Dabei geht es um die Zukunft der Mönchsgemeinschaft und des Wallfahrtsorts, der von jährlich einer Viertelmillion Menschen besucht wird. Das sind nicht nur die Pilger, die am ersten Mittwoch des Monats mit Kursbussen von Laufen über die Challhöhe nach Mariastein und weiter bis nach Bad Säckingen zur Eucharistiefeier wallfahren. Es sind Tausende Besucher, die das ganze Jahr über an Werk-, Feier- und Sonntagen in die neubarocke Basilika strömen, um Wort und Musik zu hören und die Beichte und den Segen zu empfangen. 

 

Denkt über die Zukunft des Klosters nach: Projektleiter Mariano Tschuor

Denkt über die Zukunft des Klosters nach: Projektleiter Mariano Tschuor
 

Die neubarocke Klosterkirche erstrahlt nach der Renovation wieder in neuem Glanze.

Die neubarocke Klosterkirche erstrahlt nach der Renovation wieder in neuem Glanze. 

 

Bange Zukunftsaussichten

Es ist eine Frage der Zeit, wie lange die Benediktiner in ihrer jetzigen Form mit Seelsorge und Verkündigung, Unterhalt und Löhnen auf dem 500 Meter hohen Hochplateau von Metzerlen überleben können. Das Projekt «Mariastein 2025» ist denn auch mehr als «nice to have»; es ist eine Frage der Existenz und der Zukunft des Klosters. 
Wie kann der Projektleiter die 17 Mönche von der notwendigen Neuausrichtung über­zeugen? Mariano Tschuor führt intensive Gespräche, um seinen Plan nach einer Phase der Auslegung der Realisierung zu­zuführen. «Wir müssen über den Tellerrand hinaussehen und unser Selbstverständnis hinterfragen», meint Tschuor. Und anschaulich ergänzt er: «Wir zimmern einen Resonanzboden, der die neuen Ideen zum Tragen bringt». 
Das Klosterleben ist neben den Pflichten bei Stundengebet und Gottesdiensten geprägt durch die Verkündigung von Wort und Musik, durch die Liturgie, das Orgelspiel und den Gesang der Choralschola, den einstimmigen gregorianischen Choral. Der Niederösterreicher Christoph Anzböck hat zu Beginn des Jahres die Nachfolge des langjährigen Klosterorganisten Benedikt Rudolf von Rohr übernommen. Der für die Kirchenmusik zuständige Pater Armin Russi freut sich über das lebendige Spiel des jungen Musikers, der vor Jahresfrist sein Stu­dium an der Schola Cantorum Basiliensis mit einem «Master of Arts» abgeschlossen hat. Neuerdings gastieren die Basler Madrigalisten als professioneller Chor in der Ba­silika bei Konzerten wie zur vokalen Unterstützung der Festgottesdienste. 

 

Koch Gion Camathias in der Mariasteiner Klosterküche

Koch Gion Camathias in der Mariasteiner Klosterküche

 

Ambitiöse Ziele und Strategien 

2021 kann das Kloster Mariastein des fünfzigjährigen Bestehens nach seiner Aufhebung von 1874 und der staatsrechtlichen Wiederherstellung im Jahr 1971 durch den Kanton Solothurn gedenken. Bis 2025 muss Mariano Tschuor einige Felder beackern, um zu ernten. So die Wallfahrten neu ausrichten, die Immobilien effizient bewirtschaften, den Klosterplatz in eine ver­kehrsfreie Begegnungszone verwandeln, die Finanzen durch geeignete Massnahmen wie Fundraising und Marketing verbessern; nicht zuletzt den «genius loci» (Wikipedia weiss Rat) des Klosters und seine benediktinisch geprägte Spiritualität bestärken. 
Mariano Tschuor strahlt Zuversicht aus. Er will «Menschen an einen Tisch setzen». Bei Rehschnitzel und mehr sind sich der Projektleiter und der Wallfahrtsmönch schon mal näher gekommen. «Manchmal irritiere und provoziere ich das beschauliche Kloster­leben mit meinen Anregungen ein wenig. Natürlich sehr fein dosiert», sagt Mariano Tschuor. Ein Anfang ist gemacht, und bis 2025 ist es noch ein langer Weg. Es folgt die Kärrnerarbeit, denn die zahlreichen Problemstellungen erfordern besondere Anstrengungen. Die Mönchskultur kennt ihre eigenen Gesetze von Bedächtigkeit und Behutsamkeit. Und diese sind nicht allein von Gottes Gnaden bestimmt!

 

Im Gang auf dem Weg in die Tiefe zur Gnadenkapelle

Im Gang auf dem Weg in die Tiefe zur Gnadenkapelle

 

Text: Jürg Erni, Fotos Christian Jaeggi