Der Spalenberg als Skipiste

Der Spalenberg als Skipiste am 1. April 1984 – Foto: Radio Basilisk

Berg-Wandern in Basel

Die Schrittmacher-Kolumne des BirsMagazins geht und empfiehlt ausnahmsweise einen etwas anderen Weg. Nicht auf Wanderwegen zu irgendeiner lauschigen Landbeiz, sondern, sogar ohne Rucksack, auf Berg-Tour. Und zwar in die Stadt Basel, wir nähern uns einer Auswahl der insgesamt 17 Basler «Bergen».

«Wegloses Gelände, das Trittsicherheit verlangt», «felsdurchsetztes Gras – bei Nässe heikel»; «besondere Vorsicht auf Altschnee­feldern»; «lange Tour von ernsthaftem Cha­rakter». In den Tourenführern, die uns in die Berge begleiten, etwa jenen des Schweizer Alpen-Clubs (SAC), sind solche und ähnliche Formulierungen nicht einfach gängiger Jargon, sondern durch und durch ernst zu nehmende Hinweise. Fahrlässig wäre es, sie nicht zu befolgen.

Wer dagegen in der Stadt Basel zum Berg-Wandern animieren will, kann auf solche Warnungen verzichten. Nicht, dass das Begehen der Basler «Berge» ganz ohne Tücke wäre, aber es sind nicht die Bergsport-spezifischen Gefahren, die da drohen. Kann sein, dass eine Blechlawine endlos daher rollt oder dass unvermutet ein Skateboarder talwärts flitzt oder dass die Dichte an verlockenden Schaufenstern gefährlich hoch ist und für Portemonnaie oder Kreditkarte zum Risiko wird; letzteres wäre dann eine der sogenannten «subjektiven Gefahren». Was das Berg-Wandern in Basel dagegen bei aller Vielfalt nicht bieten kann, sind Gipfelgefühle, sind weite Panoramen und spektakuläre Tiefblicke.

17 Basler Berge

Die Stadt Basel hat etwa 1000 Strassen mit eigenem Namen. Die meisten enden tatsächlich auf -Strasse; viele enden mit -Ring oder -Graben, mit -Weg oder -Weglein, mit -Platz oder -Anlage, mit -Gasse oder -Gässli. Und deren 17 enden auf -Berg, sie sind benannt nach Berufen, nach Heiligen, nach Kirchen und Klöstern. Nicht alle Basler Berge allerdings verdienen die Bezeichnung «Berg»; den Lindenberg nimmt auch ein ungeübter Velofahrer kaum wahr und der Nadelberg ist eine waagrecht verlaufende Strasse, selbst die Herkunft der «Nadel» ist nicht restlos gedeutet. Der Münsterberg dagegen erklärt sich von selbst, ebenfalls der Mühlenberg, der von der St. Alban-Vorstadt hinunterführt ins sogenannte Dalbeloch, wo sich frühe Basler Industrie ansiedelte, angetrieben durch die Wasserkraft der beiden Dalbedych-Arme. Zur besten Zeit hat das abgeleitete Birswasser hier 33 Wasserräder in Schwung gehalten; heute dreht sich noch eines, jenes des Papiermuseums. Für Velofahrer, die den «Stutz» von unten nach oben nehmen müssen, wird der Mühlenberg zum Mühen-Berg.

Eine gewisse «berufliche Verwandtschaft» verbindet den Sägeberg mit dem Mühlenberg; dumm nur, dass es den Sägeberg gar nicht gibt, zumindest nicht auf Stadtplänen und in offiziellen Verzeichnissen. Aber vielen Städtern, insbesondere den Quartierbewohnern, ist der Abschnitt der Zürcherstrasse zwischen Waldenburgerstrasse und St. Alban-Anlage als Sägeberg ein Begriff. Immerhin hatte die Strasse zwischen 1811 und 1871 noch Brückliberg geheissen; den Übernamen Sägeberg verdankt die Zürcherstrasse der Tatsache, dass sich hier am St. Albanteich bis ins 19. Jahrhundert eine Sägerei befunden hatte. Und seit 1996 existiert in der Nähe des (nicht existierenden) Sägebergs wenigstens das unscheinbare Sägebergweglein.

Die Gemse und ihr Brunnen

Den gebirgigsten Touch unter Basels Bergen hat jenes Strässchen, das Spalenberg und Heuberg verbindet. Gebirgig nicht et-­wa wegen seiner Steilheit, sondern wegen seines Namens und eines netten Accessoi­res: Es ist der Gemsberg, und das Accessoire ist Basels erste gusseiserne Brunnenfigur – wenig überraschend: eine Gemse. Vermutlich hat eine Liegenschaft «Zur Gemse» dem Strässchen schon früh den Namen gegeben, amtlich als Gemsberg benannt wurde es aber erst 1861. In jenem Jahr wurde auch der Brunnen errichtet, ein achteckiges Becken, herausgehauen aus ­einem riesigen Solothurner Kalksteinbrocken. 24 Pferde haben den Wagen mit dem Brunnen nach Basel gezogen. Um das grosse Stück in die Stadt bringen zu können, musste gar ein Teil der Stadtmauer herausgebrochen werden.

Der «Affenkasten» und das «Schiine-Chrischteli»

Eine wechselvolle Biografie hat der Kohlenberg. Weil auf dieser Anhöhe der Holz­kohlebedarf für die Stadt produziert wurde, hiess die Gegend schon ums Jahr 1300 «ze kolahusern». Es war nicht eben das vornehmste der Basler Quartiere. Prostituierte und Obdachlose gab es da, Kloakenreiniger und Leichenbestatter, auch der Henker wohnte und arbeitete hier; die heutige Kohlenberggasse heisst erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts so, zuvor war sie das Henkergässlein. Aber längst ist der Kohlenberg eine anständige Gegend. 1884 wurde hier der Neubau für die Töchterschule errichtet. Ab 1929 hiess die Schule Mädchengymnasium (MG); die Koedukation ab 1968 führte zur Aufteilung ins Kohlenberg- und ins Holbeingymnasium, die 1997 zum Leonhardsgymnasium zusammengeführt wurden. Heinrich Reese (1843–1919), später Kantons­baumeister und Regierungsrat, war der ­Architekt des Baus, den der Volksmund – gegenüber Architekt, Institution und Schülerinnen nicht eben respektvoll – «Affenkasten» nannte.

Gleich vis-à-vis steigt vom Barfüsser- zum Bankenplatz hinauf der Steinenberg. Auch diese Strasse hat es in sich – was durch und durch wörtlich zu verstehen ist. Das Konzertpublikum im anliegenden Casino, natürlich auch die Veranstalter und Musiker, hatten lange hinnehmen müssen, dass die am Steinenberg auf- und abfahrenden Trams das Kulturvergnügen durch sogenannten Körperschall stark beeinträchtigten. Die Basler Mäzenin Christine Cerletti und ihre Basler Stiftung Bau und Kultur leisteten den ganz grossen finanziellen Anteil zur Lärmdämpfung; eine sogenannte akustische Platte, ruhend auf 760 Stahl­federn, wurde in den Steinenberg eingebaut. Seit August 2006 sind die Vibrationen weg – und der Volksmund fand, anders als am Affenkasten, diesmal einen charmanteren Begriff: Die Mäzenin war fortan das «Schiine-Chrischteli».

Ein anderer Basler Berg hat seine Anwohner zu einem augenzwinkernden Kalauer verleitet: Das Strassenschild «St. Alban-Berg» suggeriere, die Stadt Basel sei wohl die einzige, die den österreichischen Komponisten Alban Berg (1885–1935) heiliggesprochen habe. Natürlich nicht ernst zu nehmen.

Der Berg der Prominenz

Der berühmteste Basler Berg ist zweifellos der Spalenberg. Er ist auch der Berg, der an (neuzeitliche) Basler Berühmtheiten erinnert: An den Strassenrändern eingelassene Tafeln ehren seit 1976 Basler Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Wirtschaft, Sport und Gesellschaft. 1976 erhielten Margrit Rainer und Ruedi Walter als erste den Titel «Ehrespalebärglemer», es folgten weitere Basler Prominente, die Mehrzahl aus dem Kulturbereich wie Irène Zurkinden und Jean Tinguely, wie Ernst und Hildy Beyeler, wie Ces Keiser und Margrit Läubli, wie George Gruntz und Sam Keller, oder wie auch die Medienfrau Heidi Abel und der Gorilla-Forscher Jörg Hess.

Landesweit bekannt war der Spalenberg insbesondere zwischen 1955 und 1966. Radio Beromünster produzierte da jeden dritten Samstag die Satiresendung «Bis Ehrsams zem schwarze Kaffi am Spaalebärg 77a». Die Zürcher Schauspielerin Margrit Rainer (1914–1982) als Louisli und der Basler Schauspieler Ruedi Walter (1916–1990) als Guschti Ehrsam waren als ebenso streitbares wie liebenswertes Paar derart überzeugend, dass sich tatsächlich Zuhörerinnen und Zuhörer auf die Suche nach der 77a begaben; sie existiert nicht – der Spalenberg endet bei der 65, und zwar nicht in einem kabarettistisch-humorigen Haushalt, sondern ernüchternd prosaisch in einer Bankfiliale. Schliesslich ist der Spalenberg Basels einziger Berg, an dem es zumindest für ein paar Stunden richtig alpin zuging, ski-alpin, um genau zu sein. Radio Basilisk verkündete in seinen Programmvorschauen, dass am 1. April 1984, einem Sonntag, um 14 Uhr am Spalenberg ein Skirennen stattfinde. Der Aprilscherz bestand darin, dass die Ankündigung kein Scherz war. Die Firma Thommen aus Kaiseraugst karrte tonnenweise Schnee heran, Mitglieder des Ski­clubs Basel verteilten ihn und präparierten die Piste, die ehemaligen Weltcupfahrer Bernhard Russi und Andy Wenzel kurvten um die Stangen – und tausende Zuschauer hatten ihr Gaudi.
Ein wenig nach Gebirge duftet auch jenes kleine Strässchen zwischen Giornico- und Asconastrasse; es heisst «Auf der Alp» und erinnert daran, dass dieser Teil des Bruderholz einst als Weide gedient hat.

Basler Alpinismus-Pionier

Wer auf dem Basler Stadtplan ganz pingelig nach echten alpinistischen Spuren sucht, kann schliesslich doch noch fündig werden. Allerdings nicht an einem Berg, sondern an einem Platz und an einer Strasse; sie sind benannt nach Ludwig Rütimeyer (1825–1895). Der Korrektheit halber muss gesagt sein, dass die Stadt damit den Herrn Rütimeyer nicht für alpinistische Leistungen, sondern für seine Kompetenz als Wissenschafter ehrte. Professor Rütimeyer war vor allem Zoologe und Museumsfachmann; als solcher stand er unter anderem in Kontakt mit Charles Darwin. Alpinist war er aber auch, er war sogar dabei, als 1863 in Olten der Schweizer Alpen-Club (SAC) gegründet wurde; Ludwig Rütimeyer war einer von 15 Basler Bergsportpionieren unter den insgesamt 35 Schweizer SAC-Gründungsmitgliedern und hätte damit eigentlich statt eines Basler Platzes und einer Basler Strasse eher einen Basler «Berg» verdient.

Quellen

  • Daniel Anker: Club Helvetia – 150 Jahre Schweizer Alpen-Club
  • Esther Baur/Anne Nagel: St. Alban-Tal in Basel
  • Peter Habicht: Basel – mittendrin am Rande
  • André Salvisberg: Die Basler Strassennamen

Text und Fotos: Freddy Widmer