Millimeter entscheiden. Das wissen Donato Cima, Claudio Giani, Wirtin Liliane Roth  und Daniele Sartor (von links).

Millimeter entscheiden. Das wissen Donato Cima, Claudio Giani, Wirtin Liliane Roth und Daniele Sartor (von links).

 

Über Kugeln, Gott und die Welt

 

Sie können Unterlagen lesen, werfen mit viel Gefühl und stossen gerne an. Über allem aber steht die gute Kameradschaft. Am besten geniessen lässt sie sich im Freien, wenn die Sonne scheint.

 

«Das sind alles gesellige Typen, die den Plausch haben wollen», sagt Donato Cima über seine Kameraden vom Boccia-Club Circolo Bocciofilo Ticinese. Alois Zahner spielt vor allem Pétanque, die französische Boule-Variante. Er ergänzt, Pausen würden genutzt, um über Gott und die Welt zu reden. Wenn nicht gerade ein Wettkampf laufe, auch gerne begleitet von einem Glas Wein. «Das soziale Umfeld», betont der Präsident des PC Bachgraben, «steht also an erster Stelle.» Einig sind sich beide darin, dass es im Freien unter strahlender Sonne am meisten Spass macht.

 

Rolf Lelli vom Pétanque Club Bachgraben wirft  mit viel Verve. Die Spannung steigt: Donato Cima (links) und  Daniele Sartor vom Circolo Bocciofilo Ticinese

Bild links: Rolf Lelli vom Pétanque Club Bachgraben wirft  mit viel Verve.
Bild rechts: Die Spannung steigt: Donato Cima (links) und  Daniele Sartor vom Circolo Bocciofilo Ticinese

 

Boccia und Pétanque sind Präzisionssportarten. Vor allem eines wird den Spielerinnen und Spielern abverlangt – Gefühl. Die grosse Kugel muss möglichst nahe der kleinen platziert werden. Nahe am Pallino (Boccia) oder der Cochonette (Pétanque).

 

Die Cochonette liegt im Mittelpunkt. Alles dreht sich um den Pallino.

Bild links: Die Cochonette liegt im Mittelpunkt.
Bild rechts: Alles dreht sich um den Pallino.

 

Unterschiedliche Gewichtsklassen

Obwohl Pétanque und Boccia mit derselben Leidenschaft gespielt werden, gibt es Unterschiede. Das sind zum einen die verschiedenen Kugeln. Pétanque-Kugeln besitzen eine Metallhülle, dazu einen Durchmesser von 70,5 bis 80 Millimetern. Ihr Gewicht bewegt sich zwischen 650 und 800 Gramm. Die Boccia-Kugeln aus Kunststoff wiegen zwischen 800 und 1000 Gramm. Gleichzeitig sind sie grösser. Ihr Durchmesser beträgt 100 bis 115 Millimeter.

 

Boccia wird stets auf einer Bahn gespielt. Pétanque kann auf jedem Untergrund stattfinden. Auf Kies, Mergel, Lehm. Sogar Wurzeln dürfen zur Herausforderung werden. «Deshalb ist es wichtig, dass man die Bahn lesen kann», betont Zahner. Während die Pétanque-Spieler frisch von der Leber weg werfen können, müssen die Boccia-Spieler das Ziel ihres Wurfs (Raffa und Volo genannt) dem Schiedsrichter zuvor bekanntgeben.

 

Hanspeter Schweizer, Alois Zahner, Markus Schelker und Elisabeth Schweizer (von links) nehmen Mass.

Hanspeter Schweizer, Alois Zahner, Markus Schelker und Elisabeth Schweizer (von links) nehmen Mass.

 

In einer wohl einzigartigen Umgebung wirft der Circolo Bocciofilo Ticinese seine Kugeln. Seine zwei Bahnen mit Kunststoffbelag liegen mitten in einem Quartier von Einfamilienhäusern. Ein Mäzen soll dem Verein vor über 80 Jahren die Parzelle gesichert haben. Im angrenzenden Grottino werden typische Spezialitäten aus dem Tessin und Italien serviert: Corretto con Grappa, ein Boccalino Merlot oder Piccata Milanese. Da viele im Verein Tessiner Wurzeln haben, werden hier zudem Tessiner Dialekte gepflegt.

 

Mehr junge Leute erwünscht

Trotz der guten Stimmung drückt an einem Punkt der Schuh. «Ja, extrem», bestätigt Alois Zahner. Sowohl sein Pétanque-Verein als auch der Circolo Bocciofilo beklagen ein Nachwuchsproblem. «Die meisten unserer Mitglieder sind Ü70», beschreibt Zahner die Lage. Claudio Gianis Boccia-Kameraden sind zwischen 60 und 85 Jahre alt. «16-Jährige haben keine Lust, ihre Freizeit mit 70-Jährigen zu verbringen», erklärt Giani, «würde es gelingen, gleich mehrere Junge gleichzeitig für Boccia zu gewinnen, könnte es funktionieren.»

 

Seite 56, links:  Irene Schwarz vom Pétanque Club Bachgraben  Seite 56, rechts:  Daniele Sartor vom Circolo Bocciofila Ticinese

Bild links: Irene Schwarz vom Pétanque Club Bachgraben
Bild rechts: Daniele Sartor vom Circolo Bocciofila Ticinese

 

Was absolut reibungslos funktioniert, ist der Austausch unter Kollegen. Viel wird geredet. Immer. «Wenn du an einem Turnier nicht dabei warst, weisst du eine Woche später alles», sagt Giani. Das gehört zum Plausch dazu.

 

Text: Daniel Aenishänslin, Fotos: Christian Jaeggi