Grippepatienten in Fort Riley, Kansas (1918)

Grippepatienten in Fort Riley, Kansas (1918)

Die todbringende Pandemie 

«Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten. Diese Epidemie verläuft harmlos, keine Todesfälle bisher gemeldet.» 
Diese von der «Agencia Fabra» an Reuters in London gekabelte Meldung löste im Mai 1918 die Schreckensmeldungen des Ersten Weltkrieges ab. 

 

Aber sehr bald war die diagnostizierte Harmlosigkeit nichtig: Die Spanische Grippe überflutete ab dem Frühjahr 1918 als Pandemie die ganze Welt und forderte Millionen Todesopfer. Am 3. Juli 1918 machte die Spanische Grippe auch erstmals in Baselland Schlagzeilen. In einer ersten, noch beschwichtigenden Erwähnung notierte das «Tagblatt»: «Zum Schluss soll betont werden, dass es für gesunde und kräftige Personen keine gefährliche Krankheit ist (...). Da man nicht wissen kann, wie die Krankheit verläuft, so ist es für alle Fälle wünschenswert, rechtzeitig den Arzt aufzusuchen.»

Im Herbst und Winter 1918 starben weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Menschen. Die genaue Zahl lässt sich nicht mehr ermitteln, da aufgrund der Nachkriegswirren die Zahl der an der Grippe Verstorbenen nicht zuverlässig erfasst wurde. Die US-amerikanische Armee verlor etwa genauso viele Infanteriesoldaten durch die Grippe wie durch die Kampfhandlungen.

In drei Wellen

Die Bezeichnung Spanische Grippe ist darauf zurückzuführen, dass die ersten Berichte einer Pandemie aus Spanien kamen. Heute bezeichnet man den Erreger der Spanischen Grippe von 1918/19 als Grippevirus H1N1, wobei das H für Hämagglutinin steht und das N für Neurominidase.

Wenn sehr viele Menschen einer bestimmten Region von der Grippe befallen sind, spricht man von einer Grippe-Epidemie. Wenn weltweit sehr viele Menschen an der Grippe erkrankt sind, spricht man von einer Grippe-Pandemie.
Die Spanische Grippe trat in drei Wellen auf. Die erste Ausbreitungswelle im Frühjahr 1918 wies keine merklich erhöhte Todes­rate auf. Erst die Herbstwelle im gleichen Jahr und die spätere, dritte Welle im Frühjahr 1919 waren mit einer aussergewöhnlich hohen Sterblichkeit verbunden. Die Mortalität war unter den 20- bis 49-Jäh­ri­gen und unter Männern höher als bei älteren Personen und bei Frauen. Zum Höhepunkt der Grippe Ende 1918 schätzten Schweizer Gesundheitsbehörden, dass in der Schweiz zwei von drei Bürgern erkrankt waren.

Arm und reich waren weltweit gleichermassen betroffen. Auch vor wichtigen Persönlichkeiten machte die «neue Pest» nicht Halt. So fielen ihr beispielsweise schon im 1918 zum Opfer: Frederick Trump, Unternehmer und Grossvater von Donald Trump, gestorben am 27. Mai in New York, der ­Maler Egon Schiele – er starb am 31. Oktober in Wien – sowie Guillaume Apollinaire, der französische Schriftsteller, in Paris am 9. November gestorben.

Verlauf und Ausbreitung

Die Krankheit verlief oft sehr schnell, mit plötzlich einsetzendem hohen Fieber, starken Kopf- und Gliederschmerzen, Husten und starken Reizungen im Hals- und Rachenbereich. In manchen Fällen wurde auch Nasenbluten beobachtet. Während manche Patienten nur schwache Symptome zeigten und sich ohne Komplikationen erholten, verstarben andere binnen Stunden an einer sich schnell entwickelnden, von starken Blutungen begleiteten Lungenentzündung. Häufig wurde eine einhergehende, bläulich-schwarze Verfärbung der Haut beobachtet, die vom Mangel an Sauerstoff rührte.

In Zusammenhang mit dem ersten Weltkrieg wurden die ersten Fälle 1918 an der Schweizer Grenze bekannt, dann in den Kasernen und schliesslich in den Städten und Dörfern. Der Virus verbreitete sich sehr schnell im ganzen Land. Und so verwundert es nicht zu lesen: «3. September 2018. In den drei Gemeinden des urnerischen Schächentals waren bis jetzt 33 Todesfälle an Grippe zu verzeichnen.» Die Mortalitäts­quote begünstigten zudem die schlechten Lebensumstände gegen Ende des Ersten Weltkrieges.
Die sozioökonomischen Auswirkungen der Spanischen Grippe waren für die Schweiz einschneidend, da der Ausbruch zu gravierenden Beeinträchtigungen führte. Sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor waren die Störungen zahlreich: Schulen und Poststellen wurden geschlossen, einige Betriebe meldeten über 80 Prozent der Belegschaft als von der Grippe angesteckt. Der öffentliche Verkehr funktionierte nur unregelmässig. Auch der medizinische Sektor war betroffen: Überarbeitete Ärzte for­derten Einschränkungen in den Beratungsstunden, viele waren krank oder starben selbst an der Grippe. Die Lokalblätter waren voll von Anzeigen von Grippetodesfällen. In der Zivilbevölkerung forderte sie laut dem Historischen Lexikon der Schweiz zwischen Juli 1918 und Juni 1919 genau 24 449 Tote (von insgesamt 748 232 gemeldeten Krankheitsfällen) und stellt damit die gröss­te demografische Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert dar. Von den Schweizer Armeeangehörigen, die an der Grenze im Jura Dienst leisteten, erkrankten 40 bis 80 Prozent. Insgesamt fielen der Grippe-Pandemie 1805 Soldaten zum Opfer.

Ein Soldatendenkmal vor der Gemeindeverwaltung in Laufen erinnert an die «während der Aktivdienste 1914–1918 verstor­benen Soldaten aus dem Laufental und Bat. 23.»; die 32 namentlich aufgeführten Wehrmänner sind nicht gefallen, sondern sind Opfer der Spanischen Grippe. 

Hilfsmassnahmen – gelegentlich hilflos ...

Abgesehen von den wirksamen, behördlichen Empfehlungen wie zum Beispiel die von der Gemeinde Arlesheim am 26. Ok­tober 1918 angezeigte «Massnahme gegen die Grippe: Die Schule bleibt bis auf weiteres geschlossen. (...) Alles Musizieren und Tanzen in den Wirtschaften ist untersagt; der Wirtshausbesuch ist möglichst einzuschränken» waren auch eher behelfsmäs­sige, den eigenen Profit fördernde Wun­dermittel gegen die Spanische Grippe im Umlauf. So konnte man sich laut Zeitungsanzeige für Fr. 1.20 durch die «unentbehr­liche» Anwendung des «Telephon-Desinfektors Grippsano» bei «Grippegefahr b. Tele­phonieren» schützen; man musste ihn einfach an die Sprechmuschel anhängen und nachher wieder abnehmen. Oder man kaufte sich (wie das abgebildete Inserat verheisst) einen Zerstäuber mit den besten Referenzen namens «Perolina», um in den eigenen Räumen die Grippe zu bekämpfen. Auch eine am 4. November 1918 erschienene Bastelanleitung soll Wirkung zeigen: «Die so wichtigen Schutzmasken kann man sich selbst kostenlos machen, indem man ein angefeuchtetes Taschentuch zu einem Dreieck doppelt zusammenlegt und über den Nasenrücken, mit Knopf nach hinten im Nacken und den Dreieckzipfel gegen das Kinn hin gerichtet, zusammenbindet.»

 

Soldatendenkmal Laufen. Die undatierte Aufnahme zeigt eine Kranzniederlegung beim 1924 eingeweihten Denkmal. Entworfen wurde es vom Bildhauer Robert Rudolf. Der Brunnen erinnert an die lokalen Kriegs- und Grippetoten. Foto: Schaltenbrand Sammlung © Museum

Soldatendenkmal Laufen. Die undatierte Aufnahme zeigt eine Kranzniederlegung beim 1924 eingeweihten Denkmal. Entworfen wurde es vom Bildhauer Robert Rudolf. Der Brunnen erinnert an die lokalen Kriegs- und Grippetoten. Foto: Schaltenbrand Sammlung © Museum Laufental, Laufen

 

Die Spanische Grippe im Baselbiet

Das Baselbiet war in gleichem Masse von der Spanischen Grippe betroffen wie der Schweizer Durchschnitt. Auch da infizierten sich besonders junge Männer und Frauen mit der Krankheit; insgesamt 15000 Einwohner waren betroffen. Im Kanton Baselland zählte man rund 470 Grippetote.

 

Das Soldatendenkmal in Laufen:  Gesamtansicht und Detail. Fotos: Fredy Heller

Das Soldatendenkmal in Laufen:  Gesamtansicht und Detail. Fotos: Fredy Heller

Das Soldatendenkmal in Laufen:  Gesamtansicht und Detail. Fotos: Fredy Heller

 

Schon am 24. Juli 1918 war zu lesen: «Grippeerkrankungen in BL: In der Woche vom 15. bis 22. Juli sind ärztlich 257 Fälle vermerkt worden. Eine grössere Zahl weisen Liestal (27), Pratteln (50), Muttenz (54), Aesch (30) und Sissach (11) auf.» Wie dramatisch schnell sich die Grippe ausbreitete, zeigt auch die am 31. Juli 1918 annoncierte, überraschende Anzeige: «Kirchliche Massnahmen gegen die Grippe: Für die Kantone, in denen (...) Volksversammlungen wegen der Ansteckungsgefahr untersagt worden sind, hat der Bischof von Basel angeordnet, es sollen diese Verfügungen auch kirchlicherseits (...) beobachtet werden, dass für derartige Ausnahmefälle die Verpflichtung zum Besu­che der Sonntagsmesse aufgehoben sei.»

Noch im Jahre 1920 waren die Grippefälle im Baselbiet sehr hoch. Einer Mitteilung der Polizeidirektion vom 5. Februar 1920 ist zu entnehmen: «Auch in einigen Ortschaften unseres Kantons ist in jüngster Zeit wieder die Grippe aufgetreten (...). Es werden deshalb der Bevölkerung die im November 1918 gegebenen Verhaltensmassregeln wieder in Erinnerung gerufen. Danach wird insbesondere vor Tanzanlässen gewarnt; Krankenbesuche sind zu unterlassen, Vereinsanlässe und Versammlungen zu meiden.» Und am 9. Februar präzisierte die Polizeidirektion: «... dass die Ärzte in der Woche vom 1. bis 7. Februar 735 Grippe­erkrankungen und drei Todesfälle zur Anzei­ge gebracht haben.» Erst gegen Ende 1920 klang die globale Jahrhundert-Pandemie langsam ab.

 

Quellen:
Tagblatt für das Birseck, Birsig- und Leimental; pflegeportal.ch; geschichte.bl.ch: Videoclip «Als die Spanische Grippe im Baselbiet wütete»; Historisches Lexikon der Schweiz; de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Grippe

 

Text: Fredy Heller, Abbildungen und Zitate aus: Tagblatt für das Birseck, Birsig- und Leimental