Zwischen der Schulanlage und Wohnhäusern liegt der Familiengarten Spalen. Fotos: Christian Jaeggi

Zwischen der Schulanlage und Wohnhäusern liegt der Familiengarten Spalen. Fotos: Christian Jaeggi

Ein grosses Hoch auf den kleinen Garten

Lange galten sie als altbacken und spiessig, die Schrebergärten mit ihren gestochenen Rasenkanten und den Hahnenkämpfen über den Gartenzaun hinweg; ein Tummelplatz für kleinbürgerliche Rentner. Doch diesen Ruf haben die Familiengärten längst hinter sich gelassen. 

«Ich habe schon immer irgendwie in der Erde gewühlt», sagt Paul Fahrni, Präsident des Familiengarten-Vereins Münchenstein. Er übernahm seine Parzelle 1987, seit 2015 ist er Präsident der Anlage Fohrlisrain mit 144 Gärten à rund 200 Quadratmeter. Sein eigenes Stückchen Land besteht zu einem grossen Teil aus Rasenfläche. Den Sitzplatz, über dem sich eine Rebe rankt, dominiert ein Grillofen, wie es sich für einen ehemaligen Metzger gehört. «Früher war es Pflicht, mindestens zwei Drittel der Fläche zu bepflanzen, aber das ist heute nicht mehr so.» Auch andere Vorschriften haben sich geändert; so darf man heute in vielen Anlagen in den Gartenhäusern übernachten. Zwei Jahre musste Fahrni damals warten, bis eine Parzelle mit Abendsonne frei wurde. Das war ihm wichtig, denn in seinem Garten fühlt er sich fast wie in den Ferien: «Man kann ein wenig bäschelen, sich dann wieder auf den Liegestuhl fläzen und abends den Grill anwerfen». Er pflanzt denn auch hauptsächlich Salat, Kartoffeln und Karotten an – «da muss man nur noch das Fleisch mitbringen». Im Sommer ist sein Garten aber vor allem ein Blumenmeer, sein Favorit ist die Rose. 

 

Zwischen der Schulanlage und Wohnhäusern liegt der Familiengarten Spalen.

Zwischen der Schulanlage und Wohnhäusern liegt der Familiengarten Spalen.


Auch Linda Gonçalves liebt Blumen, ihr haben es die Dahlien angetan. Sie und ihr Mann Domingos haben im 2015 eine Parzelle im Familiengarten Spalen übernommen, mitten im Wohngebiet hinter dem Gartenbad Bachgraben. Als zwei Jahre später die Nachbarparzelle frei wurde, zögerten die beiden nicht lange und über­nahmen auch diese. Die erste Parzelle war völlig vernachlässigt, das Gartenhaus eine Bruchbude. Domingos riss es ab und baute alles neu. Und so teilen sich die beiden auch die Arbeit in ihrem Garten: Er ist für «den Bau» zuständig, sie für die Pflanzen. Heute ziehen sie – neben Lindas Blumen – Kohl, Salat, Tomaten, Stangenbohnen, Kürbisse und sehr viele Winterzwiebeln. Und der Grill fehlt bei ihnen natürlich auch nicht.

Über den Zaun geschaut

Dass Pächter ermahnt werden müssen, ihren Garten besser zu pflegen, kommt immer mal wieder vor. Wenn der Rasen hüfthoch steht, wenn der Löwenzahn und der Hahnenfuss absamen und sich in Nachbars Garten niederlassen, sind diese nicht unbedingt erfreut darüber. Denn obwohl man in einem Familiengarten sein eigener Herr ist, muss man sich an gewisse Vorschriften halten. «Wir sind eine Gemeinschaft, ohne Regeln geht es nicht», so Fahrni. Gewisse Nationalitäten seien eher auf Profit aus mit ihren Gärten, erzählt er. Da müsse man achtgeben, dass nicht zu viel Dünger in den Boden gelange. Denn der Grundgedanke der Familiengärten ist das naturnahe Gärtnern mit Kompost und Regenwasser. Das sei auch bei der jüngeren Generation beliebt. Allerdings bestehen da oft romantische Vorstellungen, und nicht selten geben jüngere Pächter den Garten nach einiger Zeit wieder ab, weil sie die Arbeit unterschätzt haben. Doch der Generationenwechsel ist im Gange, Gärtnern ist wieder hip, bietet es doch durch das direkte Er­leben des Wirkens der Natur ein Gegen­gewicht zu Beton, Asphalt und Stress.

 

 

Beliebte Oasen

Für viele ist das Stückchen Grün zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden. Linda und Domingos verbringen fast ihre ganze Freizeit auf ihren zwei Parzellen. Sie kamen vor zweiunddreissig Jahren aus Portugal in die Schweiz, ihre Eltern waren Bauern, und so ist eigenes Gemüse für sie nichts Un­gewöhnliches. Die Familiengärten bilden aber nicht nur für die Pächter einen wichtigen Ausgleich. Die vielen Kleingärten sind ein Eckelement des städtischen Grünsystems und tragen zur Versickerung von Niederschlägen und zur Aufstockung des Grundwassers bei. Ganz allgemein verbessern sie die Lebensqualität durch Lärm­verringerung, Auflockerung der Bebauung, Biotop- und Artenschutz, Lebensraumvernetzung und klimatische Auswirkungen. 

Verabschieden wir uns also von dem muffi­gen Ruf und gebühren diesen kleinen, teilweise mit viel Liebe gepflegten Oasen ihre Wertschätzung für den Beitrag, den sie auch dem nicht-gärtnernden Teil unserer Gesellschaft zugutekommen lassen.

 

 

Text: Sabina Haas, Fotos: Christian Jaeggi