Generationenwechsel in den Wäldern Fotos: Christian Jaeggi

Rechts: Vom Emmental nach Arlesheim: Trockenheitsresistente Baumarten sollen den Wald an den Klimawandel anpassen.

Generationenwechsel in den Wäldern 

Im letzten Jahr wurde in den regionalen Wäldern weit mehr abgeholzt als in den Jahren davor. Fredi Hügi, Revierförster der Forstbetriebsgemeinschaft Arlesheim-Münchenstein, erzählt, weshalb das so ist und was er dafür tut, um den Wald für die kommenden Generationen zu verjüngen.

 

Abgesperrte Waldbereiche, Warntafeln am Waldrand, heulende Motorsägen und jede Menge gefällter Bäume an den Waldwegen: Dass in den letzten Monaten viel geholzt wurde, ist schon von weitem sicht- und hörbar. Unsere Wälder befinden sich zwar in einem Alter, in dem der Zeitpunkt der Ernte näher rückt. Die Fällungen vom letzten Jahr gehen aber zu einem grossen Teil auf die Folgen der Klimaerwärmung zurück. «Wir wissen schon lange, dass es wärmer wird. Auch der Sommer 2003 war ungewöhnlich heiss. Der entscheidende Paukenschlag jedoch war der Hitzesommer 2018. Viele Bäume starben teilweise oder ganz ab und mussten auch aus Sicherheitsgründen frühzeitig geerntet werden», blickt Fredi Hügi zurück. 
«Stark besonnte Hänge oder Wälder auf Böden mit geringer Wasserspeicherkapa­zität sind stärker betroffen. Vor allem die Buchen sterben uns ab, aber auch die Fichten», erklärt Fredi Hügi. Die Unterversorgung mit Wasser während der Vegeta­tionsperiode 2018 hat dazu geführt, dass die Bäume das Laub früh abwarfen. Als dann auch der Frühling 2019 trocken blieb, trieben die Bäume zu wenig aus. Die Hitze im Sommer führte zu Sonnenbrand in Stämmen, die Rinde platzte auf und war somit anfälliger für Pilze. Ein rasches Ast- und Kronenabsterben war die Folge.

 

Vor dem Pflanzen muss geräumt werden: Fredi Hügi bei der Arbeit.

Vor dem Pflanzen muss geräumt werden: Fredi Hügi bei der Arbeit. 
 

Licht und Raum für die neue Generation

Im Wald wird aber nicht nur geholzt, sondern auch aufgeforstet. Die durch die Fällungen entstandenen Lichtungen bieten die idealen Bedingungen für eine neue Waldgeneration: «Wenn wir den Wald verjüngen, müssen wir als erstes Licht in den Wald bringen, indem wir alte Bäume entnehmen. Ohne Licht funktioniert die Verjüngung in der Regel nicht», erklärt Fredi Hügi. Danach kann der Förster entweder mit der Naturverjüngung weiterarbeiten oder aber junge Bäume anpflanzen. Oft wird auch beides kombiniert. Bis die jungen Bäume etwa die Höhe von 1,20 Meter erreicht haben, brauchen sie auch einen Wildschutz, der sie vor Verbiss durch hungrige Rehe schützt. Später dann reicht es, einen Verbiss- und Fegeschutz einzustreichen. 
Damit der heranwachsende junge Wald dem Klimawandel gewachsen sein wird, braucht es eine grössere Vielfalt an trockenresistenten Baumarten. Denn nur so sind die Auswirkungen auf den Wald weniger drastisch, wenn eine Baumart erkrankt oder sich auf unseren Böden nicht bewährt. Was bedeutet das für die Buche, die natürlicherweise 70 bis 80 Prozent unseres Waldes ausmachen würde? «Bei der Naturverjüngung lassen wir die Buchen immer noch nachwachsen. Das Ziel ist aber, den Buchenanteil in den Wäldern zu verringern. Dasselbe gilt für die Fichten. Die Buchen keimen zwar noch, man nimmt aber an, dass sie nicht mehr alt werden, wenn die Hitze- und Trockenheitsjahre zunehmen», erzählt Fredi Hügi. Gefragt sind also Baumarten wie etwa die Traubeneiche. «Sie wächst gut. Sie erträgt Trockenheit und ist weniger anfällig auf Pilze. Wie sie auf die zunehmende Wärme reagieren wird, weiss man allerdings noch nicht genau», erklärt Hügi.
Auch Spitz- und Feldahorne pflanzt Fredi Hügi gerne an. Sie sind ebenfalls resistenter gegen Trockenheit als die Buchen. «Der Feldahorn wird zwar nicht so gross, aber es geht uns ja nicht nur um die Masse, sondern darum, einen Wald aufzubauen, der stabil alt werden kann», betont Hügi. Sorbus-Arten wie die Elsbeere, das grösste aller einheimischen Rosengewächse, eignen sich ebenfalls gut für das wärmer werdende Klima. Da wärmeliebende Baumarten wie die Traubeneiche auch als ausgewachsene Bäume viel Licht brauchen, werden die Wälder der Zukunft lichter werden. 

Die Setzlinge für die Waldverjüngung kauft Fredi Hügi in der Emme-Forstbaumschule AG im Emmental. Bereits im letzten November hat er 2000 junge Bäume bestellt, die dieses Jahr ausgepflanzt werden: Traubeneichen, ein paar Roteichen, Spitzahorne, Sommerlinden, wenig Douglasien, Waldföhren und Wildkirschen. Anfang März werden sie ihre Reise nach Münchenstein antreten.

 

Die ehrenamtliche Arbeit im Wald ist beliebt und wird mit einem gemeinsamen Mittagessen belohnt.

Die ehrenamtliche Arbeit im Wald ist beliebt und wird mit einem gemeinsamen Mittagessen belohnt.

Die ehrenamtliche Arbeit im Wald ist beliebt und wird mit einem gemeinsamen Mittagessen belohnt.

Die ehrenamtliche Arbeit im Wald ist beliebt und wird mit einem gemeinsamen Mittagessen belohnt.

 

Zwergen-Häuser bauen

Einen Teil der Setzlinge wird Fredi Hügi selber pflanzen, der andere Teil ist für die Frontage der Bürgergemeinden Arlesheim und Münchenstein bestimmt. «Ein Frontag ist eine gute Sache. Jeder macht diejenigen Arbeiten, die er gut erledigen kann. Man kann den Helfern viele Informationen mitgeben, aber auch das Zusammensein spielt eine wichtige Rolle«, sagt Hügi. Das Pflanzen sei eine beliebte Arbeit, die den Leuten auch in Erinnerung bleibe. In Münchenstein kommen meist zirka dreissig Freiwil­lige, in Arlesheim sogar bis zu fünfzig, darunter viele Kinder. 
Seit Jahren begeistert mit dabei ist auch der Arlesheimer Marc Lüthi mit seinen drei Töchtern Nora (15), Marei (11) und Rosalie (7). Gemeinsam mit den anderen Freiwilligen helfen sie bei den Schlagräumungen mit, geniessen das Mittagessen am Feuer und das Pflanzen der Jungbäume. «An den Frontagen haben wir auch viele Hütten oder Zwergen-Häuser gebaut, während die Erwachsenen am Arbeiten waren», erzählen Marei und Nora.

Blick nach vorn

Fredi Hügi wählt seine Setzlinge sorgfältig aus und setzt alles daran, den Wald so zu beeinflussen, dass er mit den klimatischen Entwicklungen klarkommen wird. Die Verjüngung ist aber eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Man wisse noch nicht, ob der Sommer 2018 ein Ausreisser sei oder ob derart heisse und trockene Sommer in Zukunft in regelmässigen Abständen immer wieder vorkommen würden. Ob er sich deshalb Sorgen mache um den Wald? «Der Zustand gibt einem schon zu denken. Wir laufen im Wald an Situationen heran, die wir uns nicht hätten vorstellen können! Die Entwicklung geschieht sehr rasant. Aber wir wollen vorwärts schauen und den Kopf nicht in den Sand stecken», sagt Hügi. Und wie steht er als Förster zur Klimastreikbewegung? «Wenn irgendjemand zu bestimmen hat, wie die Zukunft aussehen soll, dann sollen das die Jungen machen. Es ist ihre Zukunft, sie haben das Recht dazu».

 

Text: Isabelle Hitz, Fotos: Christian Jaeggi