Die Ökonomie der Empathie

Kolumnarische Fotoarthrose oder Vintage-Gedanken treffen modern photo-art.

 

Foto © Martin Staub, www.foto-bilder.ch

 

Braucht es Mut, sanft zu sein? Immer gegen Ende Jahr werde ich etwas nachdenk­licher und verdächtig ruhig. Nicht etwa depressiv, aber doch vermehrt nach innen orientiert. Die esoterische Ader verdickt sich und pulsiert nachhaltig. Der unter dem Jahr versiegte Draht nach oben kommt wie­der ins Fliessen. Gott wird dank Tannen­baum, Kugeln und Kerzen, dank geflügelten Engelchen, Schnee und Weihnachtskonzerten wieder vertrauter und etwas glaubwürdiger. 
Man wird sich wieder seiner Vergänglichkeit bewusst. Man realisiert langsam, aber sicher, dass jeder einmal auf die Zielgerade seines Lebens einbiegt und hat seine Endstation, die Vertikalisierung des Seins, in mittelbarer Sichtweite. Die bisherigen Meilensteine des Lebens ziehen an einem vor­über. Man betrachtet und wertet sie aus zeitlicher Distanz und erkennt immer klarer, dass der letzte Stein höchstwahrscheinlich der eigene Grabstein ist. Eine weitere Meile, zumindest auf dieser Welt, ist niemandem mehr beschieden. 
Unter jedem Grabmal ruht ein Mensch. Und beim Friedhofrundgang befallen mich mit jedem Meter alte Erinnerungen. Nicht nur gute, auch schlechte; sehr selten auch widerliche, verletzende Auseinandersetzun­gen, die mich viel Kraft gekostet haben. In solchen Augenblicken werde ich mir bewusst, dass ich im bisherigen Leben wenig über mich selbst hinausgeschaut habe. 
Begrenztes Denken, Nächstenliebe zur Be­ruhigung des Gewissens, Beichte als Neustart zum nächsten Fehltritt. Das Ego im Mittelpunkt! Und wo ist meine Empathie geblieben? Nur Mittel zum Zweck?
Das Alter macht entweder sanfter oder härter. Ich persönlich neige eher zum AHV-Softie, manchmal allerdings mit etwas derber Sprache. Im Alter sieht man die Dinge klarer. Die Anlässe der Zerwürfnisse sind verblasst und die Lebensprioritäten setzen sich allmählich durch. Die harten Kanten der alten Konflikte sind weichgeschliffen. Man hat im Angesicht der drohenden Sense des nahen Schnitters die nötige Reife erworben, um verzeihen zu können.
Deshalb meine ich: Weg von der Egomanie, hin zur Empathie! Jeder Mensch ist extrem dankbar dafür, wenn man an das Gute in ihm glaubt. Wäre es gerade jetzt nicht wieder einmal an der Zeit, einem Bekannten oder gar Unbekannten einen netten Brief zu schreiben oder eine E-Mail zu schicken? In Krisenzeiten von anderen Menschen Kraft und Zuspruch zu erhalten, ist ein unschätzbar wertvolles Geschenk. Man vergisst es ein Leben lang nie. 
«Wer an mich glaubt, wird ewig leben!» Scheinbar haben schon ganz andere Grössen vor Jahrtausenden diese Ansicht geteilt. Suchen Sie das Gute im Menschen und schenken Sie ihm Ihr Vertrauen! Be­anspruchen Sie dieses Claim für sich, so oft Sie können! Für viele wäre Ihr Mitgefühl das schönste Geschenk in ihrem Leben! 
So, das wars für heute! Bis zum nächsten Mal. «I believe in you!»
 

Text: Urs Spielmann, Foto: Martin Staub