Fotos: Christian Jäggi

Lebensfreude zurückgewinnen

Der Darm ist ein hochkomplexes und wunderbares, nur leider oft vernachlässigtes Organ. Dabei kann er als Schlüssel zu Körper und Geist verstanden werden. Frau Keller* ist froh, dass sie die Signale des Darms ernst genommen hat.

 

Die 75-jährige Frau Keller* leidet plötzlich an Verstopfung. Ihr Hausarzt überweist sie zur Darmspiegelung, um bestimmte Erkrankun­gen auszuschliessen. In der Sprechstunde hat sie Zeit, ihre Geschichte zu erzählen: Etwa ein Jahr zuvor verstarb ihr Mann, was sie in eine schwere Krise stürzte. Zum Glück hat sie bald darauf eine Therapie begonnen. Das leichte Antidepressivum hilft ihr. Im Alltag ist sie aber viel allein und meist zuhause. Früher waren sie und ihr Mann häufig wandern, doch allein fehlt ihr dazu die Motivation.

Sorge vor Darmkrebs

Ihr fiel erst in den letzten Wochen auf, dass sie häufig für ein paar Tage nicht mehr auf die Toilette kann und macht sich nun Sorgen, ob sie Darmkrebs hat. Im Gespräch kann ich die Patientin beruhigen, dass es sich möglicherweise lediglich um eine Nebenwirkung ihres Medikamentes handelt. Wir entscheiden uns für eine sorgfältige Abklärung. Nachdem ich ihr den Ablauf einer Darmspiegelung, Risiken und mögliche Komplikationen erklärt habe, einigen wir uns, die Untersuchung schlafend durchzuführen. Frau Keller erhält die Abführmittel und einen Plan, in dem das genaue Vorgehen beschrieben wird. Sie bekommt auch unsere Telefonnummer, damit sie sich bei Fragen melden kann. Jetzt fühlt sie sich ­sicher und traut sich zu, die Vorbereitung ambulant durchzuführen.

Untersuchung mit Beethoven

Am Tag der Untersuchung erzählt sie stolz, dass das Abführen gut geklappt hat. «Aber das Mittel schmeckt grausig!» Sie hat nun das Schwierigste schon hinter sich. Entspannt zieht sie sich um und legt sich auf die Untersuchungsliege. Nachdem wir die Kreislaufüberwachung angeschlossen haben, wählt sie eine Musik zum Einschlafen, Beethovens 9. Symphonie – die hat sie immer mit ihrem Mann gehört. Das Schlafmittel wirkt schnell, die Untersuchung ­verläuft unkompliziert und ist nach 20 Minuten vorbei. Als die Patientin wieder aufwacht, ist sie überrascht. Sie hat gut geschlafen und nichts gespürt. Erfreulicherweise zeigte die Untersuchung nur ein paar Divertikel, die in dem Alter normal sind. Darmkrebs hat Frau Keller nicht. Sie ist erleichtert. 

Das Leben wieder anpacken

Wir besprechen allgemeine Massnahmen wie Bewegung, ballaststoffreiche Kost und eine ausreichende Trinkmenge. Die Verstopfung behandeln wir stufenweise, indem wir verschiedene Massnahmen und Medikamente kombinieren, bis die gewünschte Wirkung eintritt. In diesem Fall beginnen wir mit einem Quellmittel und Feigensirup. In einem Gespräch mit dem Psychiater verabreden wir ein anderes Anti­depressivum. Eine Maltherapie soll zudem helfen, die seelischen Erlebnisse zu ver­arbeiten. Drei Monate später geht es ihr deutlich besser: Frau Keller hat mit einer Freundin das Wandern wieder entdeckt, ihre Ernährung umgestellt und etwas Lebensfreude zurückgewonnen. Das Antidepressivum konnte reduziert werden. Sie ist froh, ihre Darmbeschwerden ernstgenommen zu haben. Angst vor Darmkrebs hat sie keine mehr. Ihr Hausarzt führt die Betreuung weiter. Der Maltherapeut zeigt mir eines ihrer Bilder: Es leuchtet und macht Hoffnung.

*Name geändert

 

Text: Philipp Busche, Fotos: Christian Jaeggi