Holzschnittillustation: Aufteilung von Europa

Während ein Putto weltliche und kirchliche Insignien vom Himmel auf die Erde streut, machen sich Fürsten mit ihren Scheren und territorialen Ansprüchen begierig an die Europa. Und der Kalendermann nimmt diese Szene kritisch zur Kenntnis. «Die Vorstellung der Herren mit den Scheren», Holzschnittillustration aus einem zeitgenössischen Kalender, 1815. (Schweizerische Nationalbibliothek, aus: Die Geschichte der Schweiz, Herausgegeben von Georg Kreis, Schwabe Basel 2014)

Von Wien nach Brüssel? Eine nicht zu Ende gegangene Geschichte

1815 teilte der Wiener Kongress das ehemalige Fürstbistum Basel den Kantonen Bern und Basel zu. Damit wurde das Birseck schweizerisch. Das BirsMagazin beleuchtet dieses historische Ereignis in mehreren Schwerpunktartikeln. In dieser Nummer erläutert der Historiker Georg Kreis das Verhältnis zwischen Birseck und Europa damals und heute.

 

Gegen Ende des 200-Jahr-Jubiläums und nach zahlreichen Beiträgen zu den Vorgängen um 1815, seien hier am Fall des Birsecks die Fragen der Gebietszugehörigkeit und des kollektiven Selbstbestimmungsrechts ins Zentrum gestellt. Wir sind mehr oder weniger bereits daran erinnert worden, dass die Bevölkerung des Birsecks 1815 (rund 5000 Seelen), ungefragt eine neue Zugehö­rigkeit verordnet erhielt. Im Mai und im September 1814 gab es zwar zwei von interessierter Seite inszenierte, aber wirkungslose «Plebiszite» mit Meinungsäusserungen von Bürgermeistern, Pfarrern, Députés und Familienvorständen. Diese hatten sich mit grossen Mehrheiten für einen Kanton Fürst­bistum im Rahmen der Eidgenossenschaft ausgesprochen.

Fürstbistum als Verhandlungsmasse

Dass die direkt betroffenen Menschen nicht formell darüber abstimmen konnten, welcher Obrigkeit sie als Landeskinder ange­hö­ren wollten, entsprach völlig dem damals geltenden Herrschaftsverständnis. Nicht nur das Fürstbistum und sein kleines Birseck, auch manche andere Teile Europas bildeten am Wiener Kongress eine zur Disposition stehende Verhandlungsmasse. Diese wurde am grünen Tisch der Kabinettsdiplo­matie mit wenig Rücksicht auf die direkt betroffene Bevölkerung als Tausch- und Aus­gleichsobjekte eingesetzt. In diesem Sinne wäre auch die durchaus angedachte Varian­­te zeitgemäss gewesen, nicht das Birseck, aber einen anderen Teil des Fürstbistums, nämlich den Nordjura, an Genf abzutreten, damit dieses ihn gegen die Übernahme des französischen Pays de Guex an Frankreich hätte weitergeben können. 

In einem Geheimpapier der Siegermächte von 1814/15 ist von «Provinzen» die Rede, die durch den Krieg «verfügbar» geworden sind. Von Bedeutung war übrigens auch der Kolonialbesitz, darum hatten auch Portugal und Spanien einen Platz am Verhandlungstisch und war die Vereinbarung mit der Schweiz auch von diesen mitunterschrieben. Nicht ganz so frivol handelten die Mächte, wie man aufgrund des geflügelten Wortes vom «tanzenden Kongresse» annehmen könnte. Dieses Bild entsprach sicher einer gesellschaftlichen Teilwahrheit, es ergab sich aber nur aus einer Antwort auf eine Art Journalistenfrage, ob die Konferenz Fortschritte erziele. Der Gefragte, ein 80-jähriger noch während des Kongresses verstorbener Fürst, erklärte mit Blick auf die sich in die Länge ziehenden Verhandlungen: «Le congrès danse bien, mais il ne marche pas!» In den 13 Sonderkommis­sionen (und auch derjenigen für die Schweiz) wurde jedoch gearbeitet. Hier erhielt der Sachverstand der Spezialisten die Möglichkeit, einen noch wenig entwickelten Bereich der internationalen Beziehungen zu pflegen. 

Ob Tanz oder Länderschacher: Im Falle der Schweiz wurde in erster Linie unter militärstrategischen Gesichtspunkten und im Sinne von opportun erscheinenden Abfindungen gehandelt. Der bekannteste Handel dieser Art war Berns Entschädigung für den Verlust der Waadt mit den sieben Jurabezirken des vormaligen Fürstbistums, was in Bern allerdings als schlechte Kompensation taxiert wurde, nämlich als «Holzschopf gegen einen Weinkeller». Das war rein wirtschaftlich gedacht. Wenn auch das «human capital» reflektiert worden wäre, hätte man darauf geachtet, welche Gebiete mehr und bessere Soldaten zur Verfügung gestellt hätten. 

Basel will Hinterland erweitern

Beides – Wirtschafts- und Menschenqualität – dürfte im Fall des Birsecks mit seinen neun Gemeinden (Pfeffingen, Aesch, Ettingen, Therwil, Oberwil, Schönenbuch, Allschwil, Reinach und Arlesheim) nicht entscheidend gewesen sein. Da ging es vor al­lem um Territorium beziehungsweise Grenz­ziehung. Das reformierte Basel wollte das Gebiet, obwohl es mit katholischer Bevölkerung versehen war, zur Erweiterung seines Hinterlands. Auch Solothurn hatte ein Interesse an der fürstbischöflichen Vogtei, weil es so sein zerstückeltes Territorium etwas hätte arrondieren können. Dass Basel im Falle des Birsecks den Zuschlag erhielt, dürfte auch durch die Leistungen begünstigt worden sein, welche die Stadt 1813/14 beim Durchmarsch der Alliierten erbracht hatte. Im Stadtkanton besteht heute aber kein Bedürfnis, der Erwerbung von 1815 zu gedenken, zumal diese bereits nach 17 Jahren wieder verloren ging.

Heute kann man sich aus gegebenem Jubiläumsanlass fragen, ob der «top down»-Entscheid im Falle des Birsecks richtig oder falsch war. Im Lichte der Geschichte war er sicher richtiger als im Falle der drei nord­jurassischen Bezirke, die Bern zugeteilt wurden und erst seit 1979 den Kanton Jura bilden. Und ebenfalls richtiger als im Falle des Laufentals, das erst 1994 über einen im zweiten Durchgang nicht mehr verfälschten Selbstbestimmungsakt zum Kanton Basel-Landschaft kam. 

Kanton «Fürstbistum Basel»?

Eine andere Variante wäre aber nicht unrichtig gewesen: die 1814 mit Petitionen gewünschte Eingliederung des ungeteilten Fürstbistums als zusätzlicher Kanton in die Eidgenossenschaft. Bei der Realisierung die­ser Variante hätte sich allerdings die Frage gestellt, ob es möglich gewesen wäre, als theoretisches Fürstentum – wie im Kanton Neuenburg bis 1848 – und zudem als klerikaler Besitz der Schweiz anzugehören. Diese Lösung hätte den reformier­ten Ständen nicht gefallen, weil dadurch die konfessionelle Balance zugunsten der Katholiken leicht verschoben worden wäre. Die Geschichtsschreibung trauerte dieser verpass­ten Gelegenheit nicht nach. Der Historiker Ernst Gagliardi nannte das Fürstbistum eine «vom Moder des Heiligen Römi­schen Reichs befallene Missgeburt» (1920). 
Die Entscheidungsträger des Wiener Kongresses waren dezidiert und aus heutiger Sicht richtigerweise gegen jede Wiederherstellung von geistlichen Herrschaften. Ein ungeteilter Anschluss des säkularisierten Fürstbistums mit einer «Constitution adaptée au système de la Suisse en général» wäre nach heutiger Einschätzung aber keine a priori falsche Sache gewesen: Eine moderne, mehrsprachige und mehrkonfessionelle Einheit, die mit der später hinzugekommenen Demokratisierung – also ohne «Gouvernement paternel» eines Fürsten – durchaus eine basislegitimierte kantonale Willensnation hätte bilden können. Diese Lösung wäre aber mit dem Risiko behaftet gewesen, dass im Südjura, Laufental und Birseck im Laufe des nationalromantischen 19. Jahrhunderts unter Berufung auf die Sprachenfrage Separatisten den Anschluss an deutschsprachige Nachbarkantone gefordert hätten.

Das Birseck, Basel und Basel-Landschaft

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker war in seinem Ursprung (man erinnere sich an die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung) ein politisches und nicht ein ethnisierendes, auf Volkstum rekurrierendes Prinzip. Es blieb jedoch stets offen, welche Bevölkerungen das Recht hatten, per Abstimmung davon Gebrauch zu machen. Das Birseck, 1815 nur Objekt der hohen Po­litik, beanspruchte nach 1830 zusammen mit dem übrigen Basler Untertanengebiet nicht als Volk, sondern als politische Gemeinschaft und kleine Willenseinheit das Selbstbestimmungsrecht. 

Per saldo war es dann der weitere Geschichtsverlauf, der entschied, dass der damalige Zugehörigkeitsentscheid auch für die heutige Birsecker Bevölkerung, ob alteingesessen oder irgendeinmal zugezogen, bestimmend blieb. Aus den rund 5000 Birs­ecker-Seelen sind es, wenn man von der Bevölkerung der später zum Bezirk Arlesheim gekommen sechs Gemeinden (Biel-Benken, Binningen, Bottmingen, Münchenstein, Muttenz und Birsfelden) absieht, heu­te rund 82 700 im Birseck wohnhaften Menschen jeglicher Art geworden. Die 1815 wichtige Garantie des katholischen Status des Birsecks innerhalb des reformierten Basler Gebiets hat heute nicht mehr die gleiche Bedeutung: 2014 sind nur noch rund 30 Prozent als römisch-katholisch eingetragen. Und Basel ist inzwischen dagegen wesentlich katholischer geworden, als es 1815 war.

Die meisten Birsecker Bürgerinnen und Bür­ger dürften heute mit der nationalen und wohl auch kantonalen Zugehörigkeit einigermassen zufrieden sein. Was die Kantonszugehörigkeit betrifft, sei jedoch daran erinnert, dass 1969 im Bezirk Arlesheim eine 59,7-Prozent-Mehrheit immerhin für eine Wiedervereinigung mit Basel-Stadt war, aber von der gesamten Baselbieter Nein-Mehrheit von 59 Prozent überstimmt wurde. In der Fusionsabstimmung vom Herbst 2014 gab es dann allerdings mit nur 38,7 Prozent Ja-Stimmen auch im Arlesheimer Bezirk keine Mehrheit mehr. Das zeigt, wie Zugehörigkeitswünsche ändern können und ein auf dauerhafte Veränderung angelegter Entscheid eigentlich mit einem qualifizierten Mehr gefällt werden müsste.

Das Birseck und die Schweiz

Und was das Nationale betrifft: Die Aescher Gemeindepräsidentin Marianne Holliger erklärte im September 2015: «Wir wären sonst heute wohl Teil Frankreichs und somit aktiv in den Krieg von 1870 und in die zwei Weltkriege hineingezogen worden.» Pascal Ryf von der Arbeitsgemeinschaft «z Oberwil underwäggs» gab ein noch breiteres Statement ab, indem er sagte, dankbar auch dafür zu sein, «dass wir nicht zu Deutschland gekommen sind». 

Dank der Weichenstellung von 1815 und der Nachbesserung von 1833 sind die Nachkommen der fürstlichen Untertanen in den Genuss der im Baselbiet früh und stark entwickelten Volksrechte gekommen. Andererseits, dies muss auch gesagt sein, erhielten die Frauen wesentlich später als die deutschen und französischen Frauen po­litische Mitbestimmungsrechte und sind noch heute stärker der Lohndiskriminierung ausgesetzt.

Was man – ob frohlockend oder bedauernd – auch noch hätte sagen können: Erspart sei dem Birseck dank der Geschichte geblieben, heute bereits der viel geschmähten EU anzugehören. Immerhin dürften die meisten Bürger und Bürgerinnen des Birsecks 1992 für den EWR-Beitritt gestimmt haben; doch sie wurden auch in diesem Fall überstimmt, diesmal von einer schweizerischen Mehrheit. Das heutige Europa, das mit der EU weitgehend identisch ist, betreibt keine Obrigkeitspolitik, wie sie am Wiener Kongress praktiziert worden ist. Sie geht davon aus, dass die Grenzen nur noch eine bedingte Rolle spielen und die Basis der politischen Entscheide grundsätzlich doch ein Delegationsprozess von unten nach oben ist.

Das Birseck und Europa

Hans Utz hat bereits im BirsMagazin 1/2015 darauf hingewiesen: «Die damaligen Vorgänge offenbarten, wie sehr die Schweiz von Europa abhängig war. Hat sich das inzwischen wesentlich verändert oder hat die Abhängigkeit nicht einfach neue Formen angenommen? Die Abhängigkeit von der EU ist für Nichtmitglieder (zu denen auch das Völklein im Birseck gehört) pa­radoxerweise nicht kleiner, sondern nur anders.»

Ist es wichtig, zu welcher grösseren Gebiets­körperschaft das Birseck heute gehört – zu welchem Kanton und zu welchem Nationalstaat? Die Zugehörigkeit ist ziemlich selbstverständlich oder irrelevant und wird im Alltag vor allem auf der Gemeindeebene gelebt. Aber man hat sie nicht selber gemacht, man ist in sie hineingeboren oder auch hineingewandert. Sie verteilt sich in der Schweiz auf die drei klassischen Staatsebenen (Gemeinde, Kanton, Bund) und dürf­te gelegentlich auch mit einer stärkeren Zugehörigkeit zu einer vierten Ebene, der Europäischen Union, ausgestattet werden.

Man könnte wegen der vielen Jubiläen und der damit praktizierten Teilaktualisierung von Geschichte zu solchem Gedenken auf Distanz gehen. Es gibt aber mindestens zwei Gründe, im Fall des Birseck-Jubiläums in die Geschichte zurückzublicken: Einmal, um sich an Hand der Rekapitulation der ­Realgeschichte den historischen Wandel zu vergegenwärtigen und sich damit der Wan­delbarkeit der Verhältnisse überhaupt vermehrt bewusst zu werden, dies nicht nur bezüglich der Vergangenheit, sondern auch mit Blick auf die Zukunft. Und zum anderen gibt das Jubiläum Gelegenheit, über die Bedeutung der kollektiven Zugehörigkeit nachzudenken. Dabei darf man die gegenwärtige Zugehörigkeit durchaus als wichtig erachten, aber man darf sie zugleich auch relativieren und davon ausgehen, ja sogar darauf hinarbeiten, dass nicht alles gleich bleibt, wie es ist. Es gibt kein Ende der Geschichte, und Geschichte bleibt nicht stehen. Wie sich die Verhältnisse in der Schweiz und in Europa in den letzten 200 Jahren verändert haben, werden sie sich – dies mit absoluter Sicherheit! – auch in den kommenden 200 Jahren weiter verändern.

 

Text: Georg Kreis, Bild: Schweizerische Nationalbibliothek, Foto: Gabriel Kreis
­