Der Dreispitz Basel-Münchenstein, einst Stammland des Stifters, wird zu einem Stadtquartier.

Der Dreispitz Basel-Münchenstein, einst Stammland des Stifters, wird zu einem Stadtquartier.

«Zum Wohle der Menschen»

Vom Stiftertestament zur Christoph Merian Stiftung (CMS) – Vor genau 160 Jahren starb der Agronom, Financier und Grossgrundbesitzer Christoph Merian, der aus einer der reichsten Basler Familien stammte. 
 

Christoph Merian und seine Frau Margaretha Merian-Burckhardt, Tochter eines wohl­­habenden Basler Seidenfabrikanten, kennen wir heute vor allem deshalb, weil die beiden kinderlos gebliebenen Eheleute den Grossteil ihres stattlichen Vermögens der «lieben Vaterstadt Basel», wie es im Testament heisst, vererbt haben.
Christoph Merian trat bereits zu Lebzeiten als diskreter Wohltäter auf und unterstützte etwa das Bürgerspital oder die Armenhäuser. Seinem Engagement verdankt Basel auch das Missionshaus und die Elisabethenkirche, in der das Stifterehepaar begraben ist.

 

Das handschriftliche Testament.

Das handschriftliche Testament.

 

Weitsichtig und weltoffen

Die Errichtung einer eigenen Stiftung entsprach durchaus den Gepflogenheiten jener Epoche. Was Christoph Merian von anderen Wohltätern unterschied, war seine erstaunliche Weitsicht und Offenheit beim Verfassen des Stiftungszwecks. Sein hin­ter­­lassenes Erbe sollte «zur Förderung des Wohles der Menschen» und «zur Linderung der Noth und des Unglückes» eingesetzt werden. Auf weitere Einschränkungen verzichtete er, denn er wollte spätere Gene­rationen nicht an einem zeitgemässen Umgang mit seinem Vermögen hindern. Wichtig war Merian, dass das Erbe vom übrigen städtischen Vermögen getrennt in einer Stiftung verwaltet wird. Nach dem Tod von Margaretha Merian im Jahr 1886 trat diese öffentlich-rechtliche Stiftung in Kraft.

 

Christoph Merian (1800–1858)

Christoph Merian (1800–1858)

 

Margaretha Merian-Burckhardt (1806–1886)

Margaretha Merian-Burckhardt (1806–1886)

 

Unternehmerisch und philanthropisch

Heute beschäftigt die CMS rund 120 Mit­arbeitende. Sie sorgen dafür, dass der Stiftungszweck im Sinne von Christoph und Margaretha Merian erfüllt wird und dass Ertragserwirtschaftung und Mittelverwen­dung der Stiftung im Einklang stehen. Denn jeder Franken, der eingesetzt wird, muss erst verdient werden, weil das Stiftungs­kapital nicht angetastet werden darf. Während auf der unternehmerischen Seite vor allem die Bewirtschaftung des Kapitals, des stiftungseigenen Grundbesitzes und der Immobilien im Fokus stehen, spricht die CMS in ihren drei Förderbereichen So­ziales, Kultur und Natur sowie für interdisziplinäre Querschnittsthemen Gelder, die der breiten Öffentlichkeit zugute kommen. Jährlich stellt die Stiftung rund zwölf Mil­lionen Franken für gemeinnützige Projekte bereit. Dabei engagiert sich die CMS vor allem dort, wo der Staat nicht aktiv sein kann oder will. Zum Beispiel in der Bekämpfung von Armut, der Förderung von innova­tiven kulturellen Projekten oder der Sensibilisierung der Bevölkerung für ökologische Fragen.

Stadtentwicklung im Fokus

Ein weiteres Feld, das die Stiftung derzeit beschäftigt, ist die nachhaltige Entwicklung der Ländereien, die einst Christoph Merian gehörten. Dies gilt auch für den Dreispitz im Süden von Basel und auf Münchensteiner Boden. Einst sollte der Boden der Landwirtschaft dienen, doch mit Beginn des 20. Jahrhunderts entstand auf der rund siebzig Fussballfelder grossen Fläche nach und nach eines der wichtigsten Logistikareale im Dreiländereck. Von der Nordspitze beim Gundeli expandierte das Gewerbegebiet bis zur Südspitze bei der Motorfahrzeugkontrolle, durchzogen von fünfzehn Gleiskilometern der Eisenbahn. Viele Lagerhallen und Speditionen, zahl­reiche Handwerksbetriebe sowie einige Industrieunternehmen prägen das Quartier. Bis vor zehn Jahren war fast das ganze ­Areal abgeriegelt, die Waren im Zollfreilager schützte man einst sogar mit Stacheldrahtzaun und bewaffnetem Personal. 
Inzwischen erlebt der Dreispitz eine zeitlich und räumlich etappierte Transformation – ohne Verdrängung des lokalen Gewerbes. Nach der Hochschule für Gestaltung und Kunst der FHNW (2014), dem markanten Wohn- und Gewerbebau Helsinki Dreispitz (2015) und der Erweiterung des ehemaligen Transitlagers (2016) wird zwischen Reina­cher- und Dornacherstrasse bald der Neubau für die Hochschule für Wirtschaft FHNW entstehen. Beim M-Parc auf der Nordspitze planen die Stiftung und die Genossenschaft Migros Basel raumgreifende, neue Wohn- und Geschäftsbauten; die städ­tebauliche Studie dafür lieferte Ende 2017 das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron.

 

Der Hauptsitz der CMS, St. Alban-Vorstadt 12

Der Hauptsitz der CMS, St. Alban-Vorstadt 12

 

Vom Bauernhof bis zum Museum

Zum Merian’schen Nachlass und heutigen Stiftungsbesitz gehören auch fünf Bauernhöfe, darunter der Schlatthof in Aesch/BL und die bekannte Löwenburg im Jura. Wäh­rend Jahrzehnten hat die CMS diese Betriebe selbst bewirtschaftet. Nun werden sie – wie einst von Christoph Merian – von der CMS verpachtet. Daneben unterhält die Christoph Merian Stiftung drei eigene Institutionen, die ganz oder hauptsächlich von ihr getragen werden: die Merian Gärten (seit 1968), den Christoph Merian Verlag (seit 1976) und das Cartoonmuseum (seit 1979). Und auch das Basler Stadtbuch (seit 1973) und das internationale Stipendienprogramm Atelier Mondial (seit 1986, ehemals IAAB) profitieren von der nachhal­tigen Unterstützung durch die CMS.

 

Text: BirsMagazin, Fotos: Kathrin Schulthess