Albert Brodmann mit dem Galerie-Engel und Pia Brodmann mit ihrem Buch

Albert Brodmann mit dem Galerie-Engel und Pia Brodmann mit ihrem Buch.

Jetzt oder nie

Ein Gespräch mit einem Ehepaar mit Durchsetzungswillen und Grenzerfahrungen

 

Wir treffen uns im blauen Haus mit dem markanten Tonnendach an der Talstrasse 57 in Flüh: unten Schlosserei mit Werkstatt, oben ein grosser offener Raum mit Galerie. Hier wirkt das Ehepaar Pia und Albert Brodmann aus Ettingen. Über beide, die in ihrem Leben Aussergewöhnliches geschaffen und erlebt haben, gibt es viel zu erzählen. Sie sind unterwegs auf verschiedenen Wegen, doch ihr Ziel liegt nahe beieinander: die per­sönliche, kreative Verwirklichung und das soziale und kulturelle Engagement.

Albert der Kunstschlosser

Der heute 75-jährige Albert Brodmann ist schon in jungen Jahren seinen eigenen Weg gegangen. Bereits mit 31 Jahren machte er sich selbstständig und baute in Flüh seine eigene Schlosserei auf. Das Experimentieren und Kreieren liegt ihm im Blut. Also macht er sich bald daran, neben den Kundenarbeiten fantasievolle Werke aus Metall zu schaffen. Der Rohstoff dazu fällt ihm in seiner Schlosserei zu Füssen. «Es gibt keinen Abfall, es gibt nur Abgefallenes», macht mir Albert klar. Er kreiert Skulpturen, Eisenplastiken und Wandreliefs. Die Ideen dazu findet er im Alltagsleben. Oft steht auch eine Geschichte dahinter, wie zum Beispiel die Sage vom Ettinger Waldgeist. «Meine Werke sind alles Unikate. Ich fertige sie von Hand. Jede Arbeit hat ihre eigene Ausstrahlung.» Diese Aussage wird beim Betrachten seiner Engel bestätigt. Sie sind sich ähnlich, aber nicht gleich. Nur einer tanzt aus der Reihe: «Das ist unser Galerie-Engel. Er ist unverkäuflich», fügt Alberts Ehefrau Pia an. Der Künstler wagt sich auch an schwierige ­Metalle wie Bronze und Messing. Üblicher­weise werden diese Werkstoffe gegossen. Albert Brodmann schafft es, sie in aufwändiger Handarbeit zu schmieden. Die meisten seiner Arbeiten sind in Privatbesitz oder stehen in der Galerie in Flüh. Einige da­von kann man auch im öffentlichen Raum besichtigen: zum Beispiel «Die Bannsteinschleifer» vor der Gemeindeverwaltung Ther­wil, die Fenstergitter mit Basler Motiven am Rheinuferweg zwischen dem Hotel Dreikönig und dem Restaurant «Der vierte König» oder das Wandrelief «Die Wanderer» in einer Höhle der Kehlengrabenschlucht oberhalb von Hofstetten. Zum «Abgefallenen» gesellt sich oft auch «Gefundenes». Holz und Stein, unterwegs aufgelesen, baut Albert in seine künstlerischen Arbeiten ein. Er geht konsequent seinen Weg und versteht es, aus scheinbar Wertlosem Wertvolles zu machen.

 

Einer der Erzengel

Einer der Erzengel

 

Ettinger Waldgeist (unten)

Ettinger Waldgeist

 

 

Pia die Wanderin

Mit dem Buch «Zu Fuss nach Santiago de Compostela» wurde eine breite Öffentlichkeit auf die Motive und Erfahrungen von Pia Brodmanns Wanderung über 2000 Kilometer von Ettingen nach der spanischen Pilgerstadt aufmerksam. In ihrem Tagebuch schildert die Autorin Erlebnisse und Be­gegnungen, hält Gedanken fest und zieht Erkenntnisse aus diesen Erfahrungen. Ich möchte von Pia wissen, was denn der Grund für ihren doch recht aussergewöhnlichen Reiseplan war. Neben einer grossen Willens­kraft und den physischen Voraussetzungen braucht es auch Mut, die Familie so lange zuhause zurückzulassen. «Ich trug diese Idee schon länger mit mir herum und fand dann, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um aus dem Alltag auszubrechen. Es war nicht leicht, viel Liebgewordenes für so lange Zeit zu verlassen. Das schlechte Gewissen plagte mich oft. Heute weiss ich, dass diese Wanderung für mich eine wichtige Reise zum Ich war, und dass sie eine Schwel­le zwischen meinem Leben vorher und nach­her bedeutet.» 72 Tage war Pia Brodmann alleine unterwegs. Das hinterliess Spuren. Seither hat die mutige Ettingerin bereits wieder einige weitere aussergewöhnliche Reisen zu Fuss unternommen: unter anderem nach Venedig, in die Bretagne und Richtung Nordkap. Erstaunlicherweise verrät sie noch, dass sie einen schlechten Orientierungssinn habe. Und trotzdem findet sie immer das Ziel, denn Pia Brodmann lässt sich von nichts aufhalten, niemals ...

JetztOderNie – die Galerie

Unser Treffpunkt in Flüh trägt den Namen «JetztOderNie – die etwas andere Galerie». Warum dieser Name, will ich vom Ehepaar Brodmann wissen? «Unser Sohn baute in Ettingen ein altes Bauernhaus um. Es ergab sich zufällig, dass ein grosser Raum frei blieb. Da sagten wir uns ‹jetzt oder nie› und packten die Gelegenheit beim Schopf, eine Galerie zu eröffnen. Seit dem Ausbau der Schlosserei im Jahr 2009 sind wir nun hier in Flüh zuhause.» Das Lokal beherbergt einige Werke von Albert Brodmann. Es wird auch mit Gastausstellungen belegt (siehe Kasten). Aber vor allem ist «JetztOderNie» ein Begegnungs- und Veranstaltungsort unterschiedlicher Couleur. So werden einmal monatlich Sonntagsmatineen, teilweise auch mit Brunch, veranstaltet. In der Galerie war schon die Sendung «persönlich» von Radio SRF 1 zu Gast. Und es treten in Flüh immer wieder namhafte Künstler und Gruppen aus der Musik-, Comedy- oder Theaterszene auf. Unter anderen waren Beat Schlatter, David Bröckelmann, Hansjörg Hänggi und Heiri Müller schon zu 
Gast in Flüh. Ein allfälliger Einnahmenüberschuss kommt gemeinnützigen Organisationen zugute. Für die Programmauswahl ist Pia Brodmann verantwortlich. Sie macht es – wie sollte es auch anders sein? – in ­eigener Regie ohne Beizug einer Agentur.

 

Text und Fotos: Werner Thüring