Lesen und Schreiben –  eine Selbstverständlichkeit?

Fotos: zVg

Lesen und Schreiben – eine Selbstverständlichkeit?

Jedes Jahr am 8. September erinnert der Weltalphabetisierungstag daran, dass rund 860 Millionen Erwachsene weltweit nicht richtig lesen und schreiben können. Etwa 800 000 davon leben in der Schweiz. Sie verfügen trotz Schulbildung nur über ungenügende Schreib- und Lesekompetenzen. Das Phänomen nennt sich Illetrismus.

 

Formulare ausfüllen, Beipackzettel von Medikamenten lesen, einen Einkaufszettel schreiben, E-Mails verfassen – für die meisten Menschen sind diese Alltagsaufgaben kein Problem. Doch für Menschen mit Illetrismus bedeuten sie Stress. Aus Scham, 
diese in unserer heutigen Gesellschaft als selbstverständlich erachteten Fähigkeiten nur mangelhaft zu beherrschen, schweigen sie und entwickeln stattdessen Strategien, um solchen Situationen auszuweichen und sich, mal besser und mal schlechter, durchs Leben zu mogeln. Für die Arbeitswelt, die Weiterbildung und die Bewältigung des Alltags sind ausreichende Kompetenzen im Lesen, Schreiben, Rechnen oder bei der Nut­zung des Computers aber unerlässlich. Hinzu kommt, dass mit dem Einzug der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, mit den Displays und Touchscreens die Anforderungen in den letzten Jahren enorm gestiegen sind.

 

Lesen und Schreiben – eine Selbstverständlichkeit?

Lesen und Schreiben –  eine Selbstverständlichkeit?

 

Was Hänschen nicht lernt ...

Nicht alle Menschen hatten in ihren jungen Jahren die Gelegenheit oder die nötige Unterstützung, sich die komplexen Fähigkeiten Lesen und Schreiben in der obligatorischen Schulzeit in ausreichendem Masse anzueignen. Doch was viele nicht wissen: Auch im Erwachsenenalter kann man Lesen und Schreiben lernen oder verbessern. In Zusammenarbeit mit dem Verein «Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz» und des­sen Kampagne «Einfach besser!» hat die Fach­­stelle Erwachsenenbildung der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion Baselland deshalb in der Region Basel die Kampagne «Besser jetzt» lanciert, um einerseits auf die Problematik aufmerksam zu machen und andrerseits Betroffene über Beratungs- und Kursangebote zu informieren. Dabei geht es nicht nur um Lesen und Schreiben, sondern auch um die Alltagsmathematik und die Grundkompetenzen im Umgang mit dem Computer. Sprechblasen mit Sprü­chen wie «Sie möchten auch einmal einen Satz schreiben, der es auf den Punkt bringt?» sind zum Beispiel auf einem Bus der BLT zu lesen, der seit einem Jahr durch das Baselland fährt. Mit denselben Aussagen war auch die kulinarische Road­show an Märkten und anderen Veranstaltungen im Kanton unterwegs. Durch den Verkauf von Leckerbissen kamen dort ge­schulte Helferinnen und Helfer mit der Bevölkerung zum Thema Illetrismus und fehlende Grundkompetenzen ins Gespräch. Auch Radio- und Fernsehspots sowie Bus- und Tramplakate sollen in der Bevölkerung das Bewusstsein für diese Problematik schaffen. Ab Herbst 2018 können Betroffene aus­serdem bei externen Anbietern neue Kurse und Beratungsangebote zu den Themen Grundkompetenzen und Lesen und Schreiben in Anspruch nehmen. Seit September 2017 steht ein neues Lernangebot für Grundkompetenzen in der Kantonsbibliothek Liestal zur Verfügung.

 

Lesen und Schreiben –  eine Selbstverständlichkeit?

Lesen und Schreiben –  eine Selbstverständlichkeit?

 

Zum Beispiel Autofahren

Mangelnde Grundkompetenzen erschweren den Betroffenen das Leben auch dadurch, dass es ihnen schwerfällt, einen ­spezifischen Wortschatz oder komplexe Situationen wie zum Beispiel Verkehrsprozesse zu verstehen. Die Waadtländer Sek­tion des Vereins «Lesen und Schreiben» bietet deshalb seit einem Jahr Kurse an, die Betroffenen den Zugang zum Fahrausweis erleichtern. Nicht zuletzt deshalb, weil sich heutzutage die Vorbereitungskurse für die Theorieprüfung grösstenteils auf Lernsoftware stützen. In der Deutschschweiz gibt es ein solches Angebot noch nicht. Damit es entstehen kann, muss der Markt auf einen entsprechenden Bedarf reagieren. Eine Institution oder ein Anbieter kann in diesem Fall die Zusammenarbeit mit dem Kanton suchen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Angebot auch bald in der Region Basel genutzt werden kann.

www.besser-jetzt.ch
www.baselland-besser-jetzt.ch

Text: Sabina Haas, Fotos: zVg