Luzia Stebler, unterwegs mit Blindenführhund O'Neill und Verkehrsinstruktor Rolf Sommer von der Polizei Basel-Landschaft

Luzia Stebler, unterwegs mit Blindenführhund O'Neill und Verkehrsinstruktor Rolf Sommer von der Polizei Basel-Landschaft

Der weisse Stock geht vor

Für blinde und sehbehinderte Menschen ist die Orientierung im Strassenverkehr eine grosse Herausforderung. Mit der Kampagne «Der weisse Stock» demonstriert die Verkehrsinstruktion der Polizei Basel-Landschaft den Verkehrsteilnehmern das korrekte Verhalten. 

 

«Wars das jetzt?», fragte sich Luzia Stebler vor rund zwei Jahren. Nach dem fast vollständigen Verlust ihrer Sehkraft hatte sich die junge Frau in ihrer Wohnung in Wahlen bei Laufen richtiggehend eingeigelt. Sie wagte sich kaum noch vor die Türe. Motiviert durch ihren Lebenspartner fasste sie sich aber ein Herz und besuchte einen Kurs für den Umgang mit dem weissen Stock. Heute hat sie mit O’Neill, einem bei der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde in Allschwil ausgebildeten Hund, einen treuen Begleiter und Freund zur Seite. Schritt für Schritt hat sie ein gewisses Mass an Sicherheit zurückgewonnen. Doch die Angst bleibt ein stetiger Begleiter, wenn sie vor die Türe geht. Vor allem fürchtet sie sich davor, Strassen zu überqueren. Sie stellt fest, dass es den Verkehrsteilnehmern schwerfällt, sich in die Lage einer sehbehinderten Person zu versetzen. «Die Automobilisten winken nervös oder geben Lichthupen, was wir natürlich nicht wahrnehmen. Auch bei den Passanten spüre ich oft Unsicherheit, die dazu führt, dass diese lieber unbemerkt bleiben, statt zu helfen», berichtet Luzia Stebler ernüchtert. 

 

Der weisse Stock geht vor

 

Offene Ohren

«Mir wurde gesagt, ich solle in die Stadt ziehen, da dort Blinde bedeutend besser durch den Verkehr geleitet werden. Aber es kann doch nicht sein, dass sich Sehbehinderte auf dem Land in der Wohnung einschliessen müssen!», sagt sie energisch. 
Sie wollte dem offensichtlichen Missstand nicht tatenlos zusehen und hat sich an verschiedenste Organisationen und an die Medien gewandt. 

Bei der Polizei Basel-Landschaft ist sie schliesslich auf offene Ohren gestossen. «Es gibt klare gesetzliche Grundlagen im Umgang mit sehbehinderten Menschen. Nach unseren Beobachtungen scheint es leider so, dass diese lediglich den wenigsten Verkehrsteilnehmern ein Begriff sind», sagt Verkehrsinstruktor Rolf Sommer. Das dürfte in erster Linie damit zusammen­hängen, dass Sehbehinderte mit weissem Stock oder Blindenführhund im Strassenverkehr nur relativ selten präsent sind. Um dieser Misere zu begegnen, hat die Polizei Basel-Landschaft im August die Kampagne «Der weisse Stock» ins Leben gerufen, die gezielt auf den korrekten Umgang mit Sehbehinderten im Strassenverkehr aufmerksam macht. «Wir sensibilisieren für das Thema, machen aber auch klar auf die Konsequenzen bei Fehlverhalten aufmerksam. Es drohen empfindliche Bussen wie auch Ver­zeigungen bei groben Verstössen», so Rolf Sommer.  

Anerkennung statt Mitleid

Die wichtigste Erkenntnis für die Automobilisten dürfte sein, dass Sehbehinderte, die nicht von einer weiteren Person oder einem Hund im Führgeschirr begleitet werden, beim Überqueren von Strassen Vortritt haben – auch ohne Fussgängerstreifen. «Hierzu halte ich den weissen Stock gerade nach vorne, bis der Verkehr ruht. Ist dies der Fall, halte ich den Stock nach oben und signalisiere damit, dass ich die Strasse überquere», erklärt Luzia Stebler. Klingt verständlich, scheitert in der Realität aber oft am Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer. 

Nach der intensivierten Beobachtung dieser Situation stellt Rolf Sommer fest, dass viele Automobilisten sowie Motorrad- und Velofahrer in einer solchen Situation die Fahrt zwar verlangsamen, allerdings nicht anhalten. «Ganz gefährlich wird es dann, wenn korrekt wartende Fahrzeuge von dahinter folgenden überholt werden», sagt Sommer. 

Am Verhalten der Automobilisten zeigt sich, dass ein Perspektivenwechsel zu sehbehinderten Menschen der Mehrheit schwerfällt. Die Aktion «Der weisse Stock» soll nun dafür sorgen, dass ein solcher in den Köpfen ankommt. «Wir wollen nicht das Mitleid unserer Mitmenschen, sondern die Anerkennung im Strassenverkehr», hält Luzia Stebler fest.
 

Text: Simon F. Eglin, Fotos: Christian Jaeggi