«Ich schätze vor allem das Soziale» Esther Beck, Projekt: Kleidung

«Ich schätze vor allem das Soziale» Esther Beck, Projekt: Kleidung

Nähen tut gut 

Ein Blick in die Kurslokale der Region Basel zeigt: Nähen ist wieder in Mode. Jung wie Alt wollen weg von der Massenware, schätzen den sozialen Austausch und suchen einen Ausgleich zu der oft kopflastigen Arbeit.

 

Man könnte meinen, es gibt etwas gratis: Hunderte von Menschen scharen sich um Marktstände in Weil am Rhein. Wer etwas sehen will, braucht Ellbogen oder massenhaft Geduld – und mit etwas Glück steht man nach einem Weilchen vor unzähligen Stoffbahnen. Der holländische Stoffmarkt, der zweimal jährlich ennet der Grenze Halt macht, ist vorwiegend unter Hobbynäherinnen weitherum bekannt. Nähen wurde zum Volkssport.
«Nähen ist wieder populär geworden», bestätigt Marian Rutishauser. Die gelernte Schneiderin führte bis zur Geburt ihrer Kinder ein eigenes Atelier, seither gibt sie Nähkurse, privat in Oberwil und an der Migros Klubschule in Basel. Durch ihre jahrelange Erfahrung weiss sie: «Es ist wieder Mode geworden, etwas herzustellen, das nicht von der Stange kommt.» Ähnlich klingt es in Muttenz – hier hatte man lange Mühe, Teilnehmerinnen für den Gemeinde-Nähkurs zu finden. Mittlerweile sind die Kurse voll und die Warteliste ist lang. 

Verschiedene Maschinen zur Auswahl

Den Kopf auslüften, Zeit für sich nutzen, sich kreativ entfalten: Die Gründe zu nähen sind zahlreich und individuell. Für profes­sionelle Anleitung sowie für den sozialen Austausch eignen sich Nähkurse am besten. Ein Vorteil, den ebenfalls viele Kursteilnehmende schätzen: Es stehen in den Kursloka­len oft verschiedene Maschinen zur Verfügung, von der normalen Nähmaschine über die Overlock bis zur Leder-Maschine.

 

Nähkurs


Viele Gemeinden bieten für die Einwohner subventionierte Nähkurse an, nebst Muttenz auch Arlesheim oder Birsfelden. Wer hier keinen Platz mehr bekommt, kann bei zahlreichen Schneiderateliers in der Region ein individuelles Angebot finden. 
Vorwiegend Frauen besuchen die Nähkurse. Sie nähen für sich aufwändige Mäntel, einfache Shirts oder auch einmal ein Ballkleid. Hie und da näht sich auch ein Mann eine Ho­se oder eine Jacke für die Freundin. «Jeder, der will, kann nähen lernen», sagt Ruth Veit, Kursleiterin in Muttenz. 
Seit zehn Jahren unterrichtet die gelernte Schneiderin die Gemeinde-Nähkurse. Sie weiss: Nähen tut gut.

 


«Ich schätze vor allem das Soziale»

Esther Beck, Projekt: Kleidung

Einen Kleiderschrank voller Unikate: Esther Beck näht vom Shirt über Mantel bis zur Hose ganz viel selbst. «Das Nähen wurde zu einer Sucht», sagt sie. Neben den individuellen Kleidungsstücken ist sie auch fasziniert davon, was aus einem Stück Stoff alles werden kann. 
Den ersten Nähkurs besuchte Esther Beck wegen ihrer Tochter. «Meine Nähmaschine hatte einen Standschaden – für meine Tochter kaufte ich eine neue.» Bis dahin konnte Esther Beck nichts mit Nähen anfangen, Grundkenntnisse fehlten ihr. Um wenigstens das Einmaleins des Nähens zu verstehen, besuchte sie den Nähkurs in Muttenz. «Nach einem Semester wollte ich da wieder weg.» 
Mittlerweile sind zwanzig Jahre vergangen und noch immer geht sie in den Kurs. «Daran schätze ich vor allem das Soziale. Und bei sehr komplizierten Projekten bin ich auch froh, wenn ich auf die Hilfe der Schneiderin zählen kann.» Nach all den Jahren ist sie unterdessen auch für die Organisation des Gemeinde-Nähkurses zuständig.

 


«Das Endergebnis macht mich stolz» Christoph Ganzmann, Projekt: Innenausstattung für Mini

 

«Das Endergebnis macht mich stolz»

Christoph Ganzmann, Projekt: Innenausstattung für Mini

«Kannst du mir die Hosen kürzen? Ich kann das nicht.» Jahrelang habe ich das meinem Mann geglaubt. Bis er sich einen alten Mini kaufte, den er selber aufmotzte. Auf einmal ratterte meine Nähmaschine stundenlang am Stück. Rundherum lag meterweise Leder und Stoff, Schnittmuster-Papier, Faden und sonstiges Nähzubehör. Sein Projekt: Den Mini innen neu auskleiden, von der Mittelkonsole bis zum Dachhimmel. Angefangen hat er mit den Polsterüberzügen und der Türenverkleidung, als Vorlage fürs Schnittmuster dienten die alten Bezüge. Ich habe nur noch gestaunt. Denn seit dem Handarbeitsunterricht hatte er kein Nähmaschinenpedal mehr betätigt. Und jetzt? Seine Mini-Innenausstattung passt und stösst bei Oldtimer-Treffen auf grosses Interesse. «Ich möchte möglichst viel an dem Mini selber machen. Das macht einfach Freude – und das Endergebnis macht stolz.» Wie er sich das plötzliche Nähwissen angeeignet hat? «Mit Youtube-Filmen.»

 

Text und Fotos: Sarah Ganzmann