Heidi Happy

Reiche Ernte


Welche Art von Rückmeldung ich nach einem Konzert ernte, hängt von ganz unterschiedlichen Faktoren ab. Natürlich spielt die Qualität des Auftritts eine Rolle. Übers Ganze gesehen, ist es aber so, dass ich nach einem Soloauftritt viel mehr Komplimente empfangen darf als nach einem Auftritt mit Band. Vielleicht verteilen sich die Komplimente auf die Bandmitglieder. Ich glaube aber, dass ich ohne Band im Rücken zugänglicher wirke, so dass man sich eher traut, mich anzusprechen. Es fängt schon während dem Auftritt an. Allein 
auf der Bühne rede ich mehr und ungefilterter als mit der Band, wo ich etwas be­dachter bin, da ich nicht möchte, dass sich die Bandmitglieder für mich schämen. Da geht auch beim Publikum etwas Hemmung verloren. Das merke ich an den Feed­backs. Von «Wahnsinnig berührend!» bis «Ich hab mich total in dich verliebt!» ist alles zu finden, wogegen nach Bandauftritten alles etwas kontrollierter klingt: «Schlicht überwältigend!» oder «Kompliment! Das hätte sogar international Potential.» Auch beim Verkaufsstand fühle ich den Unterschied. Nach der ausgeklügelten Lichtshow bei Bandauftritten, die mich gross und professionell erscheinen lässt, denkt wohl mancher, dass ich es nicht mehr nötig hätte, unterstützt zu werden. Bei Soloauftritten hingegen kann ich mit etwas Mitleid rechnen: «Die arme, so ganz allein auf der Bühne! Komm, wir kaufen eine CD, dann kann sie wenigstens beim Unterschreiben mit jemandem reden.» Dann denken sie sich lustige Namen aus um mich aufzuheitern oder offerieren mir ein ArliBrau – oder war es ein Ueli Bier. Die Konzerte mit Band sind natürlich auch tendenziell lauter und durch die ganze Aufmachung etwas distanzierter. «Sowas ist live cool, muss man aber nicht zuhause hören», denken wohl einige. Dass die Alben, die ich nach einer ruhigen Solo-Show verkaufe, dieselben sind wie jene, die ich nach einem wilden Bandauftritt anbiete, kann ja nicht jeder wissen.

 


 

Rudolf Trefzer

Nach der Ernte

 

Was haben Salami, Schinken, Käse, Sauerkraut, Konfitüren, Essiggurken, Sojasauce und Rauchlachs gemeinsam? Es handelt sich bei all diesen Erzeugnissen um unverwechselbare und eigenständige kulinarische Spezialitäten, die unseren Speiseplan auf vielfältige Art erweitern und bereichern. Und es handelt sich vor allem um Speisen, die ihre Existenz der Notwendigkeit verdanken, frische Nahrungsmittel 
so weiterzuverarbeiten, dass sie längere Zeit haltbar sind und als Vorrat für die 
karge Winterzeit dienen können. Blättert man in älteren Kochbüchern, findet man immer auch Anleitungen, um Früchte, 
Gemüse, Fleisch und Fisch haltbar zu machen. Neben chemischen Verfahren wie Räuchern, Fermentieren, Einsalzen und Einlegen (in Fett, Öl, Essig, Honig, Zucker, Schnaps) sind das auch physikalische Techniken wie Eindicken, Trocknen, Dörren, Sterilisieren und Kühlen. 

Bis auf das Sterilisieren waren all diese Verfahren schon in vorindustrieller Zeit bekannt. Doch seit man Kälte künstlich erzeugen kann (1876 wurde die Kompressionskältemaschine erfunden), hat sich das Kühlen unaufhaltsam zur wichtigsten Konservierungsmethode entwickelt und ist heute nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Mehr noch: Das Kühlen in verschiedenen Kältegraden ist ein derart universell anwendbares Verfahren, dass es praktisch alle traditionellen Konservierungstechniken ersetzen könnte. Doch dies würde unweigerlich zu einer beklagenswerten Verarmung unseres kulinarischen Repertoires führen. Denn die mittels der traditionellen Konservierungsverfahren verarbeiteten und haltbar gemachten Lebensmittel unterscheiden sich meist deutlich in Aussehen, Geschmack und Konsistenz von den frischen Grundprodukten. Da sie als eigenständige Spezialitäten unseren Speisezettel erweitern und uns wunderbare Geschmackserlebnisse bescheren, werden wir auch in Zukunft trotz Kühlschrank und Tiefkühler nicht auf sie verzichten wollen. 

 


 

Jürg Seiberth

«Was möchtest du werden, ...

 

... wenn du einmal gross bist?» Diese Frage bereitet den Boden für die Aussaat. Früher pflanzte man Stewardessen und Höhlenforscher, heute Influencer und Investigativjournalistinnen. 
Mein bester Freund wollte mit zwölf Astronom werden, denn damals hatte der Weltraum Hochkonjunktur. Er kannte bereits seinen ganzen Lebensweg: Studium, Praktika, Lebensstelle bei der NASA; nicht als Astronaut, sondern als Astronom, 
diese Unterscheidung war ihm wichtig. Er war ausgebucht bis zum 40. Lebensjahr. Ein solches Projekt bildet die Wurzel einer Karriere. Mein Freund wuchs dann natürlich in eine ganz andere Richtung, aber die Wurzel blieb und er gedieh prächtig.
«Sie sind also der ideale Senior Functional Consultant Dynamics 365 FO/AX?» lautet die Frage ein paar Jahre später. Du schaust zurück, du biegst zurecht, du schnipselst weg, du erfindest dazu. Wenn alles bereinigt ist, siehst du: dein bisheriges Leben ist ein hindernisfreier Weg, der völlig gradlinig zum Senior Functional Consultant führt. – Es gibt natürlich auch Leute, die aus einer Wirtschaftsanwaltsdynastie stammen, immer Wirtschaftsanwalt werden wollten und es auch werden. Das finden wir alles wahnsinnig wichtig und prägend. Ganz anders sah es John Lennon: «Life is what happens while you are busy making other plans.» Diesen Satz liebe ich, denn neben unserer Karriere – ganz gleich, ob Perlenkette oder Scheiterhaufen – entsteht unbemerkt unsere wirkliche Biografie, werden wir Mensch.
Ungefragt erzählen uns deshalb alte Menschen ihre Geschichten. Wir kennen diese Geschichten schon, sie scheinen uns nicht nützlich, denn sie erzählen selten von Karrieren. Und wir wissen, dass sie teilweise auch nicht wahr sein können. Aber die Nützlichkeit und die Wahrheit sind bei diesen Geschichten unwichtig. Der Bedeutung müssen wir nachspüren, dann erkennen wir die Bedeutung des Menschen, der uns gegenübersitzt. Diese Geschichten sind wertvoll, denn sie sind die Quintessenz eines Menschenlebens, die Ernte gewissermassen.

 


 

Anita Fetz

Unser Wasserschloss

 

Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. In den Alpen gibt es nicht nur Gletscher, dort entspringen auch einige der grossen Flüsse Europas. Aus dem Gott­hardmassiv allein sind das der Rhein, die Reuss, der Ticino und die Rhone. Sie bringen Wasser nach halb Europa. Doch wie lange noch? Der Klimawandel betrifft die Schweiz weit mehr, als man lange vermutet hat, und direkter als andere Länder. Seit der ersten Messung im 19. Jahrhundert sind die Temperaturen bei uns durchschnittlich schon um 1,8 Grad angestiegen, doppelt so viel wie im globalen Mittel. Dies steht im Bericht «Brennpunkt Klima Schweiz», den die Akademie für ­Naturwissenschaften ein Jahr nach dem Pariser Klimaabkommen (2015) vorgestellt hat. Bis Mitte dieses Jahrhunderts werden viele Gletscher in den Alpen wegschmelzen, die Schneegrenze verschiebt sich weit nach oben, die sommerliche Wasserknappheit wird für Natur und Mensch gravierende Folgen haben. Geschockt von diesem Befund hat eine Gruppe von Par­lamentarierinnen damals Vorschläge zur massiven Reduzierung des CO2 eingereicht. Der Bundesrat vertröstete sie auf das geplante CO2-Gesetz. Im National- und Ständerat wurden sie abgelehnt, das dringend notwendige politische Handeln auf die lange Bank geschoben.

Dann kamen die Klimademonstrationen der Jungen: eindringlich, hartnäckig und friedlich. Und langsam aber sicher dreht sich auch die Stimmung im Bundeshaus, nicht bei allen, doch hoffentlich bei so ­vielen, dass es reicht, bis im Herbst ein griffiges CO2-Gesetz zu verabschieden. Das Engagement der Klima-Jugendlichen wird Wirkung haben. Dafür bin ich ihnen dankbar. 

Ich wünsche ihnen die Hartnäckigkeit, dran zu bleiben und sich nicht durch dümmliche Provokationen ungehobelter Politiker irritieren zu lassen. Es gibt viele Erwach­sene, die froh sind, dass die Jungen die 
Gesellschaft aufrütteln und ihre Ziele unterstützen.

 


 

Zeichnung: Andreas Thiel

Zeichnung: Andreas Thiel

 

Andreas Thiel

Glückspilzernte

 

Ernten kann nur, wer gesät hat. Das weiss jedes Kind, ausser vielleicht eines, das nicht auf dem Bauernhof aufgewachsen ist. Das muss dann halt an der Hochschule Betriebswirtschaft studieren. Und dort lernt es aber trotzdem nicht, dass nur ernten kann, wer gesät hat. An der Hochschule lernt es bloss, zu ernten, ohne zu säen. Deshalb nennt sich die Hochschule «Hochschule» und nicht etwa «Tiefschule», denn gesät wird tiefer unten. Ernten kann man dann höher oben. Deshalb wird das Wachstum in der Betriebswirtschaftslehre richtigerweise als zentrales Element erkannt. Während auf dem Bauernhof allerdings die gesamtheitliche Regel «Ohne Saat keine Ernte» gilt, beschränkt sich die Betriebswirtschaftslehre auf den Teilaspekt: «Ohne Wachstum keine Ernte».
Aber eigentlich weiss jedes Bauernkind, dass nur ernten kann, wer auch gesät hat. Es sei denn, einer ist ein Glückspilz. Dem Glückspilz fällt alles einfach in den Schoss. Deshalb muss einer, wenn er ein Glückspilz ist, auch nicht an der Hochschule Betriebswirtschaft studieren. 
Weshalb aber nennt man einen Glückspilz überhaupt «Glückspilz»? Ich weiss es nicht. Nennt man den Glückspilz so, weil man sein Glück mit einem Gefühl assoziiert, vergleichbar den Empfindungen nach dem Konsum psychoaktiver Pilze? Psychoaktive Pilze erntet man ja auch, ohne irgendetwas gesät zu haben. Und gerade im Jura wachsen sie besonders gut. Ist ein Glückspilz also einer, der im Jura psychoaktive Pilze konsumiert?
Ich habe noch nie einen psychoaktiven Pilz konsumiert, aber im Jura war ich schon oft. Dort zu sein macht glücklich, auch wenn man keine psychoaktiven Pilze gegessen hat.
Ein Glückspilz ist also einer, der im Jura ist, ohne psychoaktive Pilze gegessen zu haben, und der erntet, ohne Betriebswirtschaft studiert zu haben.
Aber was macht ein Glückspilz im Jura? Nichts. Sonst wäre er ja kein Glückspilz. Er liegt einfach auf der Wiese und wartet darauf, dass ihm etwas in den Schoss fällt. Diese Kolumne zum Beispiel.