Felix Terrier

Felix Terrier

Kirche zwischen Gastfreundschaft und Kunstausstellung

 

Kirchenmenschen – und ich bin einer von ihnen – fällt es erfahrungsgemäss immer etwas schwer, ihre Kirche nicht als etwas Besonderes, sondern als gleichwertiger Teil eines Ganzen zu verstehen. 

 

Die Kirche gibt sich oft so besonders, dass sie vielen Menschen, Künstlern und Unternehmern, Akademikerinnen und Arbeiterinnen, tatsächlich fremd geworden ist ... und sie ihr. Und so halten beide mehr als nur «Social Distancing» zueinander. Für sie mag Kirche zwar nett und historisch, vielleicht sogar gesellschaftlich wertvoll sein, aber mit ihrer Arbeit und ihrem Leben hat sie kaum etwas zu tun. 

 

Im Kloster Dornach lassen wir uns sehr bewusst von einem anderen Verständnis herausfordern. Das Besondere ist hier nicht der einzelne Betriebszweig (Hotel, Restaurant, Kultur, Kirche), sondern ihre Vernetzung: Das Kloster Dornach ist nicht Hotel und nicht Kirche, nicht Restaurant oder Ausstellungsort, nein, das Kloster Dornach ist immer das Ganze. Dieser Weg ist für die Stifterorganisationen genauso eine Herausforderung wie für die für den Betrieb Verantwortlichen und alle Mitarbeitenden. Als Kirchenmann sich in diese Vision einbinden zu lassen, ohne Anstellung aber vielfältigen Erwartungen, ist ein Wagnis, ist Belastung und Geschenk zugleich. Die Corona-Krise hat diesen Weg des Klosters Dornach bestätigt. Während Gottesdienste noch verboten waren, wurde das Restaurant wieder geöffnet und war das Hotel nie geschlossen. Ob die Gastro-Lobby stärker war als die Kirchen-Lobby ist für uns unerheblich, denn fürs Kloster wirken beide. Der Heilige Franz von Assisi wusste, dass es in der Kirche nichts zu feiern gibt, wenn der Heimatlose kein Obdach und die Hungrige kein Essen hat. Während die Kirchenbänke also leer bleiben mussten, hat das Kloster Menschen in Schwierigkeiten die Türen geöffnet, ein Bett angeboten und den Frühstückstisch gedeckt. Selbstverständlich. Mir, dem Kirchenmann, ist wohl im Kloster, das vernetzt denkt, verbindend handelt und starre Grenzen löst, wie Kirche sein sollte.

 

Dazu gehört auch die Kultur. Aufmerksamen Beobachtern ist aufgefallen, dass bei den Corona-Pressekonferenzen des Bundes Kirche und Kultur immer gemeinsam in einem Atemzug genannt wurden. Tatsächlich sind die Kulturschaffenden genauso wie die religiösen Menschen wichtige Elemente unserer Gesellschaft. Beide verbindet die innere Gewissheit, dass man die Welt auch mit «anderen» Augen sehen kann, und die tiefe Sehnsucht, den Menschen vor Augen zu führen, dass es hinter dem Oberflächlichen noch sehr viel mehr zu entdecken gibt, was das Leben bereichert und ihm gut tut. Das Kloster Dornach hat seit seiner Neuausrichtung in der engen Zusammenarbeit der verschiedenen Betriebszweige genau dies zu einer wesentlichen Botschaft seines Wirkens gemacht: Den Menschen über das Gewohnte hinaus Blicke zu ermöglichen, die über vorgefasste Grenzen hinausführen, sie dafür zu begeistern. Kunst und Kirche ermöglichen in respektvollem Miteinander Begegnungen, die dazu einladen, die bereichernde und inspirierende Vielfalt zu entdecken, die unsere Welt ausmachen, die – so würde ich es formulieren – Gott unserer Welt eingepflanzt hat. Dem Spannungsfeld des Lebens versucht das Kloster Dornach mit seinen vier Standbeinen einen Begegnungsort zu bieten. Als Kirchenrektor bin ich gefordert und bleibe fordernd zum Wohl des Klosters.

 

Text: Felix Terrier, Rektor der Klosterkirche, Foto: Jay Altenbach-Hoffmann