In einer der regelmässigen Weiterbildungen. Foto: Christian Jaeggi

In einer der regelmässigen Weiterbildungen. Foto: Christian Jaeggi

Mehr als eine gute Idee

Jährlich gibt der Kanton den Spitälern Schwerpunktthemen zur Qualitätssicherung vor. Was haben Judit Kedves, Oberärztin auf der Psychosomatik, und Stephanie Röösli, Stationsleiterin Psychiatrie, aus dem letztjährigen Auftrag zur interprofessionellen Zusammenarbeit gemacht?

 

In einem Spital sind Mitarbeitende verschie­denster Berufe tätig. «Interprofessionelle Ansätze dienen primär der Behandlungsqualität und stimulieren die Zusammen­arbeit zwischen den Mitarbeitenden und dem Lernen voneinander» – so der kantonale Ansatz zur Qualitätssicherung in den Spitälern. Das ist auch dem Laien einsichtig: Wenn Ärzte, Pflegende und Therapeuten intensiv zusammenarbeiten, sich austauschen, gemeinsam auf den Patienten und dessen Bedürfnisse schauen, dann kann das nur von Nutzen sein.

Pilotprojekt in der Klinik Arlesheim gestartet

Die Unternehmenseinheit Psychiatrie hat den kantonalen Auftrag aufgegriffen und ein Projekt lanciert, um ein interprofessionelles Weiterbildungskonzept auszuarbeiten. Die Interprofessionalität ist schon im Kern angelegt: Das Projekt wird verantwor­tet von Judit Kedves, Oberärztin auf der Psychosomatik, und der Stationsleiterin Psychiatrie, Stephanie Röösli. Auch das Interdisziplinäre ist beabsichtigt durch den Fokus auf Psychiatrie und Psychosomatik. Das neue Weiterbildungsformat soll ein gemeinsames Behandlungsverständnis – sowohl schulmedizinisch als auch anthroposophisch – über alle Berufsgruppen fördern und wo nötig aufbauen. Aktuell wird das Konzept aus den Stationen Psychiatrie und Psychosomatik umgesetzt, soll aber auf die gesamte Klinik ausgeweitet werden.

Gemeinsam für den kranken Menschen 

In der Klinik Arlesheim wird besonderer Wert darauf gelegt, dem kranken Menschen auf allen Ebenen seines Mensch-Seins unterstützend zu begegnen: auf der physischen, ätherischen, seelischen und individuell-biographischen Ebene. Trotz sinnvoller inhaltlicher Trennung zwischen verschiedenen Fachdisziplinen wie Onkologie, Psychiatrie, Kardiologie, Neurologie, die sich schwerpunktmässig einem bestimmten Diagnosebereich zuwenden, kann und darf der ganzheitliche Behandlungsansatz nicht verloren gehen, sind die beiden Projekt­leiterinnen überzeugt. «Als einzelne Therapeuten können wir etwas erreichen. Wenn wir es aber schaffen, als Gemeinschaft zu therapieren, dann ist das deutlich mehr. Wir treten als Behandlungsteam auf. Und das merkt der Patient», beschreibt Judit Kedves den Effekt des Interprofessionellen.

 

Die Projektleiterinnen Judit Kedves und Stephanie Röösli

Die Projektleiterinnen Judit Kedves und Stephanie Röösli

 

Von- und miteinander lernen und lehren

Nicht nur Ärzte, Pflegende und Therapeuten haben direkten Patientenkontakt, sondern auch die Mitarbeitenden von Empfang, Patientenaufnahme, Administration, Küche, Reinigung, Garten und Technischem Dienst. Sie alle stellen ihre berufliche Tä­tigkeit ganz in den Dienst des Patienten. Zugunsten des Patientenwohls kommt es darauf an, dass sowohl die verschiedenen Fachdisziplinen als auch die verschiedenen Professionen zusammenarbeiten. Ein interprofessionelles gemeinsames Verständnis für die Bedürfnisse des kranken Menschen ist dafür eine Voraussetzung. 

Eine gemeinsame Haltung entwickeln über die Professionen hinaus

Das gemeinsame Verständnis und die gemeinsame Haltung ermöglichen die zielorientierte therapeutische Arbeit, da so alle Beteiligten in dieselbe Richtung streben. «Ich glaube, das ist für die Patienten auch heilsam. Es reden alle vom Gleichen. Auch wenn die verschiedenen Professionen unterschiedliche Aspekte anschauen, ist das Bewusstsein für den gesamten Prozess dabei. Das vermittelt dem Patienten ein Gefühl von Ganzheit und Sicherheit», bestätigt Judit Kedves und ergänzt: «Man kann nicht für alle notwendigen Entscheidungen Handlungsanweisungen entwickeln, sondern wir wollen diese gemeinsame Haltung erarbeiten.» Denn auch wenn der Einzelne selbständig arbeitet, ist doch ein Bewusstsein für das Gesamte erhalten. «Wir brauchen nicht Strukturen, um zusammen zu arbeiten, sondern wir brauchen eine gemeinsame inhaltliche Basis, eine gemeinsame Sprache und ein Verständnis für die Arbeit des anderen», ergänzt Stephanie Röösli.
In diesem Sinn werden auch die Mitarbeitenden geschult, um vom Fachwissen und den Erfahrungen der anderen zu lernen sowie Sicherheit im Erkennen und Handeln zu gewinnen. 

 

Struktur der interprofessionellen Weiterbildung. Grafik: Markus Schmet

Struktur der interprofessionellen Weiterbildung. Grafik: Markus Schmet

 

Strukturiertes Konzept 

Die interprofessionelle Weiterbildung ist in drei Zeitsträngen angelegt: permanent, regelmässig und punktuell. Ärzte, Pflegende und Therapeuten können jederzeit auf die im Rahmen des Projektes aufgebaute Bibliothek zugreifen; für den Aufbau der Fachbibliothek wurde der Bedarf abgefragt. «Sie soll auch eine Begegnungszone sein und einen spontanen interprofessionellen Austausch ermöglichen», begründet Stephanie Röösli den bewussten Aufbau einer physischen Bibliothek zusätzlich zum Online-Zugang.
Sie beschreibt die regelmässige Schulung für Ärzte und Pflegende: «Über das Jahr verteilt führen wir wöchentlich ein Seminar durch, modulweise zu einem der vier Themen Anthroposophie, konkrete Krankheitsbilder, Fallbeispiele und Medikamentenlehre. Wir bereiten das zusammen vor und führen es auch gemeinsam durch.»
Vertiefungstage, ebenfalls zu den genannten Themengebieten, ergänzen das Paket.
Die beiden Projektleiterinnen sind überzeugt: «Das Gemeinsame ist mehr als die Summe seiner Einzelteile.» Insofern ist ihr Motto auch «Gemeinsam für den Patienten lehren, lernen und wachsen.»

 

Text: Verena Jäschke, Fotos: Christian Jaeggi, Grafik: Markus Schmet