Wenn draussen Stein und Bein gefriert ...

Wenn draussen Stein und Bein gefriert ...

Romantische Stuben für kalte Wintertage

Die kleine Traumbeiz liegt am Ende der Welt – beinahe. Eine kleine Strasse führt zu ihr. Felder, Wälder und der erste Schnee nehmen einen gefangen. Gute Tage im Winter.
 

Wer die Natur liebt und mit einem sympathischen Chaos umzugehen versteht, wer sich über einfache, sauber gekochte Gerichte freuen und wer sein Handy und seine Zeitnot zuhause vergessen kann, der sitzt in der Auberge La Petite Echelle richtig. Mont d’Or, Dent de Vaulion, Vallée und Lac du Joux – alle Naturschauspiele sind da und werden doch so nebensächlich, ist man erst einmal bei Norbert Bournez angekommen. An kühlen Tagen knistert im Kaminofen das Feuer und geben Kerzen schummriges Licht. Eine Trockenwurst zum Aperitif, ein Pilzragout mit Rösti als Pièce de Résistance, etwas Kuchen für Zwischendurch und reifen Comté für den Abschluss, sind die Zutaten für unbeschwerte Momen­te. Es sind die kleinen Dinge, die diesen Ort so einzigartig machen. Selbst Schneeflocken werden hier zum Erlebnis. Wenn die letzten Sonnenstrahlen den Weg zur Hütte weisen, trägt das Fondue in der guten Stube zur Romantik bei, was ein kleiner, weiterer Höhepunkt, weitab von Pomade und Promenade, ist. Und danach warten Jurte und Bollerofen für das abenteuerliche Nachtlager.

 

... ist es schön gemütlich in der warmen Stube der Bärg­beiz Gempenturm.

... ist es schön gemütlich in der warmen Stube der Bärg­beiz Gempenturm.


Wem das zu abseits ist, fährt von Basel in etwas mehr als einer Stunde mit der S3 nach Porrentruy und verabschiedet sich in der patinierten Auberge du Mouton vom Deutschschweizer Alltag. Hier kocht David Hickel fadengerade gut, mit luftigen Ter­rinen, aromatischen Schmorgerichten und Pommes Allumettes aus gelagerten Kartoffeln. Genuss ohne Reue auf runden Tellern, die auf blanken Holztischen stehen. Dazu Stoffserviette, Baquette-Besteck und ordentliche Weingläser, in die Chasselas, Pinot Noir, Beaujolais und Bordeaux zu fair kalkulierten Preisen kredenzt werden. Die Farbe auf dem Tisch findet der Gast nicht in der Blumenvase, sondern im Teller, der im «Mouton» von Gastgeberin Daniela Lachat mit dezenter Höflichkeit aufgetragen wird. Im Hintergrund knistert das Kaminofenfeuer, das Kerzenlicht flackert, der Alltag ist weit weg. 

Ganz nah

Wem Porrentruy zu weit weg ist, steigt ins Auto und fährt von Basel in gerade mal 20 Minuten nach Egerten in den «Hirschen». Eine Lebensoase mit herzlichen Gastgebern und mit einem jungen Patron, der das Erbe seines Grossvaters sachte weiterführt. Das kulinarische Angebot ist klein und durchdacht. Der Salat wird in der Glasschüssel serviert, die panierten Schnitzel liegen im klaren Jus auf der Platte, und der Kartoffelsalat und die Rösti sind perfekt. Wirds bitter kalt, bietet die gute Stube viel Ursprünglichkeit und Kachelofenwärme.
Apropos Kachelofen. Seit über 30 Jahren empfangen Gerlinde und Dieter Supe ihre Gäste in der «Klemmbachmühle» in Nieder­weiler bei Müllheim. Die Beiz ist opulent dekoriert mit Landschaftsbildern, Pendulen, Heiligenbüsten und -statuen und anderen Kuriositäten. Als Gast beschleicht einen das Gefühl, in einem Sammelsurium aus einer Einkaufstour durch Kirchen, Kapellen und Klöster zu sitzen. Nebst der Kunst an den Wänden nimmt einen die wohlige Wärme gefangen, die der antike Kachelofen verströmt. Stamm- und Kurgäste prosten sich täglich ab 14 Uhr zu oder beissen lustvoll in ein Stück Kuchen. Um 17 Uhr wirft Gerlinde den Kochherd an, während der Hausherr seinen Abendgästen erzählt, was seine Frau so alles aus der Küche zaubert. Die «Klemmbachmühle» läuft vorwiegend auf Hochtouren. Von Hektik ist aber nie etwas zu spüren. «Eine Flasche Gutedel!» «Sogleich.» «Darfs noch ein Bier sein?» «Wenn es denn unbedingt sein muss.» Am Tisch mit dem Sofa werden einige Flaschen Spätburgunder für eine weinselige Wandergruppe entkorkt und hinter dem Kachelofen wird für zwei Turteltauben eine Portion Lachs mit einer Flasche Winzersekt aufgetragen. So geht das hier.

Jenseits der Grenze

Was, Sie kennen alle meine Empfehlungen? Dann ab über die Grenze in die Region Vorarlberg. Eine patinierte, sehr gepflegte Gast­stube mit Holzboden, romantischen Zimmern und einer Gunstlage, sind die angenehmen Merkmale des Jagdgasthauses Egender. Hier einige Wintertage, oberhalb von Bizau, zu verbringen hat etwas. Das Ganze ist eine sympathische, urgemütliche Adresse mit Gastgebern, die ihren Beruf ernst nehmen und ohne Folklorebarock aus­kommen. Das Mobile hat Sendepause, TV und andere Lärmquellen ebenso. Es ist ein heilsamer, ein wundervoller Ort. Hinzu gesellen sich eine lupenreine Bergwelt und die besten (wohl auch berühmtesten) Käsknöpfle Österreichs. Zum Dessert noch ei­ne Runde Ribelknödel und die Nacht kann kommen. Dazu einige Absacker zur Verdauung. Ein begnadetes Abseits auf über 1000 Metern über Meer.

Und in Basel

Abseits der Freien Strasse an der Bäumleingasse gibt es auch in der Basler Innenstadt einen aussergewöhnlichen Begegnungsort. Selbst zahlreichen Eingeborenen ist die Invino-Weinbar nicht bekannt, die in der ehemaligen Galerie Beyeler gegenüber dem «Rubino» einquartiert ist. Gastgeber Beat Rubitschung verpasst im Advent dem Innenhof ein festliches Outfit. Mit Tannen, Kerzenlaternen, offenem Feuer und zahlreichen Schaffellen. Wer will, feiert seine Waldweihnacht mitten in der Stadt. Den Rest macht der familiäre, herzliche Service, machen die heissen Marroni und die gepflegte Auswahl europäischer Weine, die alle glasweise getrunken werden können. Hinzu kommen einige kleine Leckereien, wie eine Ententerrine oder eine Portion Gru­y­ère der besseren Art. Beat Rubitschung 
ist es gelungen, an der Bäumleingasse eine spezielle Atmosphäre zu schaffen, die mit wenig viel erreicht. Drinnen am langen Tisch oder draussen im «Tannen-Wald». Was als kurze Zwischennutzung geplant war, hat nun bis 2019 Aufschub erhalten. Was danach kommt, wissen nur die Götter und die sagen nichts.


Nicht viel sagt auch der sympathische Gastgeber der «Schliessi» in den Langen Erlen. Mit dem Auto oder dem motorisierten Zweirad ist der Beiz nicht beizukommen. Fahrverbot sagt da das Verkehrsschild, das regelmässig kontrolliert wird. Nicht das Schild, das Verbot. Die «Schliessi» steht nicht auf der Wiese, sondern an der Wiese, zu der man vom Tierpark in einer Viertelstunde spaziert. Gesegnet mit einem Kaminofenfeuer für kalte Wintertage, mit zwei Ohrensesseln, da kocht Marco Mazzotti ein perfektes Risotto mit würziger Salsiccia und andere schöne Dinge. Nach getaner Arbeit setzt er sich ab und zu ans Klavier und haut jazzig und brillant in die Tasten. Echt stark, der Mann, ob hinter dem Herd oder am Klavier. Was noch? Privatanlässe sind ab zehn Personen möglich, dann kocht der Hausherr gross auf. Das Ganze ist ein sehr individueller Ort mit dem gewissen Etwas, bei dem der Gast mit einer Flasche Wein von Nachbar Karlheinz Ruser aus Tüllingen schnell zum Überhocker wird. Bis der Tag geht. Im Winter ist um 18 Uhr Schluss, es sei denn, man reserviert die ganze Bude für sich. Dann geht der Traum bis spät in die Nacht weiter.


Und wenn wir schon beim Träumen sind, kommt mir in der Gegend des BirsMagazins auf dem Gempen die urgemütliche, reich und stilvoll dekorierte Stube der Bärgbeiz Gempenturm in den Sinn. Hier im Fondue des berühmten Käsers und Affineurs Pierre Alain Sterchi aus La Chaux-de-Fonds zu rühren, tut gut und beruhigt. Aber das wissen Sie ja! Viel Vergnügen bei Ihren romantischen Beizengängen.

 

Text: Martin Jenni, Fotos: zVg