Freude beim Auspacken der 600 Kartons mit Hilfsgütern in Syrien

Freude beim Auspacken der 600 Kartons mit Hilfsgütern in Syrien.

Menschliches Bedürfnis oder Bürgerpflicht?

Im Jahr 2015 haben Hilfswerke in der Schweiz 1,8 Milliarden Franken Spenden erhalten – so viel wie noch nie. 2,7 Millionen Menschen engagieren sich in unserem Land freiwillig. Sie spenden Geld und sie spenden Zeit, um zu helfen. Warum tun wir das? Ist Gutes tun ein Grundbedürfnis? Macht spenden glücklich? Oder gehört es in unserer Gesellschaft einfach zum guten Ton? Das BirsMagazin hat sich um­gehört, bei Spendern, Spendenempfängern und Fachleuten.

 

In der Adventszeit haben sie Hochsaison, die Christstollen, die Weihnachtsdekora­tionen und die Werbekataloge für das perfekte Geschenk. Doch auch ein anderes Phänomen ist aus dieser Zeit nicht mehr wegzudenken: die «Bettelbriefe». Beinahe täglich flattern sie einem in den Briefkasten. Ausgehungerte Kinder und verzweifelte Mütter schauen uns an, Fotos von Tierbabys sollen unser Herz erweichen, eindrückliche Vergleiche, griffige Slogans und Geschichten von Einzelschicksalen machen uns betroffen. Dass wir vor allem in der Vorweihnachtszeit mit Spendenaufrufen überhäuft werden, ist nicht ganz unbegründet: Rund ein Drittel der jährlichen Spenden wird in den Monaten November und Dezember getätigt. Es ist die Zeit der Nächstenliebe und der Solidarität. Doch auch sonst sind wir Schweizer grosszügig: Der jährliche Spendendurchschnitt von rund 210 Franken ist im internationalen Vergleich ein Spitzenwert. Gemäss Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der Stiftung Zewo (siehe Kasten S. 16), spenden Schweizerinnen und Schwei­zer überdurchschnittlich häufig, weil sie überzeugt sind, dass es die Arbeit der Hilfswerke braucht und dass sie viel bewirken. Aber warum spenden wir überhaupt? 

 

Der Container hat sein Ziel in Syrien erreicht.

Der Container hat sein Ziel in Syrien erreicht.

 

Geben ohne Gegenleistung

Wenn man ein wenig forscht, finden sich in unterschiedlichen Studien immer wieder die gleichen Beweggründe: Die fremden Schicksale bewegen, man will nicht zusehen, wie andere leiden, fühlt sich privilegiert und möchte dem Leben etwas zurückgeben, oder man fühlt sich mit einer Organisation oder einem Projekt verbunden. Einige Theorien führen auch den Altruismus an, also die grundsätzliche Bereitschaft der Menschen, vom eigenen Wohlstand anderen etwas abzugeben, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Der Basler Phil­anthropie-Forscher Georg von Schnurbein spricht auch vom «Warm Glow»-Effekt, dem guten Gefühl, das man beim Spenden hat. Aber auch die Reziprozität spielt laut Schnur­bein eine Rolle – man spendet in der Erwartung, dass einem im Notfall ebenfalls geholfen wird. Daher wird bei Katastrophen, die einem auch selber treffen könnten – zum Beispiel in Touristengebieten –, grosszügiger gespendet. Bei menschengemachten Notsituationen hingegen ist die Zu­rück­haltung grösser, genauso wie bei Krankheiten: Spenden für die Aidshilfe zu erhalten, ist schwieriger als für die Krebshilfe, da die Spender oft der Meinung sind, bei Aids seien die Betroffenen selber nicht unbeteiligt an ihrem Schicksal.

 

Die Sammelaktion in Arlesheim wurde u.a. mit Plakaten im Dorf angekündigt.

Die Sammelaktion in Arlesheim wurde u.a. mit Plakaten im Dorf angekündigt.

 

Immer wieder neue Argumente

Nicht so einfach haben es auch Organisa­tionen, deren Projekte aus den Medien verschwunden und wegen ständig neuer Katastrophen in Vergessenheit geraten sind. «In den ersten Jahren unserer Tätigkeit war die Betroffenheit eindeutig noch allgegenwärtig», erzählt Andrea von Bidder vom Verein AMICA Schweiz (siehe Kasten), der sich seit zwanzig Jahren für traumatisierte Frauen und Kinder in Bosnien-Herzegowina einsetzt. Es brauche klare und verständliche Begründungen, warum dieses Land noch immer Hilfe aus der Schweiz benötigt. Ein kleiner, engagierter Verein wie dieser kann aber meist auf eine treue, langjährige Spenderschaft zählen, doch für grössere Projekte muss auch AMICA Schweiz an Stiftungen und grössere Geldgeber gelangen, also Fundraising betreiben. «Dabei ist es wichtig, dass wir konkrete Projekte vorstellen können», so von Bidder. Administration oder Backoffice-Aufwände seien zwar ebenso nötig, zum Spenden sammeln aber ein «No-Go». Andrerseits spenden viele Men­schen lieber an kleine Organisationen. Denn obwohl das Fundraising immer professioneller daherkommt und bei den Bettel­briefen nichts dem Zufall überlassen wird, können allzu ausgeklügelte Mailingaktionen – wenn möglich noch mit Geschenken bestückt – Skepsis auslösen. Schliesslich will man, dass das gespendete Geld dem Projekt zugutekommt und nicht in den Werbemassnahmen versickert. Auch die Stiftung Wakina Mama na Watoto (siehe Kasten), die 1991 von ­Karin Vetter in Arlesheim gegründet wurde, hat eine sehr konkrete ­Zielsetzung und wirkt in einem überschaubaren Rahmen: Sie bietet dem Streudorf Hezya im Südwesten Tansanias Hilfe zur Selbsthilfe. 
«Unsere Projekte konzentrieren sich auf die zentralen Lebensbereiche», sagt Hartmut Vetter, der Stiftungsratspräsident von Wa­ki­na, «Trinkwasser, Gesundheit, Landwirt­schaft und Ausbildung.»

 

Kriegstraumata haben kein Verfallsdatum – Maltherapie in Bosnien-Herzegowina. Foto: AMICA, zVg

Kriegstraumata haben kein Verfallsdatum – Maltherapie in Bosnien-Herzegowina. Foto: AMICA, zVg

 

Dass es auch ohne grosse Werbemassnahmen geht, erlebte im September 2015 die Pfarrei St. Odilia in Arlesheim. Initiiert durch das Ehepaar Heizmann, Bekannte eines syrischen Priesters in Wien, rief die Pfarrei eine dreitägige Spendenaktion für sogenannte Binnenflüchtlinge in Syrien aus, für jene Menschen also, die innerhalb des eigenen Landes vor den Kriegswirren flüchten müssen. Geworben dafür wurde nur regional, mit Plakaten im Dorf und Ankündigungen im Pfarr- und im Wochenblatt. Das Ziel war, einen Container mit Hilfsgütern zu füllen und nach Syrien zu schicken. «Wir zweifelten daran, ob wir den Container würden füllen können», erinnert sich Edith Fischer, die zum Organisationsteam gehörte. Und dann dies: «Vom ersten Tag an war es gewaltig», so Fischer. «Die Menschen kamen aus der ganzen Schweiz, die Strassen im Dorf waren verstopft.» Irgendjemand hatte die Aktion auf Facebook gepostet. Der Erfolg war überwältigend. Nach nur einem Tag war die ganze Aktion aus allen Nähten geplatzt und den Organisatoren über den Kopf gewachsen. Eine Krisensitzung musste abgehalten werden und «dann geschah ein Wunder nach dem anderen. Plötzlich hatten wir von überallher Hilfe», erzählt ­Fischer. Die Gemeinde stellte die Turnhalle zur Verfügung, ein Transportfachmann beschaffte weitere Container, ein Helfer über­nahm die «stabsmässige» Organisation der Spendenannahme und sogar Passanten halfen spontan für zwei, drei Stunden beim Sortieren und Packen mit. Zeitweise umfasste das Helferteam bis zu fünfzig Per­sonen. Schliesslich konnten anstelle des ­einen, geplanten Containers deren sechs nach Syrien geschickt werden.

 

Elisabeth Partyka und der Therapiehund Beau. Foto Sabina Haas

Elisabeth Partyka und der Therapiehund Beau. Foto Sabina Haas

 

Frauen spenden häufiger als Männer

Aus unzähligen privaten, kleineren Spenden wurde also eine grosse Sache – ein Muster, das laut Zewo in der Schweiz gängig ist, stammen doch zwei von drei gespendeten Franken aus Kleinspenden von privaten Haushalten. Dies gilt für fast alle Spenden sammelnden Hilfswerke. Weitere Studien zeigen, dass Frauen tendenziell häufiger spenden als Männer, ebenso spenden ältere Menschen mehr als junge, bei den über Sechzigjährigen sind es gar achtzig Prozent. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass die digitale Form des Spendens noch einen verschwindend kleinen Anteil ausmacht mit etwas mehr als einem halben Prozent. Noch immer dominieren die Post- oder Banküberweisungen mit zweiundneunzig Prozent. Grundsätzlich sind Menschen, die sich auch sonst sozial engagieren, spendenfreudiger. Elisabeth Partyka aus Münchenstein zum Beispiel besucht mit ihrem Hund seit drei Jahren einen Patienten mit Parkinson. Der Airedale Terrier namens Beau ist ihr zweiter Therapiehund und befindet sich momentan in der Ausbildung. Für Partyka ist ihr Hund ein wichtiger Teil ihres Lebens, sie mag es nicht, wenn sie ihn zuhause lassen muss. «Hunde nehmen Menschen so, wie sie sind, und manche Menschen können sich einem Tier gegenüber eher öffnen als einem anderen Menschen.» Der Vorgängerhund Jango hat Partyka denn auch so manchen Gänsehautmoment beschert, wenn er etwa ganz von selbst erkannte, was der Patient jetzt gerade brauch­te. Für sie ist ihr Engagement also eine Win-Win-Situation. «Wenn Beau jemanden zum Lächeln oder Abschalten bringen kann – das ist einfach schön.» Und manchmal beginnt die «Therapie» bereits auf der Hinfahrt, wenn sie zum Beispiel mit älteren Leuten ins Gespräch kommt, die früher selber einen Hund hatten. Sie nennt das «zehn Minuten Freude schenken im Tram». 

 

Passt der Pulli? Nonnen verteilen die gespendeten Kleider in Syrien.

Passt der Pulli? Nonnen verteilen die gespendeten Kleider in Syrien.

 

Macht geben also glücklich?

«Unbedingt», so Partyka, «wenn man für sich das richtige Engagement findet.» Sie bestätigt damit Studien, die einen signifikanten Zusammenhang zwischen Freiwilligenarbeit und Lebenszufriedenheit aufzeigen. Edith Fischer von der Syrien-Spendenaktion formuliert es so: «Wenn man sieht, dass sich so viele Menschen für etwas freiwillig einsetzen – das ist sehr berührend und ­motivierend.» In ihrem Fall hatte die Motivation sogar eine Fortsetzung, denn nachdem die sechs Container verschifft waren, blieb noch immer eine ansehnliche Summe an Spendengeldern übrig. Die damalige Organisationsgruppe wandte sich damit an die Weltgruppe der Pfarrei St. Odilia (siehe Kasten), die mit diesen Geldern momentan ein Projekt in Syrien finanziert, bei dem zweitausend Schlafsäcke angefertigt werden, um diese an die Bevölkerung abzu­ge­ben. Damit wird nicht nur Nothilfe geleistet, sondern es werden auch  Arbeitsplätze geschaffen.
Auch die internationale Studie des «World Giving Index» kommt zum Schluss, dass sich die Menschen dort insgesamt besser fühlen, wo die Hilfe für den anderen einen hohen Stellenwert geniesst. Das Geben – ob in Form von Geld, Sachspenden oder Zeit – scheint also seinen Ursprung – und seine Berechtigung – eher bei den Emotionen zu haben als beim Verstand. Und sollten Sie nun ebenfalls den Geldbeutel öffnen wollen, so rät Philanthropie-Forscher von Schnurbein, Organisationen und Projekte in einem Themenbereich zu vergleichen, der einem anspricht, und die Spenden möglichst nicht aufzuteilen, da Kleinspenden für die Organisationen mehr Aufwand bedeuten. «Konzentrieren Sie sich auf ein einzelnes Projekt – damit können Sie viel mehr bewirken.» Und das gute Gefühl gibt es kostenlos dazu.

 

Text: Sabina Haas, Fotos: Sabina Haas, zVg