Anna Rosinelli beim Musikhören im Auto

«Meine Stimme kann mir niemand nehmen»

Die Basler Sängerin Anna Rossinelli hat seit ihrem Auftritt am Eurovision Song Contest 2011 bewiesen, dass sie kein One Hit Wonder ist. Am 27. November 2015 erscheint ihr neues Album «Takes Two To Tango», das auf einer USA-Reise entstanden ist. 

 

Die 28-jährige Baslerin Anna Rossinelli braucht man eigentlich nicht mehr vorzustellen. Seit die an der Jazzschule ausge­bildete Sängerin der Schweiz mit dem David-Klein-Song «In Love For A While» am Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf nach einer Ausscheidung am Schweizer Fernsehen sich die Finalteilnahme sicherte, ist sie im ganzen Land bekannt. Von der Strasse auf die grosse Bühne! So ging das tatsächlich. 
Der Basler Musiker David Klein entdeckte die Sängerin mit der ausdrucksstarken Stimme, als sie mit ihrer Band Strassenmusik machte. Mit dabei sind der Gitarrist Manuel Meisel und Georg Dillier am Bass. Es folgte das Debut «Bon Voyage» und jetzt, vier Jahre später, erscheint am 27. November ihr drittes Album «Takes Two To Tango». Ein Werk, das man mit Spannung erwarten darf. Entstanden ist es grösstenteils in den USA. Rossinelli reiste mit ihrer Band und dem Filmer Milan Büttner drei Monate durch das Land. Ein teures Unterfangen, das über 100000 Franken kostete. Mit einer ambitionierten Crowdfunding-Kampagne konnte sie allerdings 51579 Franken bei ihren Fans abholen. Auch das zeigt eindrücklich, wie etabliert die Sängerin im Schweizer Musikmarkt schon ist.
Als Vorbote des Albums, das Rossinelli mit Meisel und Dillier am Ende der Reise in einem Studio an der Wall Street in New York fertig aufgenommen und produziert hat, wurde bereits die Single «Bang Bang Bang» veröffentlicht. «Ein eher unerwarteter Song. Mystisch aufgeladen, melancholisch und mit Tiefgang. Stark», findet Chrigel Fisch vom Pop-Förder- und Musiknetzwerk RFV Basel. Fisch, lange Jahre Musikjournalist und auch Veranstalter in der Kaserne Basel, beobachtet Rossinellis Karriere seit Beginn quasi von Berufs wegen. Die Idee, mit ihren Musikern auf einer USA-Reise das neue Songmaterial zu schreiben, findet er bestechend. «Sie hebt sich ab von der Pop-Masse», so Fisch, «und das ist heute in diesem Geschäft gar nicht mehr so einfach. Sie habe ihre Eigenständigkeit im Mainstream orientierten Musikmarkt bewahrt – trotz Eurovision Song Contest.»

 

Anna Rosinelli und Band

 

BirsMagazin: Was war denn der spezielle Reiz, in die USA zu fahren?

Anna Rossinelli: Wir wollten für das dritte Album etwas total Neues ausprobieren und etwas Spezielles auf die Beine stellen. Amerika hat musikalisch vieles zu bieten und ist auch stilistisch sehr abwechslungsreich. Zudem ist es landschaftlich sehr imposant und wahnsinnig schön. Deshalb haben wir uns auch entschieden, einen Filmer mitzunehmen, der genau diese Vielfalt und Schönheit einfangen kann.

Für das demnächst erscheinende Album habt ihr mit diversen Musikern, die ihr auf der Reise getroffen habt, Aufnahmen gemacht. Wie funktionierte das? Konntet ihr auf bestehende Kontakte zurückgreifen oder ergab sich das alles spontan?

Wir haben zuvor sehr viele Musiker per Mail kontaktiert. Wir haben in unserem Umfeld nach Kontakten gefragt und versucht, so mit Musikern in Kontakt zu treten. Alle waren sehr offen und herzlich und haben uns geholfen. Natürlich machten wir auch spontane Bekanntschaften. Wir sind einfach raus auf die Strasse und haben nach Strassenkünstlern Ausschau gehalten und sie gefragt, ob sie Lust hätten, mit uns zusammen unsere Songs zu performen. Durchs Band weg waren die Leute sehr herzlich, fanden unser Projekt spannend und wollten bei dieser Sache mitwirken.

Was sind die prägendsten Eindrücke, die du auf der Reise gewonnen hast? Und wie schlägt sich das in den neuen Songs nieder?

Die Offenheit und die Herzlichkeit der Menschen haben mich sehr berührt. Wir sind von einigen Musikern eingeladen worden, bei ihnen zuhause zu musizieren und einzelne Tracks aufzunehmen. Das hat mich total beeindruckt.

Wie würdest du die musikalische Entwicklung beschreiben, die ihr als Band seit dem Eurovision Hit 2011 gemacht habt, der euer Leben wahrscheinlich auch ziemlich durch­einander gebracht hat?

Der ESC ist jetzt schon fast fünf Jahre her. Wir haben uns als Menschen weiter entwickelt, aber natürlich auch musikalisch. Wir haben uns im Songwriting extrem verbessert. Uns ist es wichtig, unsere Songs selber zu schreiben und keine Fremdkompositionen auf dem Album zu haben. Wir wissen immer mehr, wo wir musikalisch stehen, was uns gefällt und was nicht. 

Du gehörst mittlerweile zum kleinen Kreis derer, die in der Schweiz von ihrer Musik leben können. Was ist das für ein Leben oder ist es das Leben, wovon du geträumt hast?

Ich liebe meinen Beruf und bin sehr stolz und dankbar, dass ich mir mein Leben durch die Musik finanzieren kann. Wichtig ist, dass man nicht aufgibt und ehrgeizig seine Ziele verfolgt. 

Spürst du Druck, an die bisherigen Erfol­ge anzuknüpfen? Also mehr von dir selbst herkommend, weil Musik jetzt auch zur Existenzgrundlage geworden ist.

Ja klar, ein gewisser Druck ist da, aber ich denke, das ist auch gut so. Ich versuche trotzdem auch gelassen zu bleiben, da man nichts erzwingen kann. Erfolg kommt und geht. Ich habe eigentlich keine Angst vor Veränderung, deshalb kann ich mir auch vorstellen, irgendwann mal etwas anderes zu machen. So lange das mit der Musik läuft, gebe ich aber Vollgas. Und meine Stimme kann mir niemand nehmen, ich werde mein ganzes Leben lang singen.

Wovon träumt ihr als Band noch? Eine USA-Tour mit Auftritten, jetzt, da ihr ja schon dort gereist seid?

Ja, das wäre natürlich nicht schlecht. Der deutsche Musikmarkt interessiert mich aber auch.

 

Anna Rossinellis nächster Karriereschritt führt also über die Grenze zum nördlichen Nachbarn. Eine logischer Schritt, den schon einige Basler Bands wie «End» oder «The ­Bianca Story» mit Erfolg geschafft haben. Die nötigen Voraussetzungen hat sie. Ihr Management ist gut aufgestellt und die Plattenfirma stark.
 

Text: Lukas Hausendorf, Fotos: zVg