Mesh mit «Die Schweizermacherinnen». Foto: Ketty Bertossi

Mesh mit «Die Schweizermacherinnen». Foto: Ketty Bertossi

Liestal hat ein Theater

Bescheiden-prunkvoll steht das Kulturhaus Palazzo auf dem Bahnhofplatz in Liestal. Das Äussere verlangt demnächst nach einer Auffrischung – im Innern jedoch blüht ein kulturelles Biotop, auf das manch grössere Stadt neidisch sein kann. In der Alten Post ist auch das Theater Palazzo daheim.

 

Als Post 1891/92 im Neo-Renaissancestil vom Bundeshausarchitekten Hans Wilhelm Auer erbaut, wechselte das Gebäude im Jahre 1977 die Besitzverhältnisse und wurde zum Kulturhaus Palazzo. Heute ist es Kunsthalle, Theater, Kino und Buchladen in einem. Diese bunte Vielfalt in einem ein­zigen Gebäude ist beeindruckend – und ­befruchtet sich gegenseitig.

Ein Kleintheater von Format

Das Theater Palazzo existiert seit 37 Jahren. Heute wird es von Karin Gensetter und Nathalie Buchli geleitet. Was heisst geleitet! Die beiden ausgewiesenen, professionellen Theaterfrauen beleben ihr Theater mit einem ausgesuchten Programm an Theaterperlen. Da blitzt ihre Begeisterung für die Sache auf, die sich in einer breiten Palette von Veranstaltungen manifestiert. Die Spielpläne belegen ihre grosse Sachkenntnis: Schwerpunkte sind regionale und nationale Produktionen vom Schauspiel über das Kabarett bis zum Konzert. Spezielles Gewicht legen die beiden auf die Veranstaltungen für Kinder. Im Spielplan gibt es mehrere (und initiierte!) Uraufführungen und Premieren. Auch Produktionen aus dem Ausland finden ihren Platz. So kommt das Publikum in den Genuss von hochkarätigen Highlights aus der ganzen Kleinkunst-Palette. Das riesige Repertoire lässt sich auf www.palazzo.ch unter «Theater Palazzo» > Archiv nachsehen; da sind alle Programme seit 2009 aufgeführt. Ein eigentliches «Who is who» der Freien Theaterszene auf den Kleinbühnen! Mir fällt kein wichtiger Name ein, der nicht schon im Theater Palazzo aufgetreten wäre. 

Die Region hat Vorrang

Das Duo Gensetter/Buchli fokussiert auch ganz bewusst auf die regionale Szene an Künstlerinnen und Künstlern. So ist die Figurenspielerin Margrit Gysin seit Anfangszeiten regelmässig zu Gast mit ihren fa­belhaften Produktionen für kleine Kinder. Auch der Figurenspieler Michael Huber und die Tokkel-Bühne aus Liestal ergänzen immer wieder den Spielplan. Dazu kommen Gäste aus der engeren und weiteren Umgebung von Liestal: Von Dominik Muheim und dem Theaterkabarett Birkenmeier über «Ohne Rolf» und Bea von Malchus bis zu «Les Papillons» und «Les Reines Prochaines». Erwähnenswert ist auch, dass heute be­stan­dene Kleinkunstgrössen schon früh den Weg ins Palazzo gefunden haben. Somit ist das Theater auch Sprungbrett für New­comer – ein sehr wichtiger Aspekt.

 

Karin Gensetter (links) und Nathalie Buchli

Karin Gensetter (links) und Nathalie Buchli

 

Ausgesprochen sympathisch

Das Theater Palazzo hat seinen eigenen, intimen Charme! Schon der Einlass ist spe­ziell: Ein altertümliches Billetthäuschen mit einem Fenster erwartet die Besucher im leicht nostalgisch anmutenden Gang zum Theater. Der Vorraum zum Theatersaal dient als Foyer, wo freundliche Mitarbeiterinnen vor der Aufführung, in der Pause und nach der Vorstellung für die Bewirtung sorgen. Der eigentliche Theaterraum ist steil ansteigend – ich kenne wenige Theater, wo die Einsicht auf die Bühne so unproblematisch ist wie da. Das Publikum ist hautnah am Bühnengeschehen. Und noch etwas: Die nahen SBB-Züge suggerieren, sie würden quasi backstage vorbeirauschen – wenn man sie aber nicht hört, sind sie nicht etwa ausgefallen, sondern das, was auf der Bühne passiert, ist so spannend, dass man den Lärm glatt überhört ...
Das Publikum kommt nicht nur aus Liestal, sondern aus dem ganzen Baselbiet; es reist aber auch aus der ganzen Schweiz an. Der Standort direkt am Bahnhof mitsamt den Buslinien könnte idealer nicht sein.

 

Text: Fredy Heller, Fotos: zVg