Minced Pies für Father Christmas und drei Rüebli für Rudolph, das Rentier!

Minced Pies für Father Christmas und drei Rüebli für Rudolph, das Rentier!

Minced Pie – das Lieblingsgericht von Father Christmas 

Wenn die Temperaturen sinken, steigt die Lust auf Weihnachtsgebäck. Der Duft hüllt uns wohlig ein und lässt Erinnerungen an Kindertage aufsteigen. So geht es auch der Engländerin Emily Adams, die seit fast zehn Jahren in der Region wohnt.

 

Das violette Fachwerkhaus mitten in Busch­willer ist nicht zu übersehen. Es ist das Zuhause von Emily, ihrem Ehemann David und den beiden Buben Oscar (drei Jahre) und Oakley (drei Wochen). Noch bevor die Schrei­bende eine Türglocke gefunden hat, öffnet Emily die Türe mit einem herzlichen «Welcome!» Der Duft, der nach aussen dringt, lässt die Erwartungen hochschnellen. Die Füllung (mincedmeat) für den «Minced Pie» besteht aus diversen beschwipsten, getrockneten und frischen Früchten sowie vielen weihnachtlichen Gewürzen – einfach himm­lisch dieser Duft. «Mincedmeat Pie» war bis ins 19. Jahrhundert ein gedeckter Fleischkuchen mit fein gehacktem Fleisch und Früchten, lehrt mich Wikipedia. Heute ist der »Mincedmeat Pie» ein gedeckter Früch­tekuchen ohne Fleisch. Aber Achtung, vegetarisch ist das Törtchen dennoch nicht, denn die korrekte Füllung enthält «Suet», tierisches Fett. Es wird aber auch ohne diese Zutat herrlich, «meine Füllung enthält alles, was der Vorratsschrank an Geeignetem hergibt, sowie Rum und Brandy nach Bedarf», erklärt Emily lachend. Ausserdem die typischen englischen Weihnachtsgewürze wie Zimt, Muskatnuss und Nelken.

Imbiss für Father Christmas

Gebacken wird später. Zuerst setzen wir uns in die gemütliche Stube und trinken einen feinen englischen Schwarztee mit Milch. Emily war bis zur Geburt ihres zweiten Kindes Lehrerin an der International School und ihr Mann David, auch Engländer, ar­beitet bei Jet Aviation. Die beiden haben sich über das Partnerschaftsportal «Swiss Friends» kennen gelernt, was ihr ganzes Umfeld schmunzeln lässt. Wegen der Geburt des zweiten Kindes werden sie dieses Jahr nicht nach England fliegen, um mit der Familie Weihnachten zu feiern. Aber das sei kein Problem. Dank Facebook müsste niemand von den englischsprachigen Expats alleine Weihnachten feiern. An Weihnachten rückt die Expat-Familie der Region zusammen und bereitet Unmengen an Essen. Der «Minced Pie» fehlt nie. Den Heiligen Abend, wie wir ihn kennen, gibt es in England nicht. Die Frauen treffen sich zum gemeinsamen Vorbereiten der vielen Speisen für den Weihnachtstag, und die Männer besuchen den Pub oder die Familien besuchen gemeinsam einen Mitternachtsgottesdienst. Am Abend, bevor die Kinder ins Bett gehen, wird ein kleiner Imbiss für Father Christmas vorbereitet. Sein Lieblingsgericht ist selbstverständlich «Minced Pie» und für Rudolph, das Rentier, liegt immer ein Rüebli bereit. Im Gegensatz zu unserem Christkind, das ein bisschen Feenstaub oder eine Locke verliert, hinterlässt Rudolf manch­mal Hufspuren. Dafür füllt Father Christmas die Strümpfe, welche am Cheminée hängen, mit allerlei Überraschungen. 

 

Emily Adams holt die Minced Pies aus dem Ofen.

Emily Adams holt die Minced Pies aus dem Ofen.

 

Familientraditionen bestimmen das Fest

Während Emily den Teig vorbereitet, erzählt sie vom Christmas Day, an dem die Kinder in aller Frühe schon ihre Geschenke aus dem Strumpf holen und auspacken. Anschliessend trifft man sich beim Weihnachtsbaum, wo weitere Geschenke ausgepackt werden und sich später die ganze Familie versammelt. Das Festessen besteht aus einer gefüllten Weihnachtsgans oder einem Truthahn und feinen Beilagen. «Es ist beste Tradition, dass wir alle viel zu viel essen und dann zusammen einen Weihnachtsfilm schauen oder spazieren gehen», schildert Emily ihre Weihnachtserinnerungen. Denn sie ist überzeugt, dass Bräuche weniger mit Ländern als vielmehr mit Familientraditionen zu tun haben. Nach einer kurzen Ruhezeit drückt sie den Teig in kleine eingefettete Muffinformen und füllt die Küchlein mit dem «Mincedmeat». Passend zur Weihnachtszeit wird das Küchlein nicht mit einem Deckel verschlossen, denn Emily holt Backförmchen und sticht Sterne aus dem Teig aus. Nach einer kurzen Backzeit öffnet sie den Ofen und heraus kommen leicht gebräunte «Minced Pies», die herrlich riechen. Kein Wunder, ist es das Lieblingsgericht von Father Christmas. In einer Metallbüchse halten die Küchlein gut zehn Tage, wenn sie nicht schon vorher auf­gegessen werden. 

Der zweite Weihnachtsfeiertag heisst in England Boxing-Day. Dies war früher der Tag, an dem die Angestellten Geschenke erhielten und ihren Familien die Geschenkboxen nach Hause brachten. Im heutigen England und bei vielen geschiedenen Eltern ist dies der Tag, an dem die Kinder von einem Elternteil zum anderen wechseln oder an dem man bei weiteren Verwandten Weihnachten feiert. Traditionellerweise finden an diesem Tag auch viele Sportveranstaltungen statt und es werden die Essensresten des Vortages aufgegessen. Für Emily, David, den kleinen Oscar und seinen Bruder Oakley wird auch der Boxing-Day ein weiterer schöner Tag sein, an dem vielleicht noch Freunde vorbeischauen und alle das Zusammensein entspannt geniessen.

 

Text und Fotos: Jay Altenbach-Hoffmann