Wandlungsfähig: Caroline Rasser sass mehrere Stunden in der Maske, bis sie für das Buch «Basel in Portraits» als Hollywood-Diva fotografiert werden konnte. Der Fotograf Lucian Hunziker machte das schwarz/weiss-Bild nach dem Vorbild des verstorbenen US-Fot

Wandlungsfähig: Caroline Rasser sass mehrere Stunden in der Maske, bis sie für das Buch «Basel in Portraits» als Hollywood-Diva fotografiert werden konnte. Der Fotograf Lucian Hunziker machte das schwarz/weiss-Bild nach dem Vorbild des verstorbenen US-Fotografen George Hurrell. Foto: Lucian Hunziker

«Der Zweifel ist mein Motor»

Caroline Rasser feiert mit ihrem Fauteuil die 60. Saison. Anstatt in Hollywood zu bleiben, kam sie zurück nach Basel und übernahm mit ihrem Bruder die Theaterleitung: Sie habe zu wenig Ellenbogen für die Hollywood-Glitzerwelt. Am Spalenberg feiert sie grosse Erfolge – blickt aber auch mit Sorgen in die Zukunft.

 

Inkognito flitzt Caroline Rasser den Basler Hausberg hinauf, versteckt unter einem grossen schwarzen Hut. Bis jemand reagieren kann, ist sie auch schon wieder weg – verschwunden hinter den Türen ihres Thea­ters Fauteuil. Die Schauspielerin und Produzentin ist im Zeitdruck, ein Normalzustand während der Hauptsaison. Jeden Tag pendelt sie zwischen Büro und Bühne hin und her, erledigt Schreibtischarbeiten, probt oder schleift an den Stücken. «Die Tage sind lang. Die Abende auch.»

 

Caroline Rasser

 

Aktuell läuft die 60. Saison im Fauteuil. Während unseres Treffens im Tabourettli-Saal ist die Crew im Endspurt für «Das tapfere Schneiderlein». Königliche Musik erfüllt das familiäre Haus, wird lauter, wenn sich die Türe zum Proberaum öffnet und verstummt, sobald sie sich schliesst. Caro­line Rasser lächelt: «Das weckt Erinnerungen an meine Kindheit.» Sie und ihr Bruder – mit dem sie das Fauteuil seit 20 Jahren führt – seien hier stets ein- und ausgegangen. Im Alter von 7 und 10 Jahren standen beide erstmals im Scheinwerferlicht: Claude Rasser als Wildsau und Schwester Caroline als Hinterteil des Einhorns in «Das tapfere Schneiderlein». 50 Jahre schon ist das Fauteuil für seine Märchen-Bühne bekannt. «Wir inszenieren ein Standard-Repertoire. Rund alle sieben Jahre wird ein Märchen neu produziert und dem aktuellen Leben angepasst.» Einige Jahre später stand dann Tochter Manon ebenfalls neben dem Schnei­derlein auf der Bühne. Auch heute noch sind es Kinder aus dem Team, die sich in den Märchenproduktionen verwirklichen dürfen. «Das ist jedes Mal ein Chäferfescht», sagt Caroline Rasser und lehnt sich schmun­zelnd zurück.

 

Fauteuil Basel

 

Caroline Rasser, gibt es ein Wort, das Sie beschreibt?

(Überlegt lange.) Es sind drei: Immer in Bewegung. Aber nicht rastlos, das ist was anderes. Gibt es dafür ein einziges Wort?

Angetrieben?

Ja, nicht schlecht. Aber «immer in Bewegung» passt besser. Sie können ja die Zwischenräume weglassen (lacht).

Ist in Ordnung, wir lassen das gelten. Ist Ihr Theater auch in Bewegung – oder bleiben Sie lieber im altbewährten Trott?

Ich finde nicht, dass man von einem Trott sprechen kann. Jeder Tag im Theater ist so anders und immer wieder stellen sich neue, unvorhergesehene Herausforderungen. Aber ja, natürlich wollen wir weiterkommen. Allerdings nicht ruckartig und überstürzt, sondern in kleinen Schritten. Aktuell gibt es beispielsweise einige Lesungen auf der Bühne oder vermehrt klassisches Cabaret.

 

Fauteuil "Das tapfere Schneiderlein"

 

Als Vater Roland Rasser sich Ende der 90er-­Jahre aus dem Arbeitsleben zurückziehen wollte, fragte er seine beiden Kinder, ob sie das Theater am Spalenberg übernehmen möchten. Caroline war damals beim Schwei­zer Fernsehen als Schauspielerin unter Vertrag, Bruder Claude steckte noch im Wirtschaftsstudium. «Wir wurden in nichts hineingezwängt», betont die Fauteuil-Chefin. «Aber hier drin steckt so viel Herzblut, dass wir Lust hatten, die Sache auszuprobieren.» Es dauerte nicht lange, bis beiden klar war, dass dieses Vermächtnis nicht in fremde Hände gehen soll. 
«Viele warnten uns damals, dass unser Vater bestimmt nicht loslassen könne und uns dreinredet.» Das Gegenteil war der Fall. Caroline Rasser – in New York und Paris frisch als Schauspielerin ausgebildet – wollte unbedingt «Die Panne» von Friedrich Dürrenmatt aufführen. Im Hochsommer. «Das Stück wurde ein Publikumsflop und mein Vater hätte uns warnen können, wenn er gewollt hätte», ist Rasser überzeugt. Sie ist froh, dass er es nicht getan hat. Denn aus Spargründen machten ihr Bruder und sie sehr vieles selbst: Es lehrte sie, Demut vor ihrem Beruf zu haben und ein Gefühl da­für zu bekommen, wie viel Aufwand hinter einem erfolgreichen Unternehmen steckt. 

 

Fauteuil Basel

 

Sie waren vor vielen Jahren Teil der Hollywood-Produktion «Vom Winde verweht». Danach sagten Sie «und tschüss» zu Hollywood ...

... ja, das stimmt. Und ich hätte das nicht so bewusst entscheiden können, wenn ich nicht das Theater im Rücken gehabt hätte. Es war wunderbar, dass ich diese Möglichkeit hatte. Ich denke, ich habe zu wenig ­Ellenbogen für diese Glitzerwelt; ich möchte nicht immer nur meine Person in den Vordergrund stellen und mich selbst anpreisen. Eine erfolgreiche Eigenproduktion macht mich glücklicher, als im Rampenlicht zu stehen.

Trotzdem stehen Sie im Vordergrund, wenn es ums Fauteuil geht. Von Ihrem Bruder hört oder liest man fast nichts. Sind Sie zu dominant oder ist er zu scheu?

Die Aufmerksamkeit ist wegen meiner Jobs beim Film und Fernsehen vermehrt auf mich gerichtet. Seine Arbeit ist oftmals ­weniger für die Öffentlichkeit bestimmt, was er auch schätzt.

Vermutlich ist er ganz froh um diese Aufteilung?

Ja, manchmal schiebt er mich gerne vor (lacht). 

Wie geht eigentlich Ihre 21-jährige Tochter mit dem familiären Vermächtnis um?

Sie macht ihren ganz eigenen Weg und studiert Volkswirtschaft an der Uni Zürich. Wo dieser Weg hinführt, kann man noch nicht sagen, aber ich finde es schön, dass sie sich ihre Freiheit nimmt. Ich bin stolz und gespannt.

Pro Jahr entwickeln Caroline und Claude Rasser vier Eigenproduktionen. In der aktuellen Saison laufen das Märchen «Das tapfere Schneiderlein», die Operette «Im weissen Rössl», die Dialektkomödie «Dinner für Spinner» und die bekannteste Produktion des Fauteuils: Das «Pfyfferli», die traditionelle Vorfasnachtsveranstaltung. Nach der Theaterübernahme gab es eine lange Pause, bis sich das Team 2004 wieder an dieses Basler Heiligtum herantraute. Seither steht das «Pfyfferli» jedes Jahr fett gedruckt im Spielplan. Der Erfolg ist so gross, dass die Chancen auf Tickets bisher nur klein waren. Weil 2017 aber mehr Aufführungen geplant sind, können aktuell noch Billette bezogen werden.
Caroline Rasser wusste schon früh, dass sie wie ihr Vater Roland und ihr Grossvater ­Alfred auf die Bühne gehört. Als es um die Ausbildung ging, packte sie ihre Koffer und reiste ins Ausland. An eine Schauspielschule, wo niemand ihren Namen aussprechen konnte und keiner wusste, wer sie ist. So machte sie ihre eigenen Erfahrungen, ohne dauernd unter Beobachtung zu stehen. ­Danach war sie in der Schweiz häufig am Bildschirm zu sehen, zum Beispiel in den Sketches von «Benissimo» oder in der SF-Sitcom «Fertig luschtig».

Sie haben schon in so vielen Produktionen mitgewirkt. Haben Sie einen Lieblingsbühnenpartner?

Das ist schwierig zu sagen. Eigentlich ist es am Schönsten, wenn man lange miteinander auf der Bühne stehen kann. So entsteht eine Vertrautheit und es ergibt sich mehr Spielraum, zum Beispiel für Improvisation. Aber grundsätzlich mag ich die Kollegen, die den Text können.

Das klingt nach schlechten Erlebnissen.

Es gibt Schauspieler, die erst am Tag der Premiere im Text sattelfest sind. Für die Kollegen ist das während den Proben sehr unangenehm. Bei mir ist das halt ganz anders: Vor einer Premiere kommt noch so viel anderes hinzu, so dass ich kurzfristig nicht auch noch Text lernen könnte. 

Im November 2017 feiert das Fauteuil seinen 60. Geburtstag. Ein Indiz dafür, dass es dem Generationenhaus gut geht. Doch je grösser der Erfolg, umso mehr Sorgen macht sich Caroline Rasser. «Euphorische Zeiten setzen mich unter Druck für die Zukunft.» Denn Erfolg im Theater ist nicht messbar, neue Produktionen sind stets auch eine Unsicherheit. «Bei mir ist oft der Zweifel ein Motor.»

 

Text: Sarah Ganzmann, Fotos: Lucian Hunziker und zVg