Wo die 10er-Trams vor der Endstation Rodersdorf nochmals kreuzen: das Bahnhöfli Leymen.

Wo die 10er-Trams vor der Endstation Rodersdorf nochmals kreuzen: das Bahnhöfli Leymen.

Leymen – das Sundgauer Dorf, von Schweizer Seite umklammert

Ein Dorf mit vielen Gesichtern. Vom lehmigen Boden leiten Leymen wie das Leimental ihre Namen ab. Maire Patrick Oser vergleicht die Lage des 1200-Seelen-Dorfs mit einem Hufeisen. Im Norden grenzt es an die elsässischen Gemeinden Hagenthal und Liebenswiller. Im Süden ist es von den Schweizer Dörfern Benken, Flüh und Rodersdorf eingekreist. 

 

Ein Dorf an sonniger Hanglage mit Weitsicht über das Birsigtal, wo Pferde weiden und Kühe grasen. Von der «Mairie-Ecole» steigt die Rue de la Gare, auf dem Schild frei mit «Leimgrueba» übersetzt, steil bergan zum Bahnhöfli. Hier oben macht das gelbe 10er-Tram auf seiner Stippvisite über die Landesgrenze in Frankreich Halt, bevor es in Rodersdorf auf Solothurner Boden wendet und über Basel bis nach Dornach zurückfährt. 
Über dem Dorf auf 560 Metern Höhe thront die trutzige «Landskron». Sie hat eine lange Geschichte. Um 1300 errichtet, war sie im 18. Jahrhundert ein Staatsgefängnis. 1856 wurde sie von der Familie de Reinach-Hirtzbach gekauft und 1923 zum «Monument historique classé» erhoben. Ein Jahrzehnt lang bis 1980 war die Burg von einer Kolonie Berberaffen bevölkert. Das Affentheater beendete die Gründung des Vereins «Pro Landskron», der seit 1983 die Burg instand hält. 
Auf diesen Verein ist Leymens Gemeindepräsident Patrick Oser nicht gut zu sprechen. Die abgewählte Vorgängerin Danielle Ott will den Präsidentenposten partout nicht räumen. Dagegen beschloss der heutige Maire, den Vorstand mit Gemeindepräsidenten des Leimentals von Binningen bis Wolschwiller zu besetzen. Der Aufstand ist programmiert. 

 

Patrick Oser, Maire de Leymen

Patrick Oser, Maire de Leymen 

 

Viel Natur, gute Luft und weite Aussicht

Frühmorgens um neun sitzt der Bürgermeister bei seinem Ehrenamt («benevol») am Pult der Mairie, nachdem er als einer der beiden einzigen Bauern im Dorf seine 200 Kühe melken liess. Den Hof bewirtschaftet er mit seiner Frau und seinem Sohn. Voller Begeisterung erzählt er vom Dorfleben und seinen Bewohnern, die zu 90 Prozent in der Schweiz arbeiten. Umgekehrt haben 10 Prozent Schweizer und andere Ausländer, darunter viele Expats, die in der Chemie arbeiten, hier ihren Haupt- oder Zweitwohnsitz. Wegen der Steuer­belastung verkaufen die Schweizer zunehmend ihre Häuser, so auch das Urgestein des Basler Lokaljournalismus, -minu. Über vier Jahrzehnte hat der Kolumnist winters in der guten Stube mit Holzfeuer für wohlige Wärme gesorgt und das Beste aus Küche und Keller auf den Tisch gezaubert. 
Maire Oser kann mit vielen Vorzügen seiner Gemeinde im Hufeisen auftrumpfen. Sie bietet viel Natur, gute Luft und weite Aussichten. So nisten im alten Steinbruch die Gottesanbeterin und die Schlingnatter und es blühen Enziane und Orchideen. Zum täglichen Einkauf gibt es eine Bäckerei, eine Metzgerei, einen Tante-Emma-Laden («Proxi super – ouvert 7/7») und eine Bank. Auch Radfahrer kommen auf ihre Rechnung: Die Wege von Benken über die Grenze dem ­Birsig und demnächst von Flüh dem Tram-Trassee entlang sind gemergelt. 

 

Centre de Leymen: Couronne d’or, L’Ange, La Mairie et l’Ecole

Centre de Leymen: Couronne d’or, L’Ange, La Mairie et l’Ecole

 

Handwerker und Dorfvereine

Stolz ist der Bürgermeister auf seine Handwerker: den Eléctricien, den Charpentier (den Zimmermann), den Parqueteur (den Boden­leger). Das Vereinsleben blüht mit einer Tanz­gruppe, einer Blasmusik, der Vereinigung «Amicale des Sapeurs-Pompiers», den «Arbo­riculteurs», die einen Tag im November die «carpes frites» brutzeln lassen. Stolz ist der Maire auch auf die Dorfzeitung «Les Echos de Leymen», die dreisprachig erscheint. 
Im Leimental weithin sichtbar ist der Turm der um 1900 erbauten, innen schön renovierten Kirche Saint-Léger. Am Kircheingang steht eine kitschig erleuchtete Madonna und im August pilgern die Einwohner, die Leymenois, beim Eichwald hinauf zur Kapelle Heiligenbrunn. 
Leymen ist auch kulinarisch ein Pilgerort. In der «Couronne d’or» steigen vornehmlich die Basler ab, die sich nach dem «Goldenen Fass» in der goldenen Elsässer «Krone» verwöhnen lassen. Vis-à-vis im «Ange» wird ein «Châteaubriand» tranchiert und in der «Landskron» dampft samstäglich der Suppentopf mit Markknochen.      

Hoch auf dem gelben Wagen ...

An der Rue de pommiers hat das «Centre d’attelage Leymen» seinen Sitz. Es wird von Daniel Würgler und Lea Schmidlin geführt. Im weitherum einzigen Fahrstall warten zwanzig edle Pferde darauf, vor die Karren aller Arten gespannt zu werden. In der Geschirrkammer sind schmucke Kumte und Zaumzeuge schön der Reihe nach aufgehängt. Und in der Remise warten aufwändig restaurierte Wagen auf ihre Ausfahrten: die Ein- bis Vierspänner, die Hochzeitskutsche und der Totenwagen, die Coupés und die Chaisen für die Fasnacht. Während der Sommermonate sind einige robuste Pferde in Andermatt stationiert, wo sie vor die historische Gotthardpost gespannt werden. Bei der Fahrt zum Pass hinauf und die Tremola hinunter müssen die Kutscher ihre Zügel fest in Händen halten und die Post­signale kräftig ins Horn blasen. Das Halali der Kutsche und ihr Fünfgespann ist zur Attraktion für eine betuchte Klientel geworden, die sich hoch auf dem gelben Wagen über den Gotthard schaukeln lässt.

 

Text und Fotos: Jürg Erni