Foto: iStock.com

Foto: iStock.com

Ein ganz besonderer Abend 

Sechs Mal schlug die Kirchenglocke. Ich erhob mich von meinem Kissen, streckte mich ausgiebig und begab mich zur Haustüre. Ein eisiger Wind pfiff mir um die Schnauze, als ich durch die Ritze spähte. Es war schon finster draussen und es lag ein wenig Neuschnee. Ich freute mich auf meinen Abend­spaziergang. Bald würde der alte Mann kommen, mit der Leine und mit dem kleinen Plastiksäckchen. Meine Not war noch klein und kaum der Rede wert.

Ich wartete lange und geduldig. Nichts reg­te sich. Ich beschloss, einen Blick in die Küche zu werfen. Es roch nach Fleisch und nach süssem Gebäck. Alle waren geschäftig: der kleine Junge, das kleine Mädchen, der junge Mann, die junge Frau, der alte Mann und die alte Frau. Sie kochten, sie deckten den Tisch; sie trugen grosse und kleine Schachteln über die Treppen, durch die Gänge und in die Stube. Nur um mich kümmerte sich niemand. Offenbar war das für meine Men­­schen ein ganz besonderer Abend. Das merk­te ich. Meine Not war nun schon etwas grösser, aber ich würde es noch eine Weile aushalten.

Ich warf einen Blick in die Stube. Da war der festlich gedeckte Tisch, da standen die Schachteln, kunstvoll gestapelt. Und dann war da noch eine kleine Tanne, geschmückt mit Kerzen und bunten Kugeln. Meine Not wuchs. Flugs zurück zur Haustür! Ich hoffte, der alte Mann würde dort vielleicht schon auf mich warten mit der Leine und mit dem kleinen Plastiksäckchen.

Ich begegnete ihm im Treppenhaus, ohne Leine und ohne das kleine Plastiksäckchen. Ich wedelte mit dem Schwanz und stupste ihn fein mit der Nase. Er streichelte mich ein wenig, aber meine Not kümmerte ihn nicht. 

Schwieriger Entscheid

Und dann stand sie plötzlich vor meinem geistigen Auge und vor meiner geistigen Nase: die kleine Tanne, dicht und grün und bäumig duftend. Ich wollte sie ansehen, ich wollte an ihr riechen. Ich tat es. Da wuchs meine Not ins Unermessliche. Ich entfernte mich vom Baum. Meine Not liess nach und ich dachte scharf nach: In der Stube darf man nicht. An Bäume darf man. Darf man an Bäume in Stuben? Und dann wuchs in mir ein fürchterlicher Verdacht: Konnte es sein, dass sie diesen Baum extra für mich in die Stube gestellt hatten, dass sie mir meinen Abendspaziergang nicht mehr gönnten? – Ich beschloss, dieses Experiment nicht zu unterstützen.

Ich ging zur Haustüre zurück. Nichts. Meine Not war jetzt schon fast unerträglich gross. Ich beschloss, ihnen die Freude zu machen, einmal, genau einmal. Ich ging zurück zum Baum und tat es. Meine Not war gelindert und ich war stolz. Ja, ich war stolz. Ich hatte meinen Menschen eine Freude gemacht. Und was gab es Schöneres, als seinen ganz besonderen Menschen an einem ganz besonderen Abend eine ganz besondere Freu­de zu machen?

Etwas stimmt nicht

Das kleine Mädchen entdeckte die Tat, sie rief den kleinen Jungen, der rief die junge Frau, die rief den jungen Mann, der rief die alte Frau, und die rief den alten Mann. Der kam, mit der Leine und mit dem kleinen Plas­tiksäckchen, aber in den Hausschuhen. Alle standen um mich herum und ich hatte die volle Aufmerksamkeit. Ich spürte, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich wedelte mit dem Schwanz und hechelte unterwürfig. Da schlug mich der alte Mann unverhofft mit der Leine. Es tat richtig weh. Und wieder einmal verstand ich meine Menschen nicht. Ich begab mich zu meinem Kissen, legte mich hin und machte mich daran, den ganzen grossen Schmerz wegzulecken.

Dann schlief ich ein und vergass das Debakel. Als ich erwachte, stand das kleine Mädchen vor mir und hielt mir einen Zimtstern hin. Ich mag keine Zimtsterne. Aber weil das wohl ein Friedensangebot war, verspeis­te ich ihn gnädig. Viel lieber hätte ich ein Stück vom Filet Wellington gehabt, Teigkruste mit ein wenig Saft hätte mir gereicht. Ich verspeiste den ungeliebten Stern, weil wir halt so sind, wir Hunde, die Harmonie im Haus geht uns über alles.

Die Menschen hatten offenbar auch gemerkt, dass die Idee mit dem Baum nicht artgerecht war. Sie zündeten die Kerzen an und benutzten ihn als Lampe. Aber auch das schien sie nicht recht zu überzeugen, denn der Baum wurde nach ein paar Tagen entsorgt.

Einen Spaziergang gab es übrigens dann doch noch, mitten in der Nacht. Wir gingen zur Kirche. Der alte Mann und die alte Frau blieben dort. Der junge Mann, die junge Frau, der Junge und das Mädchen gingen mit mir zurück nach Hause und in die Wärme.
 

von Jürg Seiberth