Wunderkerzen

Wunderbar

 

Wunder geschehen oder sie geschehen nicht. Mein erstes Wunder erlebte ich vor dem Weihnachtsbaum. Nein, nicht mit dem Christkind, das habe ich stets verpasst, son­dern mit wunderschönen Wunderkerzen. Weihnachten ohne Wunderkerzen, wäre für mich wie eine Heilige Messe ohne Weihrauch oder ein Bischof ohne Mitra. Undenk­bar. Wunder sind weder alltagstauglich noch erklärbar. Wunder sind eh der katho­lischen Kirche vorbehalten. Es liegt am Papst, ob er ein Wunder als Wunder anerkennt und seinen Verursacher heilig spricht. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle, was verwundert. Wem zu Lebzeiten kein Wunder gelingt, dem bietet sich für die Heiligsprechung der Märtyrertod an. Allerdings werden, im Gegensatz zum Islam, den katholischen Gottesdienern keine Jungfrau­en zugesprochen. So verwundert es nicht, dass in unseren Breitengraden der Märtyrertod aus der Mode gekommen ist, zumal die Gründe, als Märtyrer zu sterben, dünn gesät sind. Ausser, man ist Politiker, wobei diese lieber an Wunder glauben.

Unter den Päpsten gab es sehr emsige Heiligsprecher und es gab solche, die sich lieber mit der Inquisition befassten. Johannes Paul II. sprach 482 Menschen heilig. Zur Sache geht auch Papst Franziskus, der – noch nicht lange im Amt – bereits über 800 Märtyrer in den Heiligenstand hob. Wie er das Dossier Wunder betreuen wird, ist aber noch unklar. Vielleicht sollte ihn Felix Gmür, Bischof des Bistums Basels, zu sich nach Solothurn einladen.

Denn Solothurn ist für mich die Wunderstadt der Schweiz. Es ist die Stadt für Heilige, Helden, Lehrer, Hochwohlgeborene und geschwätzige Rockmusiker. Es ist die Oase für Rebellen, Filmemacher, zechende Literaten, Schöngeister, Müssiggänger und kapitalistisch veranlagte Genossenschaftler. Kurz, es ist ein Ort, an dem sich die unterschiedlichsten Charaktere respektvoll bei einem Glas oder zwei «Salü» sagen. Das eigentliche Wunder der Stadt ist ihre unermüdliche Veränderung. Solothurn ist immer wieder für Neues gut. Auch für weniger Gutes. So hat sie es verpasst, ihren antiquierten Sessellift am Hausberg Weissenstein zu schützen. Das ist sehr schade, denn mit der neuen Gondelbahn wird sie noch ihr blaues Wunder erleben. Ebenso schade ist es, dass die Behörden es verpasst haben, die einstige Kultbeiz der Stadt, die «Spanische Weinhalle», unter Artenschutz zu stellen, statt sie zu einer Pyjama-Boutique verkommen zu lassen. Da frage ich mich schon, wann es der Obrigkeit endlich bewusst wird, dass eine patinierte und ­geschichtsträchtige Beiz ein wertvolles, schützenswertes Kulturgut ist.

Doch das Positive überwiegt. Ein Besuch in Solothurn lohnt sich nicht nur dann, wenn Literaturkapitäne und Filmmatrosen vor Anker gehen, sondern auch wenn der Nebel durch die Gassen zieht, es bitterkalt ist und einen die heissen Marroni wärmen, bevor der Besuch eines Adventkonzerts die Seele erfreut. Übrigens: Das nächste Wunder steht bevor. Auch ohne Papst, dafür mit den innovativen Genossenschaftlern des «Baseltors», welche die altehrwürdige «Kro­ne» in eine lustvolle Brasserie verwandeln, nachdem sie den Advocatus Diaboli des Heimatschutzes gebodigt haben. So werden bald süffige Weine aus der Loire und Vins naturels aus dem Beaujolais, Cidres aus der Normandie gemeinsam mit Austern und Mistkratzern mit feinen Pommes Alumettes auf silbernen Platten mit kupfernen Rechauds auf den Tischen stehen. Daneben liegen weisse Stoffservietten auf weissen Papiertischtüchern, auf denen Blei­stifte den zechenden Gast zum Zeichnen ermuntern. Wäre das wunderbar.

 

Text: Martin Jenni. Foto: iStock.com