Mehr als gute Medizin  Die Klinik Arlesheim steht im Ruf, eine besondere Medizin anzubieten. Foto: Verena Jäschke

Foto: Verena Jäschke

Mehr als gute Medizin

Die Klinik Arlesheim steht im Ruf, eine besondere Medizin anzubieten. Was genau macht man dort anders als an anderen Spitälern? Pieter Wildervanck, Facharzt für Innere Medizin und Leiter der Akutmedizin, gibt darüber Auskunft. 

Verena Jäschke: Was ist das Besondere an der Medizin in der Klinik Arlesheim?

Pieter Wildervanck: Der wirklich integrative Ansatz – die Schulmedizin ist für uns eine wichtige Basis, alle notwendigen Abklärungen werden getroffen wie in jedem anderen guten Spital. Darüber hinaus beziehen wir das Seelisch-Geistige des Patien­ten ein, seine Biografie, sein Lebensumfeld. Das Geistige und das Physische haben eine Realität, die wir berücksichtigen, vor allem aber messen wir der Wirkung des Geistigen im Physischen eine grosse Rolle zu. Integrativ heisst nicht nur, man behandelt das eine und das andere, sondern das eine mit dem anderen.

Also das, was mit dem Begriff «Ganzheitlichkeit» gemeint ist?

Was ist denn wirklich ganzheitlich? Es wird heute viel über den ganzen Menschen gesprochen, auch über Geist und Materie, aber in der Regel wird jedes für sich betrachtet. Für unsere Arbeit ist wichtig: Wie wirkt das Geistig-Seelische in das Mate­rielle? Wie wirkt es im Gesunden und in der Krankheit? Es geht um das Erfassen des Zusammenspiels von Leib, Seele und Geist im Menschen. Manchmal steht in der Therapie dann mehr das Körperliche im Vordergrund, mit verschiedenen Medikamenten, mal mehr das Seelisch-Geistige, was wir zum Beispiel in der Biografiearbeit aufgreifen. Doch eigentlich kann man das gar nicht getrennt ansehen. Wenn wir einen Menschen vor uns haben, sehen wir immer das Zusammenspiel von Geistig-Seelischem und Physischem. Insofern kann man auch Krankheiten nicht nur physisch oder nur seelisch-geistig behandeln. Es kommt immer auf das Ganze an.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Das geht vielleicht am besten am Beispiel einer warmen Auflage mit Lavendelöl. Zum einen ist da die Wirkung auf das Physische: Hormonelle Botschaften werden ausgesendet, die Haut «schmeckt» den Lavendel und die Blutgefässe öffnen sich. Zum ande­ren erleben wir, wie die Seele sich dadurch auch neu «öffnen» kann und letztlich dadurch der Geist das Leibliche wieder in ein gesünderes Gleichgewicht führen kann. Wir vermeiden es, zwingend auf den Körper einzuwirken, sondern versuchen «Anreize» zu schaffen, wodurch die Seele und der Geist selbst wieder die Regie übernehmen. Das ist wirklich (re)-«integrativ» und «ganzheitlich».

 

Ein Wickel wird vorbereitet. Foto: Christian Jaeggi

Ein Wickel wird vorbereitet. Foto: Christian Jaeggi

 

Oder nehmen wir jemanden mit Herzrhyth­musstörungen. Ist dieser Mensch gestresst, hat er eine erhöhte Adrenalinausschüttung, wodurch sich die Rhythmusstörungen weiter verschlechtern. Wir überwachen den Patienten, sehen auf dem Monitor die elektrisch-physischen Reaktionen des Herzens. Wir wirken auf die Störungen ein, indem wir eine Rhythmische Einreibung machen und eine Infusion zum Beispiel mit po­ten­ziertem Antimon, einem Medikament, das strukturierend auf den ganzen Menschen wirkt. Ein unregelmässig rasendes Herz kann dadurch wieder in einen regelmäs­sigen Rhythmus gebracht werden, unterstützt auch zum Beispiel durch Wickel mit Gold-Lavendel-Salbe. Und dann kommt etwas sehr Wichtiges hinzu: Das Bewusstmachen seelischer Stressfaktoren. Gerade bei Rhythmusstörungen geht es selten ohne Anpassung der Lebensumstände. Die Selbstständigkeit, die Mündigkeit des Pa­tienten ist mir ein grosses Anliegen. Der Patient soll sich nicht dem Arzt ausgeliefert fühlen, sondern wir versuchen, gemeinsam mit ihm ein neues Gleichgewicht aufzubauen.

Was meinen Sie mit Gleichgewicht?

In der Krankheit rutscht der Mensch aus dem Gleichgewicht von Schwere und Leich­te, Wärme und Kälte, zwischen Härte und Weiche, zwischen Bewegungsdrang und Ruhe, zwischen zu trocken und zu nass. Dass wir solch ein Gleichgewicht haben, ist uns meist nicht bewusst. Gesundheit ist nicht das Gegenteil von Krankheit, sondern Gesundheit bedeutet Gleichgewicht zwischen den genannten Polaritäten. Dann muss man manchmal den Patienten in der Therapie auf die andere Seite «hinüber­ziehen», um das Gleichgewicht zu finden. Wenn jemand mit einer Herzschwäche überwässert ist, dann muss man ihn in gewissem Sinne «zu trocken» machen, damit das Gleichgewicht hergestellt werden kann.

 

Klinik Arlesheim. Foto: Christian Jaeggi

Foto: Christian Jaeggi

 

Warum sind Sie Arzt geworden?

Für mich musste das so sein. Schon mein Vater war Arzt, er war an der Arlesheimer Klinik Assistenzarzt, als ich geboren wurde. Es wurde mir also ein Stück weit in die Wiege gelegt und lag quasi in der Familie, aber ich merke vor allem: Ich bin Arzt, das ist meine Berufung und stand für mich nie ausser Frage. Aber ich wäre es nicht ohne die Durchdringung mit der Anthroposophie. Es würde sich nicht komplett anfühlen.

Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit?

Dass ich mit den Menschen arbeiten kann. Ich habe sehr viel Hochachtung für Menschen, wie sie mit teilweise schwersten Schicksalsschlägen umgehen. Diese Erfahrungen kann ich weitergeben.
Wesentlich sind die Therapien, in denen der Patient erfährt, dass er sich selbst helfen kann. Er lernt, seine Lebenskräfte aufzubauen, in das neue Gleichgewicht zu bringen und auch zu halten. Nur der betroffene Mensch kann selbst sein Gleich­gewicht finden und halten. Wir können ihn dabei lediglich unterstützen. Darum gehen wir bewusst mit ihm diesen Weg.

 

Text: Verena Jäschke