Die Ruhe vor dem Sturm. Der Kunstmaler Walter Robélé bei seinem samstäglichen Mittagsbier. Foto Christian Jaeggi

Die Ruhe vor dem Sturm. Der Kunstmaler Walter Robélé bei seinem samstäglichen Mittagsbier. Foto Christian Jaeggi

Klein, aber Wein

Gäbe es das «Vini» nicht, müsste es erfunden werden. In über dreissig Jahren hat es sich zur Solothurner Institution entwickelt.

 

Solothurn hat eine der grössten Beizen-dichten der Schweiz. Dies, obwohl legen­däre Einkehren umfunktioniert oder abgerissen wurden. Schreiben gibt Durst, Lesen auch. Wasser ist gut, Wein ist besser. Gelöscht und diskutiert wird in Solothurn aber nicht nur an den berühmten Literaturtagen, sondern das ganze Jahr über. Vor allem auch im «Vini». Seit 1983 existiert die Weinhandlung, 1987 kam die Beiz dazu. Das «Vini» ist heute Kult, von allen Schichten stets gut besucht. Die Beiz eignet sich für ruhige oder lebhafte Momente. An einem Samstagnachmittag hat man den Innenhof oft für sich alleine. Dann, wenn die Stadt im und am Fluss ist – ist die rote Gartenbank im Innenhof frei. Hier einen violett schäumenden Lambrusco zu trinken, gemeinsam mit einigen Kleinigkeiten wie Salami, Rohschinken, Mortadella, eingelegtes Gemüse, Käse und herrliches Brot von der Holzofenbäckerei Müller, ist eine unerreichte Normalität, die euphorisch stimmt. Gleich drei Herren teilen sich Job und Küche. Lukas Heutschi, Fabian Vogel und Marcello Brunner kochen das, was sie können, und das ist gut. Ihrer Kochsprache gelingt der Spagat zwischen Innovation und Tradition. Was heisst das? Ein geschmortes Kaninchen, serviert mit einer Polenta der besseren Art, ein Brasato, luftige Polpette an einem aromatischen Sugo, Pasta und Gemüse für Vegetarier, Steinpilze in der Saison und für Schleckmäuler die zwischen leicht und üppig variierten Desserts wie mal ein Semifreddo al torrone, Tiramisu oder ein Bunet. In der Beiz umsorgen einen Linda Flury und Nicole Plüss, und manchmal halten sich Rolf Schöb und Jean Claude Käser am Glas oder kredenzen ihren Stammgästen die eine oder andere Flasche. Wohl keine andere Beiz in der Schweiz hat ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis bei Weinen. Fair kalkuliert für über die Gasse oder auf den Tisch ist das «Vini» ein idealer Ort für zivilisierte Trinker mit Appetit. Das wissen auch Lokalmatadoren, wie der Kunstmaler Walter Robélé, der Schriftsteller Peter Bichsel, die TV-Wetterfee Sandra Boner oder der Radiomann Dani Fohrler, für die das «Vini» so was wie eine zweite Stube ist. Applaus.

 

Text: Martin Jenni, Foto: Christian Jaeggi

 


 

Kulinarische Werkstatt. Foto Marco Aste

Bei Rotbäckchen

Ihre roten Bäckchen und ihre blauen Augen leuchten um die Wette. Ihr Lachen ist ansteckend, ihr Humor subtil. Ida Schaffter ist gelernte Krankenschwester und heute Bäuerin mit Herzblut. Sie ist Mutter, Bäckerin, Einmachfrau und Joker im Stall und auf der Leiter. Kurz, eine Frau für alle Fälle. Ihr Mann Kurt wird mit ein Grund für ihre Leidenschaft sein. Und wohl auch die grosse Liebe – bei fünf Kindern, von denen die Älteste, Annekäthi, den Hof übernommen hat, was die Eltern freut. Dass es die Kulinarische Werkstatt überhaupt gibt, ist dem Zufall zu verdanken. Der Früchteeinkäufer von Ida ging baden, die Dorfbäckerei in Pension und ihr Teilzeitarbeitgeber, die Schlafklinik Mariastein, legte sich gleich selber in den Tiefschlaf. Plötzlich waren die Voraussetzungen für ihre Idee gegeben. Kaum fertig gesponnen, ging’s los. Zuerst mit Tischen auf dem Trottoir, dann etwas geschützter unter dem Dach neben der Scheune. Als Kurt den Erfolg seiner Frau rea­lisierte, zimmerte er einen kleinen Verkaufsladen. Die Kulinarische Werkstatt ist ein grandioser Hofladen, mit Broten und Zöpfen, mit Konfitüren und Schnäpsen aus Früchten von Hochstammbäumen, mit Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren von der Weide nebenan. Auf Vorbestellung ist kulinarisch fast alles möglich: Wild­­kräuterterrinen, Tomatenbrot und so einiges mehr.

 

Text: Martin Jenni, Foto: Marco Aste