Freudentaumel nach dem Sieg gegen den TSV Düdingen am 20. Oktober 2017

Freudentaumel nach dem Sieg gegen den TSV Düdingen am 20. Oktober 2017. Foto: Christoph Jermann

Das Birstaler Volleyballmärchen

«Sm’Aesch Pfeffingen» gehört mittlerweile zum engeren Kreis der Favoriten auf den Meistertitel im Schweizer Damenvolleyball. Aber auch im Sand machen junge Talente aus der Region beste Werbung für ihren Sport.

 

Spitzenvolleyball hat in der Region Tradition. Denn mindestens so dominant wie der FC Basel im Fussball waren früher die Volleyballerinnen der Uni Basel. Von 1964 bis 1982 gewannen sie die Schweizermeisterschaft 19-mal in Folge, 1986 bis 1989 kamen drei weitere Titel dazu. Damit ist der SC Uni Basel der erfolgreichste Damen-Volleyballverein der Schweiz. Tempi passati, wenn man sich vergegenwärtigt, wer in der jüngeren Vergangenheit in der höchsten Spielklasse für Furore sorgte: Seit 2005 wird der Damen­volleyball in der Schweiz von Voléro Zürich dominiert. Der Präsident und Financier Stav Jacobi hat seither etliche Millionen in seine Profi-Mannschaft investiert. Das erklärte Ziel: Die beste Equipe Europas werden. So weit haben Jacobis Millionen dann doch nicht gereicht. Aber das Beispiel Voléro zeigt: Es sind mittlerweile erhebliche fi­nanzielle Mittel nötig, um in der höchsten Schweizer Spielklasse bestehen zu können. Es braucht meistens einen engagierten Mä­zen, damit sich ein Verein den Profibetrieb leisten kann. Anders wäre auch das Birsecker Volleyball-Märchen «Sm’Aesch Pfeffingen» nicht möglich gewesen.

 

Jazmine White setzt sich im Angriff gegen die Abwehr von Voléro Zürich beim Supercup-Finale 2017 in Fribourg durch. Foto: Christoph Jermann

Jazmine White setzt sich im Angriff gegen die Abwehr von Voléro Zürich beim Supercup-Finale 2017 in Fribourg durch. Foto: Christoph Jermann


Baumeister dieses Erfolgs ist der Aescher Garagist Werner Schmid (68). Ein Mann im Unruhestand, der praktisch täglich zwischen seiner Garage und dem Volleyballcourt pendelt. An beiden Orten organisiert er eigentlich alles. «Meine Frau hat mir schon gesagt, ich sei ein Masochist», lacht er. Schmid ist ein bisschen wie Jacobi. Mit «Sm’Aesch Pfeffingen» verfolgt er eine Mis­sion, wenngleich die Ambitionen nicht ganz so hoch sind: Playoffs statt Schweizermeister. Aber ein Titelgewinn in den kommenden Jahren ist im Bereich des Möglichen. Denn der Verein hat Oberwasser. Zwei Jahre in Folge erreichten die Birstaler Volley­ballerinnen den Playoff-Final, letzte Saison dazu noch den Cup- und Supercup-Final. 2017 war das bis dato erfolgreichste Vereinsjahr des noch jungen Clubs. «Sm’Aesch Pfeffingen» ging am 27. Januar 2000 aus der Fusion der Clubs von Pfeffingen und Aesch hervor und setzte sogleich zum Sturm auf die NLA an. Bereits 2004 gelang dem ehemaligen Erstligisten der Aufstieg in die höchste Spielklasse, wo sich «Sm’Aesch Pfef­fingen» seither fest etabliert hat.

 

Passeuse Tess von Piekartz beim Zuspiel am Supercup-Finale 2017 in Fribourg. Foto: Christoph Jermann

Passeuse Tess von Piekartz beim Zuspiel am Supercup-Finale 2017 in Fribourg. Foto: Christoph Jermann


Dabei begann Schmids Volleyballkarriere in der fünften Liga. 1985 als Gründungsmitglied des VBC Pfeffingen. Der gelernte Hand­­baller machte dann in Magglingen alle Trainerkurse und coachte seine Girls bis in die erste Liga. Dann wurde das Terrain plötzlich schwieriger. Die Halle in Pfeffingen ent­sprach nicht den Normen der Liga. «Aesch hatte die Halle, wir hatten die Spielerinnen», erzählt Schmid. Eine Fusion bot sich an und Schmids Schwägerin Marianne Hollinger, langjährige Gemeindepräsidentin von Aesch, kreierte dafür den prägnanten Namen «Sm’Aesch Pfeffingen».

Mehr Management-Profis in der Teppichetage

Seit dem Aufstieg hat sich im Schweizer Spitzenvolleyball einiges verändert. «Die Diskrepanz zwischen der NLA und NLB ist grösser geworden. Es ist heute alles professionalisiert», sagt Schmid. Die Folge: Die Liga ist praktisch zu einem geschlossenen Club geworden. Ein Abstieg ist kaum möglich, weil potentielle Aufsteiger aus der NLB gar nicht in die erste Klasse wollen. Die finanziellen Hürden sind für die Vereine wie den VBC Therwil, der sich als solider Wert in der zweithöchsten Spielklasse etabliert hat, schlicht zu gross. So gross, dass in der Region Basel kaum die Mittel für zwei Profi-Mannschaften zu generieren wären, weil das der Markt nicht hergibt, und in dem es ausserhalb vom Fussball ohnehin schwierig ist, genug potente Sponsoren zu finden. «Unter einer halben Million Jahresbudget läuft nichts», sagt Schmid, ohne dessen persönliches und grosszügiges finanzielles Engagement wäre auch für «Sm’Aesch Pfeffingen» die Erstklassigkeit nicht zu bewältigen. Ein Engagement, das nicht ewig Bestand haben wird. Schmid plant aber für die Zukunft. In diesem Jahr wurde für den Betrieb der Profimannschaft eine Aktiengesellschaft gegründet, deren Verwaltungs­räte neben Schmid der Arlesheimer Venenarzt Marc Troxler und FCB-Ehrenpräsident Bernhard Heusler sind. Zwei alte Bekannte Schmids, die ihm ihre Hilfe anboten. Heuslers Aufgabe wird es auch sein, eine breitere Sponsorenbasis für den Verein zu schaffen. Kaum einer hat bessere Beziehungen als er. Zudem bringt der 53-Jährige sein profundes Wissen über strategische Vereinsführung mit in den Verein. Es werden nun Pläne geschmiedet. Wie lockt man mehr Zuschauer an die Spiele und vor allem auch, wie kann man Schmids Nachfolge regeln. Es werde nun ein Dreijahresplan gemacht, so Schmid. Er stellt aber klar: «Ich gehe erst, wenn eine gute Nachfolge gefunden ist.» 
Zuerst geht es aber mit einem qualitativ hochstehenden Kader in die neue Saison, wo «Sm’Aesch Pfeffingen» nach drei Spieltagen bereits die Tabellenspitze erobert hat. Im Kader haben sich auch eigene Nachwuchsspielerinnen wie die Mittelblockerin Madlaina Matter und die Angreiferin Maja Storck als Leistungsträgerinnen etabliert. Mit der Libera Elisa Visentin ist dieses Jahr eine weitere Spielerin aus der eigenen Nach­wuchsakademie ins Kader aufgerückt. Eine Entwicklung, die in der Szene von vielen gelobt wird. «Es ist heute aber schwierig, genügend eigene Nachwuchsspielerinnen zu finden, die den Aufwand nicht scheuen», gibt Schmid zu bedenken. Das ginge mit Sportklassen und während der Uni. Danach wird es schwierig. Er habe genau eine Spielerin, die nebenbei Teilzeit arbeitet. Zudem spürt er auch die Konkurrenz vom Beachvolleyball. Für Profis ist der Sand meist lukrativer, wenn sie sich etablieren können. Auch die Olympia-Neunte Anouk Vergé-Dépré spielte einst bei «Sm’Aesch Pfeffingen».

 

300 Tonnen Sand, zwei grosse Spiel- und zwei kleine Trainingsfelder umfasst die neue Beachvolley-Halle in Arlesheim. Foto: Lukas Hausendorf

300 Tonnen Sand, zwei grosse Spiel- und zwei kleine Trainingsfelder umfasst die neue Beachvolley-Halle in Arlesheim. Foto: Lukas Hausendorf

 

Beach-Campus in Arlesheim

Im Beachvolleyball spielt die Region und insbesondere das Birstal auch ganz vorne mit. Seit Mitte Oktober steht im Areal Schoren in Arlesheim die erste richtige ­Beachvolley-Halle der Region. Hier haben die U17-Weltmeister und aktuellen U20-Vize-Europameister Florian Breer und Yves Haussener ihr Trainingszentrum gefunden. Yves’ Vater Dani Haussener trainierte übrigens auch einmal die «Sm’Aesch»-Damen. Er war es, der das Team 2004 in die höchste Spielklasse coachte. «Ich machte das noch nebenamtlich», erzählt er. Damals hatte er auch nur wenige Profisportlerinnen im Kader und vor allem Amateure. «Heute ist der Trainingsaufwand viel grösser», weiss er. Auch er kennt die belastete Beziehung zwischen Hallen- und Beachvolleyball. «Es ist nun mal so, wenn du es im Sand interna­tional nach vorne schaffst, bist du konkurrenzfähig. In der Halle nicht.» Auch Olympia sei in der Schweiz den Beachvolleybal­lern vorbehalten. Dabei macht sich Haussener dafür stark, dass sich beide Disziplinen mehr als sinnvolle gegenseitige Ergänzung denn als Konkurrenz verstehen sollten. «Im Sand reifen die Spieler schneller, da kann man seine Schwächen nicht kompensieren», erklärt er. Das sehen viele Trainer heute noch nicht so.

 

Die Initianten der Beachvolley-Halle: Dorothea Hebeisen (technische Leitung), Esther Keller (Präsidentin), Dani Haussener (Vizepräsident) und Pascal Oberli (Kassier) bilden den Vorstand des Vereins Beachvolley Uptown Basel. Foto: Lukas Hausendorf

Die Initianten der Beachvolley-Halle: Dorothea Hebeisen (technische Leitung), Esther Keller (Präsidentin), Dani Haussener (Vizepräsident) und Pascal Oberli (Kassier) bilden den Vorstand des Vereins Beachvolley Uptown Basel. Foto: Lukas Hausendorf


Haussener ist Teil des Vorstands des Vereins Beachvolley Uptown Basel, der die Halle in Arlesheim realisiert hat. Wie so vieles im noch relativ jungen Sport, ist auch diese Anlage das Produkt von Eigeninitiative in der Szene. Der Verein Beachvolley Uptown Basel hat die für den Ausbau nötigen Mittel von über 200 000 Franken selbst akquiriert. Die Halle selbst vermietet die Uptown Basel AG, welche auf dem Schorenareal ein Kompetenzzentrum für die Industrie 4.0. realisieren wird (siehe Box). Für Hausseners Sohn und dessen Spielpartner Florian Breer ist die Halle ein Glücksfall und ein wichtiger Pfeiler für ihre Karrierechancen. Erstmals können die erfolgreichsten Beachvolleyballer der Region den ganzen Winter hindurch praktisch uneingeschränkt trainieren. «Mehr Training alleine garantiert noch keinen sportlichen Erfolg», sagt Haussener. Auch Erwin Sebestyen, der Trainer des Duos, weiss das. Auf dem Feld ist auch mentale Stärke wichtig. Als promovierter Sportpsychologe kennt der pensionierte Sportlehrer auch hier den einen oder anderen Kniff.
Für den grössten Sandkasten der Region muss allerdings in wenigen Jahren wieder ein neues Domizil gefunden werden. Die Zwischennutzung der alten Lagerhalle dau­ert nur solange, bis sie einem der Gebäudekomplexe für das Industrie 4.0 Kompetenzzentrum weichen muss. Der Grundstein für eine langfristige Lösung ist aber bereits gelegt. Der Sand, die Netze, Sanitärcontainer und die übrige Infrastruktur gehören dem Verein Beachvolley Uptown Basel. «Das macht die Suche nach einer neuen Halle einfacher», sagt Esther Keller, die Projektkoordinatorin der Beachvolley-Halle.

 

Freudentaumel nach dem Sieg gegen den TSV Düdingen am 20. Oktober 2017