Ein Tag in Solothurn. Fotos: Christian Jaeggi

Ein Tag in Solothurn. Bildlegende siehe Kasten. Foto Christian Jaeggi.

Eine Stadt für alle

Artikel lesen, Tasche packen, Geld beziehen, Hotel buchen, Zugbillet kaufen und ein perfektes Wochenende in Solothurn erleben. Ein Wochenende auf den Punkt gebracht. Mit Adressen zum Einkehren, Einkaufen und Einschlafen.

 

Solothurn beheimatet den Bischofsitz des Bistums Basel, ist der Hauptort des gleichnamigen Kantons, der in zehn Bezirke unterteilt ist, zu dem auch der Bezirk Dorneck gehört. Solothurn ist die Stadt der Heiligen, Helden, Lehrer, Hochwohlgeborenen und geschwätzigen Rocker. Sie ist eine Oase für Rebellen, Filmemacher, zechende Literaten, Schöngeister, Müssiggänger und Genossenschafter. Kurz, ein Ort für alle, bei dem sich die unterschiedlichsten Charaktere bei einem Glas oder zwei «Salü» sagen. Höchste Zeit, die Stadt zu entdecken. Solothurn liegt am Meer. Dann, wenn sich die Schriftsteller zu den Literaturtagen treffen und poetisch alles möglich wird. In den Beizen bleibt es sachlich, in der «Grünen Fee» wird’s utopisch. Der Name der Beiz ist 
Programm, der Absinth fliesst, das Wasser tropft aus dem Hahnen, der Zucker schmilzt, der Rausch tritt auf und wieder ab. Auf und ab geht es auch bei den Turmtreppen­stufen der St. Ursen-Kathedrale. Wer sie als Morgengymnastik nützt, bekommt zur Belohnung manch Verborgenes der Stadt zu sehen. Wie auch den Kolonialwarenladen von Urs Jeger, kurz Kerzenjeger genannt, dessen Übername durch das grosse Verkaufssortiment an Kerzen und mit dem Nutzungsrecht der Liegenschaft zu tun hat, wonach der jeweilige Geschäftsinhaber der ortsansässigen Honolulu-Fasnachtsgesellschaft am Vorabend der «Chesslete» die Kerze zur Narrenlaterne zu schenken hat. Unter dem Jahr verschenkt Urs Jeger aber nichts, sondern verkauft seine Ware zu 
korrektem Preis: süsse Versuchungen, Lebenswasser, Liköre, Aperitife und diverse Spe­zialitäten mehr. 

In der Schlange

Mehr Leute gehen beim besten Willen nicht rein, in den kleinen Verkaufsladen der Holzofenbäckerei Müller. Aus den Reihen wird eine Schlange bis in die Gasse hinaus. Einige geben auf und besuchen den «Märet» im Irrglauben, dass sich die Schlange auflösen wird. Erst wenn das letzte Brot verkauft ist, wird’s ruhig. Ruhig ist es manchmal im Innenhof vom «Vini», wenn nicht gerade eine Gesellschaft feiert. Dann flüchtet der Gast in die Stube und trifft vielleicht auf den Kunstmaler Walter Robélé, der einem gerne erklärt, warum er als Basler nach Solothurn ausgewandert ist. Der Tag geht, der Appetit ist da, und wer zu Sonja Guzzanti kommt, nimmt sich Zeit, lehnt zurück, lässt sich treiben und gibt ihr eine Carte blanche. Vier Tische, zwölf Gäste und ein Korb voller Aromen. Sonja Guzzanti kocht, kredenzt, schenkt ein und nach, holt das eigene Brot, die Käsestangen aus dem Ofen, sautiert die Steinpilze, schüttet die Tajarin ab, fatto in casa versteht sich, richtet an und serviert. Nörgler und Besserwisser kommen nicht hierher, denn bei «Söne» zu sein ist ein Geschenk, ist eine Auszeit vom Alltag zum Freundschaftspreis. Für einen Augenblick kehrt gefrässiges Schweigen ein. Der nächste Gang ist serviert.

 

Text: Martin Jenni, Fotos: Christian Jaeggi