Sitzt perfekt: Ksenia Shiryaeva und Maria Hiepler beim Anprobieren. Foto: Christian Jaeggi

Sitzt perfekt: Ksenia Shiryaeva und Maria Hiepler beim Anprobieren. Foto: Christian Jaeggi

Mit Hut durchs Leben 

Trotz ihres Alters übt Maria Hiepler noch immer mit jugendlicher Begeisterung ihren Beruf aus. Als Einzige in der Schweiz bildet sie in ihrem Hutfachgeschäft an der Barfüssergasse in Basel noch junge Modistinnen aus.

 

Über hundert hölzerne Kopfformen stehen in den Regalen von Maria Hieplers (78) Atelier fein säuberlich nebeneinander. Ihnen gegenüber warten in Kartonkisten mit Aufschriften wie «Visca», «Papierpanama» oder «Parasisol» Borten und Stumpen darauf, zu Hüten verarbeitet zu werden. «Ich habe das Glück, dass ich noch einen grossen Bestand an älterem Material habe, das heute nicht mehr erhältlich ist», erzählt Maria Hiepler. Stumpen oder Hutrohlinge etwa aus handgeflochtener Agave oder Viskose, oder aus den feinen Fasern der Toquilla-Palme für den beliebten Panamahut.
Das schmucke Hutfachgeschäft mit Namen Chapeau ist Atelier und Laden zugleich. Hier wird nicht nur verkauft, beraten und über den Mut zum Hut philosophiert, beim Stöbern und Anprobieren können Hut­liebhaberinnen und -liebhaber auch mit­erleben, wie hinter der Holztheke Kopf­bedeckungen aus allen nur erdenklichen Materialien in sorgfältiger Handarbeit entstehen. 
Diese grosse Vielfalt an Stoffen, Strohgeflechten, Filz, Leder, Schleiern und Federn hat auch Ksenia Shiryaeva (28) auf der Suche nach einem kreativen Beruf auf Anhieb begeistert: «Nach der Schnupperlehre wusste ich, dass ich die Berufung fürs Leben gefunden habe. Kopf und Bauch sagten: das ist es. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig romantisch, aber genau so war es», erzählt die gebürtige Russin. Diesen Sommer hat Ksenia Shiryaeva ihre Lehre im Chapeau abgeschlossen. «Es waren drei tolle und bereichernde Jahre und eine Ehre für mich, dass ich meine Lehre bei Maria Hiepler machen durfte. Ich konnte von der Erfahrung und dem Wissen meiner Lehrmeisterin und auch ihrer Mitarbeiterin Maya Lämmli enorm profitieren», blickt sie dankbar zurück. Auch die achtzehnjährige Sara Lehmann aus Steffisburg, die im August ihre Lehre im Chapeau begonnen hat, ist fasziniert von der Arbeit mit den unterschiedlichen Materialien und glücklich, dass sie die einzige Modistinnen-Lehrstelle in der Schweiz ergattern konnte. 

 

In die Arbeit vertieft: Sara Lehmann schaut zu, wie ihre Lehrmeisterin einen Hutstumpen formt.

In die Arbeit vertieft: Sara Lehmann schaut zu, wie ihre Lehrmeisterin einen Hutstumpen formt.
 

Ein zarter Blütenreigen verzaubert die schlichte dunkelblaue Kreation nach Mass.

Ein zarter Blütenreigen verzaubert die schlichte dunkelblaue Kreation nach Mass.

 

Ziehen, formen, nähen, bügeln

Ende der Fünfzigerjahre war Modistin noch ein gängiger Frauenberuf. Im Gegensatz zum Hutmacher, der in einem Betrieb Serienhüte im Akkord herstellt, fertigen Modistinnen Unikate. Die Kopfbedeckungen entstehen entweder aus Stumpen, die feucht gemacht und dann auf einer Holzform oder im Fall von Filz einem Wärme­element in Form gezogen und geglättet werden. Oder die Hüte werden aus Hanf-, Stroh- oder Viskoseborten genäht. Dann kommt meist die über hundertjährige, rein mechanische Strohnähmaschine zum Einsatz. «Die muss man verstehen, denn sie hat keine Knöpfe», erklärt Maria Hiepler stolz. Stimmt die Kopfform, kommt der Rand an die Reihe. Erst zum Schluss ver­leihen die Modistinnen ihren Kreationen mit Accessoires wie Federn, Bänder oder Seidenblumen den letzten Schliff. 

Bereichernder Austausch

Siebenundfünfzig Jahre nach ihrem Lehrabschluss kommt Maria Hiepler noch immer ins Schwärmen, wenn sie über ihren selten gewordenen Beruf spricht: «Unsere Arbeit ist enorm spannend und vielseitig, und wir produzieren fast keinen Abfall. Durch die Beratung und den Kontakt mit den Kunden im Geschäft wird es nie langweilig», erzählt sie.
Zwölf Modistinnen hat Maria Hiepler von 1994 bis heute ausgebildet. Auch Gesellinnen aus Deutschland hat sie gerne aufgenommen. Das gegenseitige Nehmen und Geben sei eine grosse Bereicherung. «Wenn man mit anderen zusammenarbeitet, wird man vielfältig.» Sara Lehmann, Hieplers dreizehnte Lehrtochter, wird aber ihre letzte sein. «Ich möchte mich langsam zurückziehen», sagt die in Zürich aufgewachsene Modistin. «Eine Geschäftsübergabe sollte man aber nicht überstürzen. Ich werde also sicher noch drei Jahre im Chapeau bleiben», ergänzt sie.

 

Hölzerne Vielfalt. Die Formen im Hintergrund sind unverzichtbar, wenn die Modistinnen mit geflochtenen Rohlingen arbeiten.

Hölzerne Vielfalt. Die Formen im Hintergrund sind unverzichtbar, wenn die Modistinnen mit geflochtenen Rohlingen arbeiten.

 

Launische Modetrends

Nach dem Wegfall der verbindlichen Hutkultur Mitte des vergangenen Jahrhunderts ist die Nachfrage nach Hüten stark von den jeweiligen Modetrends abhängig geworden. Als Maria Hiepler 1984 nach ­einer achtzehnjährigen Familienpause ihr erstes Hutgeschäft am Wettsteinplatz eröffnete, war der Hut fast gänzlich aus dem Strassenbild verschwunden. «Durch die immer schlampigere Mode nach der Jahrtausendwende ist der Hut noch mehr unter Druck gekommen», bedauert sie, und macht keinen Hehl daraus, dass sie nichts von löchrigen Jeans hält. Zudem meinen heutzutage fälschlicherweise viele, dass ihnen ein Hut nicht stehen würde. «Das ist natürlich eine Herausforderung für uns», erzählt Hiepler. Zwar gibt es die Glücklichen mit dem idealen Hutgesicht, an denen einfach jede Kopfbedeckung toll aussieht. Für die grosse Mehrheit aber braucht es eine gute Beratung und eine breite Auswahl, damit sie den für sie passenden Hut finden. «Ich habe in all den Jahren aber nur zwei Menschen im Geschäft gehabt, die ohne Hut besser ausgesehen haben», schmunzelt Hiepler.
Mit Mut zum Hut, einem feinen Gespür und auch durch die Zusammenarbeit mit dem Basler Couturier Raphael Blechschmidt konnte sich Maria Hiepler trotz hut­feind­licher Modetrends eine treue Kund­schaft aufbauen. Nicht nur aus der ganzen Schweiz, auch aus Frankreich und Deutschland kommen Hutliebhaberinnen auf der Suche nach der idealen Kopfbedeckung ins Chapeau. In den letzten Jahren hat durch die immer heisser werdenden Sommer das Bedürfnis nach Sonnenschutz durch einen Hut zugenommen. Auch huttragende Popstars und Schauspieler haben dazu beigetragen, den Hut für ein jüngeres Publikum wieder attraktiv zu machen. Das stimmt Maria Hiepler zuversichtlich: «Unser Beruf wird nicht aussterben!», ist sie überzeugt. Eine Welt ohne Hut kann und will sie sich nicht vorstellen, ein Leben ohne Hut ebenfalls nicht: «Ich trage immer eine Kopfbedeckung, wenn ich das Haus verlasse, jeden Tag!», betont die zierliche Frau energisch.

 

Diese grosse Vielfalt an Stoffen, Strohgeflechten, Filz, Leder, Schleiern und Federn hat auch Ksenia Shiryaeva (28) auf der Suche nach einem kreativen Beruf auf Anhieb begeistert. Foto Christian Jaeggi

 

Text: Isabelle Hitz, Fotos: Christian Jaeggi