Wie der Nektar zum Honig wird

Wie der Nektar zum Honig wird  (siehe Kasten). Foto: Marco Aste

Eine Welt für sich

Wenn Hobby-Imker Roland Stebler aus Gempen von seinen Bienenvölkern erzählt, wird schnell klar: Für dieses Hobby sind nicht nur fundiertes Wissen und Erfahrung gefragt, sondern auch Respekt und eine ganze Menge Intuition.

 

Fragt man Roland Stebler (59), was das Imkern für ihn bedeutet, muss er nach den richtigen Worten suchen. «Es ist für mich wie eine Therapie», sagt er schliesslich. Er erzählt davon, dass er zuerst lernen musste, den inneren Schalter auf «Ruhe» umzustellen, wenn er zu seinen Bienen geht. Vor neun Jahren bat ihn sein Vater, der schon seit vierzig Jahren imkerte, ihm zur Hand zu gehen. Stebler hatte den Imkerkurs noch nicht abgeschlossen, als sein Vater starb und ihm sechzehn Bienenvölker hinterliess. Mit seinem bescheidenen Grundwissen und ein wenig Erfahrung gestaltete sich sein Einstieg in die Imkerei denn auch eher «instinktiv». Er übersah Anzeichen und Signale der Bienen oder konnte sie nicht richtig deuten, machte Fehler und kassierte Stiche. «Anfangs hatte ich sehr viel Respekt und ging nur mit Schleier und Handschuhen zu den Bienen», erinnert er sich. Mittlerweile verrichtet er die Arbeit grösstenteils in normaler Kleidung. 

 

Roland Stebler hätte nie gedacht, dass ihn Bienen einmal derart faszinieren würden. Foto: Marco Aste

Roland Stebler hätte nie gedacht, dass ihn Bienen einmal derart faszinieren würden. Foto: Marco Aste

 

Die Bienen lesen

Grundlage dafür ist ein respektvoller Umgang. So klopft Stebler zum Beispiel ans Türchen und wartet ab, bis die sogenannten Wächter erkannt haben, dass der Besucher keine Gefahr ist. Erst dann beginnt er mit der Arbeit am Bienenstock. Im Frühling kontrolliert er, ob noch genug Futter – ein spezielles Zuckerwasser – vorhanden ist, ob das Volk gesund ist, ob die Königin den Winter überlebt hat und ob eine Brut vorhanden ist. Alte, leere Waben müssen entfernt und durch neue ersetzt werden. 
Dabei arbeitet Stebler «in zügigem Zeit­lupentempo», sanft und effizient zugleich. Dauert es zu lange oder stört die Bienen sonst etwas, signalisieren sie das, indem sie ihren Summton oder ihren Geruch verändern. Dann sollte der Imker seine Sieben- sachen zusammensuchen, und zwar rasch. Ganz ohne Bienenstiche geht es aber auch bei einem erfahrenen Imker nicht. Die meisten Stiche erhält Stebler in die Arme und Beine, weil er die Bienen nicht sieht, wenn sie an ihn heranfliegen. Zwar hat er mittlerweile ein Gegengift entwickelt, sodass die fünf bis zehn Stiche, die er im Monat mit nach Hause bringt, kaum mehr anschwellen. Der Einstich selber und Stiche an empfindlichen Stellen sind aber immer noch schmerzhaft. Das tut der Faszination des Imkers aber keinen Abbruch. Noch heute entdeckt er immer wieder Neues, wenn er das fleissige Treiben seiner Völker beobachtet. Und beim Imkern, so sagt er, sei er gar in einer anderen Welt. «Alles andere interessiert mich dann nicht mehr.»

 

Wenn die Bienen eine Wabe «zuwachsen»,  ist der Honig erntereif. Foto: Marco Aste

Wenn die Bienen eine Wabe «zuwachsen»,  ist der Honig erntereif. Foto: Marco Aste

 

Die Bienenkönigin – Hoheit ohne Macht

Jedes Bienenvolk hat zwar eine Königin, aber die hat nur eine Aufgabe: möglichst viele, möglichst gesunde Eier zu legen. Alles andere basiert auf Volksentscheiden, das Überleben des Volkes hat Priorität. Gendefekte Eier werden aus der Brut aussortiert – bei den Bienen gibt es keine Schwächlinge oder Krüppel. Auch wenn das Volk zu kalt hat oder zu wenig Futter, werden Teile der Brut rausgeschmissen. Eine Königin lebt drei bis vier Jahre. Nimmt die Eileistung oder die Qualität der Brut nach etwa zwei Jahren ab, beginnen die Bienen, eine neue Königin zu ziehen, indem sie einige der besten Eier in grössere Brutzellen legen und sie mit Gelée Royal füttern. Die Königin, die als erste schlüpft, 
tötet ihre späteren Konkurrentinnen. Auch die alte Königin wird getötet, es sei denn, ein Teil des Volkes entscheidet sich, mit ihr zu schwärmen und sich eine neue Bleibe zu suchen. Beim Imkern wird allerdings nicht alles dem Volk überlassen. So kann der Imker die älter werdende Königin selber töten und eine neue, vom Züchter erstandene einsetzen. Oder er kann das Volk selber aufteilen, indem er einige Brut- und einige Futterwaben aus dem Stock entfernt und sie in sicherer Distanz in einen neuen Kasten einsetzt – die Bienen ziehen dort dann eine neue Königin und der Imker hat ein zusätzliches Volk. 

Hundert Prozent Natur

Dafür hat Stebler momentan allerdings keinen Bedarf. Mit seinen rund 20 Völkern an drei Standorten in Gempen und den zehn bis fünfzehn Stunden Zeitaufwand wöchentlich hat er für einen Hobby-Imker die obere Grenze erreicht. Der Ertrag, zwischen 100 und 300 Kilogramm im Jahr, sorgt dafür, dass sich das Hobby selber finanziert. Beim Verkauf dieses hundertprozentigen Naturprodukts unterstützt ihn seine Mutter, erhältlich ist sein Honig aber auch im Dorfladen.

 

Text: Sabina Haas, Fotos: Marco Aste