Sonnenbaden auf St. Margarethen 

 

Über den Dächern von Basel und Binningen «sünnele» die Naturfreunde, planschen in blauen Becken und geniessen in ihren Freizeitgärten die Ruhe. Eine gesunde Lebensart der Beschaulichkeit und der Naturverbundenheit in Stadtnähe. 

 

In den «Séparées» können sich Damen und Herren strikt getrennt und vor neugieri-gen Blicken geschützt, auf ihren Pritschen unter freiem Himmel nahtlos bräunen lassen. Der Aufforderung, wie sie der «Opern-ball»-Walzer «Geh’n wir ins Chambre sé-parée!» besingt, darf man jedoch nicht nachkommen. Im Freiluftbad sind gemischte Nacktzonen nach wie vor tabu.   

 

 

«Ordnungsgemässe Badekleidung» 

Das Sonnenbad mit den hölzernen Kabinen und Kästchen ist längst in die Jahre gekommen. Es kultiviert einen verblichenen Charme und ist bei Freunden der Freikörperkultur wie bei Wasserratten und Verweilgästen nach wie vor beliebt. Von Mitte April bis Mitte Oktober begehren um die 25 000 Sonnenhungrige Einlass. Besonders sonn- und feiertags tummeln sich ganze Familien auf den saftigen Wiesen teils unter schattigen Bäumen und planschen in den drei Becken für Schwimmer (12 x 5 Meter), Kinder (11 x 17 Meter) und Babys. Das Bad an der Sonne ist reglementiert. Die Benützungsordnung reglementiert: «Baden nur in ordnungsgemässer Badekleidung, kein Lärmen und Verwendung von Musikgeräten, kein Fussballspiel und keine Sprünge ins Wasser!»

 

 

 

Leibesübungen zur Sonne 

Teils von hohen Steinmauern umgeben, teils eingezäunt, belegen die Badeanlage und die knapp hundert gepachteten Freizeitgärten eine Fläche von fast 30 000 Quadratmetern. Geführt und betreut wird das Bad vom ehrenamtlich tätigen Verein Sonnenbad, einer Sektion der nationalen Gesundheits-Organisation vitaswiss. 

 

Die Bewegung von Pfarrer Kneipp und ihre «naturgemässe Lebens- und Heilweise» führten um 1899 zur Gründung des Naturvereins Basel. Schon damals setzte sich der Verein für «eine gesunde Ernährung, Sport, sexuelle Aufklärung der Jugend, Körperpflege und die Bekämpfung von Tabak und Alkoholmissbrauch» ein. Ein Schwarz-Weiss-Foto von damals zeigt Herren und Knaben im Lendenschurz, wie sie bei ihren Leibesübungen die Arme der wärmenden Sonne emporstrecken. 

 

Der Rundgang beginnt beim 1917 in einem Art-Déco-Stil erbauten Eingangstor. Über den beiden himmelwärts strahlenden Sonnen ist der Name schnörkellos gradlinig in Steinschrift eingraviert: Luft u. Sonnenbad St. Margarethen. Der erste im Jugendstil kopierte Eingang von 1903 hatte noch separate Eingänge: «Abteilung für Frauen» und «Abteilung für Männer».  

 

Der erste Sonnenbad-Eingang von 1903, für Frauen und Männer streng getrennt

Der erste Sonnenbad-Eingang von 1903, für Frauen und Männer streng getrennt

 

 

Friedhofsruhe und Nonnenkult 

Sonnenbad-Vereinspräsident Rolando Stucki war bis zu seiner Pensionierung Verkaufs-Ingenieur. Seit 20 Jahren ist er Pächter eines Ziergartens. Er geniesst die Ruhe und die Nähe zur Stadt und zu seinem Wohnort Binningen. Als Nachbarn haben die Sonnengärtner die Sternwarte, den Friedhof und den Bio-Bauernhof, in dessen Scheune  die Besenbeiz «Schällenursli» zwischen Heuballen zum Sonntagsbrunch einlädt. Von der Aussichtsplattform schweift der Blick westwärts bis zu den Vogesen, nordwärts zum Feldberg im Schwarzwald. Der Ort hat auch kultische Bedeutung. Der Sage nach sollen einst die drei jungfräulich frommen Schwestern Chrischona, Margaretha und Ottilia auf den im Dreieck gegenüber liegenden Hügeln füreinander gebetet haben. Heute gilt St. Margarethen auf dem Hügel über 310 Metern Höhe als profane Pilgerstätte für Erholungssuchende wie für Stern-gucker und Sonnenanbeterinnen.

 

Sonnenbad-Präsident Rolando Stucki

Sonnenbad-Präsident Rolando Stucki

 

Text: Jürg Erni, Fotos: Christian Jaeggi