Die Sonne als Inbegriff von oben, mittendrin und überall. Impression aus dem Arlesheimer Barockdom.

Die Sonne als Inbegriff von oben, mittendrin und überall. Impression aus dem Arlesheimer Barockdom.

 

Heimatstern Sonne

 

Als Nikolaus Kopernikus im Jahre 1543 öffentlich propagierte, dass in der Mitte von allen Planeten die Sonne ihren Sitz hat und nicht die Erde, schlug diese Nachricht ein wie eine Bombe.

 

Mit einem Schlag war die bewährte göttliche Ordnung mit Himmel und Hölle ausser Kraft. Die Mitte des bisherigen Universums war radikal neu definiert. Dass die Erde vermutlich keine Scheibe sein würde und eher die Form einer Kugel hatte, war zwar schon in der Antike aufgrund von Handels- und Seefahrtrouten mehr als nur vermutet und dann von Ptolemäus und Aristoteles innerhalb ihres geozentrischen Weltbildes erarbeitet worden. Was sich im neuen Alltag mit dem heliozentrischen Weltbild von Kopernikus zwar nach wie vor nicht änderte, war der morgendliche Sonnenaufgang im Osten und der abendliche Untergang im Westen. 

 

Von der Renaissance der Welt

Aber in den Köpfen der Menschen dämmerte es, dass das, was sich im Turnus zwischen Tag und Nacht, hell und dunkel abspielte, nicht nur einfach eine offene Frage, sondern eine Ungeheuerlichkeit war. Die Welt stand nicht einfach nur buchstäblich Kopf, sondern es war alles noch viel schlimmer, weil sich die Erde urplötzlich an den Rand katapultiert sah. Irgendwo im All, weit draussen auf irgendeinem sekundären Orbit. Die Definitionen von Mitte und Peripherie, oben und unten, Licht und Schatten hatten ihre Verortung komplett verloren. Kopernikus’ Propagierung war eine veritable Revolution und damit die «Renaissance» der Welt, in deren Sog ein paar Jahre später auch noch der Buchdruck erfunden und Amerika entdeckt wurden. 

 

Dass Kopernikus und sein Nachfolger Galileo Galilei ins Fadenkreuz heftigster Kritik gerieten und von der Kirche und den Herrschern der alten Weltordnung an Leib und Leben bedroht wurden, verstand sich von selbst. 

 

Was Mitte des 16. Jahrhunderts im wahrsten Sinne des Wortes geschehen und nicht einfach so passiert ist, können wir heute gar nicht mehr ermessen. Neue Erkenntnisse von heute basieren längst und nur noch auf von blossem Auge nicht wahrnehmbaren, digitalisiert berechneten 0,000001-Differenzen und Nano-Verschiebungen. Mag sein, dass das eine oder andere von Menschen ge-/erfundene Neue eine grossartige Anmutung hat. Aber sicher nicht mehr. Die grosse Entdeckung schlechthin gab es seit 1543 nie mehr. 

 

Die Sonne als neue Mitte

Der neue Platz, den die Sonne im Universum einnahm, war bedeutend. Sie war die neue Mitte schlechthin, nicht einfach nur ein heller Stern am Himmel. Ob sie heute noch so essentiell wahrgenommen wird, darf bezweifelt werden, selbst wenn die Menschen mit und dank der Sonne Kraft ihren zukünftigen Energiebedarf für alle Zeiten decken wollen. Zudem: Wärme, Licht und Fruchtbarkeit der Sonne wurden von den Menschen schon vor der kopernikanischen Wende in Anspruch genommen. Aber die Sonne hat die Gottes- und Herrschaftsbilder auf dieser Welt neu geprägt, wenn nicht sogar umgepolt. Himmel und Hölle haben ihre Rolle als exklusive Orte hors du monde zwischen Leben und Tod eingebüsst. In ganz vielen Zeichen, Werte-, Mass- und Zähleinheiten wurde die Sonne zum neuen Mass(stab) der Dinge, sicht-, spür- und erlebbar an der Korona – der äussersten Schicht ihrer Atmosphäre – die uns täglich unterschiedlich in die Augen sticht. Aber in der Macht der Sonne steht nicht nur Licht und Wärme, sondern sie bestimmt auch über Dunkelheit und Kälte, in welche die Erde getaucht wird. War die Sonne bis zur kopernikanischen Wende einer unter vielen Himmelskörpern am christlichen Firmament, mutierte sie durch die Zeiten nach und nach zum ewigen Heimatstern der Menschen. 

 

Sonne ist überall

Dass die Sonne zur phantastischen Projektionsfläche des menschlichen Wirkens in der ganzen Welt wurde – sei es in den Domänen von Kunst und Politik, Bildung und Religion, in der Ökonomie oder der Wissenschaft, Krieg und Frieden, in Mythen und Metaphern – liegt auf der Hand. Es gibt un-zählige Beispiele für Texte, Musiken, Bilder, Fotos, Filme, Fahnen und Symbole aus allen Sparten und Epochen bis heute, in der die Sonne eine ikonographische Mitte einnimmt. 

 

Zwei Beispiele: Der französische König Louis XIV. (1638–1715) hat sich nicht als Souverän von oben oder in der Nachfolge von römischen Kaisern definiert, sondern aus der göttlichen Mitte heraus ... und ist prompt als «Sonnenkönig» in die Geschichte eingegangen. Und im Zitat des habsburgischen Kaisers Karl V. «In meinem Reich geht die Sonne nicht unter» (1500–1558) ist der Anspruch an Grösse und Ewigkeit seines Reiches ebenfalls versinnbildlicht. 

 

Zum Schluss: Der Begriff «Heimatstern» wird selbst in einem nüchternen Bericht über eine ambitionierte Raumfahrtexpedition verwendet, in der die Sonde «Parker Solar Probe» sich der Sonne bis auf rund 6,2 Millionen Kilometer nähern soll. Während ihrer auf sieben Jahre ausgelegten Reise soll sie insgesamt 24 Mal durch die Korona fliegen und unter anderem die Frage beantworten, warum in der Sonnenatmosphäre unvorstellbar heisse Temperaturen von fast 6 Millionen Grad Celsius herrschen, während die Sonnenoberfläche mit 5500 Grad vergleichsweise «kühl» ist. Die Dimensionen, welche Bedeutung die Sonne für die Menschen hat, werden an der Schilderung des Plans augenfällig. Die Sonne kommt uns täglich sehr nah, andererseits ist es gar nicht so einfach, ihr nahe-zukommen. 

 

Filmtipp: In «LE ROI DANSE» (2001) zeigt Regisseur Gérard Corbiau eine noch unbekannte Facette Ludwigs XIV.: Der «Sonnenkönig» als Tänzer und Herrscher beleuchtet die fatale Beziehung von Macht und Kunst. Die opulent fotografierte Mischung aus Tragödie und Liebesdrama fasziniert mit fulminanten Bildern und grandioser Musik. 

 

Text: Niggi Ullrich, Foto: Christian Jaeggi