Heidi Happy

Die grosse Erholung

 

Wir beschliessen, uns für ein paar Tage in eine kleine Alphütte im Berner Oberland zurückzuziehen. Fernab der Zivilisation, ohne Strom und fliessend Wasser. Ohne Stress und Sorgen in den sonnigen Tag hinein zu leben, das haben wir uns nun verdient ! Die Abfahrt timen wir so, dass die Kinder während der Autofahrt ihren Mittagsschlaf machen können.

Nach zwei Stunden dem Grösseren (4) die Frage zu beantworten, wie lange es denn noch dauert und mit Maispops die Kleinere (2) zu stillen, kommen wir beim Parkplatz an, von dem ein schmaler Weg zuerst durch ein Waldstück, über den Bach und dann übers saftige Feld zur Hütte führt. Von weitem sehen wir das hölzerne Geländer vor dem Eingang, worüber schon Oma vor 60 Jahren in die zwei Meter tiefer liegenden Nesseln gestürzt sei.

Hinterm Haus steht ein Brunnen mit Quellwasser. Dort, wo Oma vor 30 Jahren beim Wasserholen vom Blitz getroffen wurde. Paradiesisch für unsere Kleine, die fürs Leben gern mit Wasser spielt. Nach zwei Minuten sind ihre Hände bereits knallrot und eiskalt. Stimmt. Selber hört sie nicht auf, der Schmerz kommt ja erst später, wenn sie wieder an der Wärme ist. Und damit es hier überhaupt irgendwo warm ist, muss eingefeuert werden.
Der Schamott-Steinofen braucht gute zwei Stunden, bis er die Stube wärmt, und fast ebenso lange dauert es, auf dem kleineren Küchenherd das Wasser zum Kochen zu bringen. Gut, geniesst der Grössere Stunden auf dem Plumpsklo und braucht die Kleine ewig lange, um die gekochte Rande in Stücke zu schneiden, sodass wir während des langwierigen Einfeuerns nicht Angst haben müssen, dass sie an der Petrollampe rumfingert, hinterm Haus den Hang runterrollt oder in den Brunnen fällt, durch ein Loch vom Heuboden in den Kuhstall knallt, die steile Leitertreppe zum Schlafgemach runterpurzelt oder sich am heissen Ofen nebenan verbrennt, oder eben, wie ihre Oma damals, in die Nesseln stürzt.
Zum Glück scheint die Sonne !

 


 

Rudolf Trefzer

Lichtnahrung

 

Bekanntlich brauchen Pflanzen das Sonnenlicht, damit sie gedeihen und wach--sen können. Durch den biochemischen Vorgang der Fotosynthese verwandeln sie mit Hilfe des lichtabsorbierenden Chlorophylls Lichtenergie in chemische Energie. Das Sonnenlicht ist also die Lichtnahrung der Pflanzen. Indirekt leben auch wir Menschen von der Lichtnahrung, die die Pflanzen speichern, sei es dadurch, dass wir die Pflanzen essen oder sei es dadurch, dass wir Tiere essen, die sich von Pflanzen oder von pflanzenfressenden Tieren ernährt haben. Am Anfang dieser langen Nahrungskette steht die Lichtnahrung der Sonne.

Im Gegensatz zu den Pflanzen können wir Menschen aber das Sonnenlicht nicht direkt als Energiequelle nutzen. Zwar gibt es einige durchgeknallte Esoteriker, die behaupten, dass sie sich nur von Sonnenlicht ernähren und somit ohne feste und flüssige Nahrung auskommen. Doch aus medizinischer Sicht ist dies nicht möglich. Ein gesunder Erwachsener kann bei ausreichender Wasserzufuhr 50 bis 80 Tage ohne Nahrungszufuhr überleben. Danach folgt unweigerlich der Tod.

Wie auch immer: Ich bin jedenfalls froh, dass wir Menschen uns nicht wie Pflanzen direkt vom Sonnenlicht ernähren können, sondern gezwungen sind, unsere Lebensenergie auf umständlichere Weise zu gewinnen. Indem wir unsere Nahrung zu-bereiten müssen. Indem wir das Feuer zu nutzen gelernt haben, um Natur in Kultur zu verwandeln. Indem wir das, was wir essen wollen, zuerst schneiden, hacken, mischen, kochen, braten müssen. Diese auf die Nahrungszubereitung ausgerichteten Kulturtechniken sind es, die uns von den Pflanzen und Tieren unterscheiden. Und sie sind es, die die Nahrungsaufnahme, die das Essen und Trinken zu mehr machen als bloss eine lebenserhaltende Notwendigkeit. Die vielfältigen Resultate der Essenszubereitung bereichern unseren Lebensalltag stets auf Neue, denn sie legen die Basis für Gaumenfreuden, Genuss und Geselligkeit.

 


 

Jürg Seiberth

Gross und  Klein

 

Es war einmal eine Sekretärin, die ihre Chefin folgendermassen zu entschuldigen pflegte: «Äs isch anere Sitzig.» Die Chefin fand, dieses Äs untergrabe ihre Autorität. Die Sekretärin argumentierte: «Bi öis seit me das halt eso.» Doch die Chefin blieb stur: «Si isch anere Sitzig, heisst’s bi uns.» Kleiner Unterschied, grosse Wirkung. 

Regel 1: Das grammatische Geschlecht entspricht dem biologischen: sie, die Frau, weiblich; er, der Mann, männlich. – Regel 2: Substantive, auf die die Verkleinerungsform angewendet wird, haben das sächliche Geschlecht: es, das Lämpchen; es, das Tischlein. Kurz: Verkleinerung versächlicht; Umkehrschluss: Versächlichung verkleinert. Deshalb will die Chefin nicht als sächliches Wesen bezeichnet werden.

S’Heidi und s’Rosmarie. Die Versächlichung beim weiblichen Geschlecht ist häufig. Sie signalisiert Nähe und Vertrautheit, sie macht klein, schwach, niedlich. Beim männlichen Geschlecht ist die Verkleinerungsform selten und hat meist einen ironischen Unterton: Während das Mädchen untadelig erscheint, hat das Bürschchen in der Regel etwas auf dem Kerbholz. Des Herrchens Herrschaft beschränkt sich auf einen Hund. 

Die Vermutung liegt nahe, dass die Sprache hier eine Geringachtung von Frauen spiegelt. Ein Blick auf den Urdialekt im Wallis legt jedoch nahe, dass, sprachgeschichtlich gesehen, einst alle vertrauten Männer und Frauen mit dem sächlichen, Respektspersonen mit dem passenden männlichen oder weiblichen Geschlecht versehen wurden. Das berichtet eine ältere Untersuchung der Mundart von Visperterminen. Und dann möchte ich auf den Walliser Alleinunterhalter hinweisen, der sich z’Hansrüedi nennt.

Ich liebe die Verkleinerungsform. Zum Beispiel: die Sonne. Wir verdanken ihr alles; wir verehren und wir lieben sie; wir verwünschen und wir hassen sie. Die Sonne ist das grösste aller Themen, viel zu gross für 1900 Zeichen. Hier wirkt die Verklei-nerungsform Wunder: Oh, du goldigs Sünneli. Da reduziert sich der Respekt auf ein erträgliches Mass, die Blockade weicht und lustig klappert die Tastatur.

 


 

Anita Fetz

Sonnengöttinnen

 

Die Sonne ist die Quelle allen Lebens auf der Erde, neben dem Wasser. Sie ist ein «Reaktor», der uns unbegrenzt Energie zur Verfügung stellt, wenn wir sie klug nutzen. 1978 ernannte der damalige US-Prä-sident Jimmy Carter den 3. Mai zum Tag der Sonne. Dieser Aktionstag sollte die amerikanische Bevölkerung auf das riesige Potential der Sonnenenergie aufmerksam machen. Vergeblich. Keine Nation verbraucht mehr fossile Energien pro Kopf als die USA – nicht erst seit Trump.

Ohne Sonne gibt es kein Leben. Es ist darum kein Wunder, dass alle Kulturen der frühen Menschheit die Sonne in der Figur der Sonnengöttinnen verehrten. Sie waren zuständig für das gesamte Leben auf der Erde – für die Wärme, das Licht und die Fruchtbarkeit. Wenn die Sonne nicht schien – aufgrund von Sonnenfinsternissen oder Vulkanausbrüchen – dann hungerten die Menschen. 

Bis ins 16. Jahrhundert glaubten die Menschen, dass sich die Sonne um die Erde als Zentrum der Welt drehe. Nikolaus Kopernikus (1473 – 1543) und Johannes Kepler (1571 – 1630) vertraten aufgrund von Beobachtungen die These, dass es genau umgekehrt sei: die Erde drehe sich um die Sonne. Erst Maria Cunitz (1610 – 1664), die damals bedeutendste Mathematikerin und Astronomin, bewies in ihrem 1650 erschienenen Werk «Urania propitia» diese These und hat sie zu einer fundierten Abhandlung über die Astronomie erweitert. Dafür ist sie in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen, doch heute ist sie fast vergessen, wie so viele Frauen. Für die damals alles dominierende katholische Kirche waren dies verbotene, ketzerische Gedanken. Dennoch, die Idee, man könne die Welt besser verstehen mit der Beobachtung der Natur als mit dem Lesen der Bibel, setzte sich endgültig durch. 

Die Wissenschaft rechnet damit, dass die Sonne noch etwa 5 Milliarden Jahre scheinen wird. Ob weiterhin als Lebensquell oder als Zerstörungskraft, liegt nicht bei den Sonnengöttinnen, sondern daran, ob wir Menschen lernen, mit und nicht gegen die Natur zu leben.

 


 

Zeichnung: Andreas Thiel

Zeichnung: Andreas Thiel

 

Raus ans Licht

 

Im Herbst waren die feuchten Talsohlen des Laufenbeckens mit saftigem Wiesland bedeckt. Von den bewaldeten Jurahügeln sank kalte Hangluft in die Niederungen ab und kondensierte zu Nebel. Die Leute blieben zuhause. Wenn es nicht unbedingt nötig war, verliess keiner sein Haus. Man mochte nicht einmal mehr rausgehen, um Verwandte zu besuchen, bei diesem Nebel. Da fiel es auch nicht ins Gewicht, dass der Bundesrat die Leute angewiesen hatte, zuhause zu bleiben. Man blieb sowieso zuhause. Selbst die Schulen wurden geschlossen. Eingekauft wurde nur gerade das Notwendigste. Etwas anderes gab es auch nicht. Die Adventszeit kam, aber es gab keine Weihnachtsmärkte. Man blieb zuhause. Weihnachten feierte man im engsten Familienkreis ohne Baum und ohne Geschenke. Selbst wenn jemand Weihnachtsbäume angeboten hätte, würde sie niemand gekauft haben. An Silvester läuteten um Mitternacht dumpf die Kirchenglocken durch den Nebel. Es klang nicht, als würde ein neues Jahr begrüsst werden, sondern als würde ein altes Jahr zu Grabe getragen. Dann kam der Winter. Wer noch eine Ölheizung im Keller hatte, hatte Glück gehabt, denn auch der Ölpreis lag im Keller. Aber Strom kam nur noch während weniger Stunden aus den Steckdosen, und die Lebensmittel wurden knapp. Die Nachbarländer, aus welchen man Strom und Lebensmittel importierte, hatten Mühe, ihre eigenen Bevölkerungen zu versorgen. Die Sportferien unterschieden sich in nichts von der Zeit zuvor und danach. Die Schulen wie auch die meisten Betriebe blieben geschlossen. Auch die Skigebiete blieben geschlossen. Und als im Frühling die Sonne kam, änderte das trotzdem nichts. Die Menschen hatten sich ans Zuhausebleiben gewöhnt. Man sass einfach vor dem Bildschirm und wartete die nächste Pressekonferenz des Bundesrats ab.

Aber zum Glück geschah dies alles nicht im Herbst, sondern im Frühling, und die Sonne zog die Leute raus ins Freie, bevor sie sich an die Unfreiheit gewöhnten.