Glückliche Hühner und alles Bio – in der Sonnhalde fast schon Pflicht. Foto Christian Jaeggi

Glückliche Hühner und alles Bio – in der Sonnhalde fast schon Pflicht. Foto Christian Jaeggi

Wie das marokkanische Huhn in die Schweiz kam

Kuno Walter, Mitglied der Leitung der Sonnhalde in Gempen, fährt mit dem Elektroauto zur Arbeit, hat einen Hund aus dem Tierheim und kocht am liebsten für seine Teen­­agerkids und deren Freunde. Uns hat er «Marokkanisches Poulet à la Walter» aufgetischt.

 

Das marokkanische Pouletgericht, das Kuno Walter (60) für uns kocht, stammt nicht aus einem Kochbuch und auch nicht von einem nordafrikanischen Koch. Jener weigerte sich nämlich, das Rezept herauszurücken. Also hat Walter es sich kurzerhand selber zusammengereimt. Die Dinge anzupacken und reflektiert, aber direkt auf sie zuzugehen, ist seine Art. Weil er Höhenangst hatte, lernte er Gleitschirmfliegen, weil er Angst vor Pferden hatte, nahm er Reitunterricht. Beim Gleitschirmfliegen hat diese «antiphobische Reaktion» funktioniert, beim Reiten nicht. Geblieben sind schöne Erinnerungen an die gemeinsamen Reitstunden mit seiner Tochter und ein Paar coole Westernstiefel.
Seit drei Jahren ist Walter als «Geschäftsführer Bereich Erwachsene» Mitglied der dreiköpfigen Gesamtleitung der Sonnhalde Gempen. Teil seiner Aufgabe ist es, die neuen Paradigmen, die die Schweiz 2014 mit der Behindertenrechtskonvention der UN (UNBRK) ratifiziert hat, in der Sonnhalde umzusetzen. Herrschte früher der Leitgedanke, dass man Menschen mit einer Beeinträchtigung vor allem ein betreutes Zuhause bieten sollte, sieht die UNBRK diese Menschen als Teil der Gesellschaft mit gleichen Rechten wie alle anderen an, die, ihren Möglichkeiten entsprechend, selber bestimmen sollen, wo und wie sie leben wollen. Dem Vorstand des Vereins Sonnhalde Gempen war klar, dass dieser Paradigmenwechsel nach einer strategischen Ausrichtung verlangte, nach Schwerpunkten und veränderten Abläufen. Mit seinem Hintergrund als Psychologe, seinem Master in Change Management und seiner Erfahrung mit Reorganisationen passte Walter perfekt in das neue, dreiköpfige Leitungsteam. 

Ein Umzug aus dem Aargau kam allerdings nicht in Frage, da stand der Rest seiner Familie – Ehefrau und Tochter und Sohn im Teenageralter – zusammen. Die Lösung war ein Elektroauto, und mittlerweile hilft der lange Arbeitsweg Walter dabei, die gesunde gedankliche Distanz zwischen Arbeit und Privatleben zu pflegen. 

 

Die Betreuten in der Sonnhalde identifizieren sich in hohem Mass mit ihrer Arbeit.

Die Betreuten in der Sonnhalde identifizieren sich in hohem Mass mit ihrer Arbeit.

 

Der etwas andere Betreuungsansatz

Obwohl Walter kein Anthroposoph ist, steht er hinter Rudolf Steiners Ansatz. Einerseits ist da die Idee, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung in diesem Leben eine besondere Herausforderung akzeptiert haben und dass das Umfeld versuchen sollte, diese Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen. Andrerseits beruhen die Herangehensweisen der Betreuung auf anderen Grundsätzen. «Zum Beispiel baute man für Menschen, die sehr angetrieben und unruhig sind, den Forstbereich auf», erklärt Walter. «Mit diesen Menschen geht man in den Wald, wo sie sägen und hacken und Holzklötze schleppen können.» Beruhigende Medikamente erübrigen sich da meist von selbst. Die Wohn- und Betreuungs­formen sind dem Grad der Beeinträchtigung angepasst und reichen von starker Betreuung zu grosser Selbständigkeit mit gelegentlicher Unterstützung in einzelnen Lebensbereichen (siehe Infobox).

 

Nach Möglichkeit kann die Beschäftigung selber  gewählt werden.

Nach Möglichkeit kann die Beschäftigung selber gewählt werden.

 

Infrastruktur an den Grenzen

Ein grösseres Projekt steht ebenfalls auf Walters To-do-Liste: Die Infrastruktur für die mittlerweile rund 400 Mitarbeiter ist an ihre Grenzen gelangt. «Unsere Leute müssen teilweise im Freien oder am Arbeitsplatz essen – das ist nicht mehr haltbar.» Geplant ist ein Begegnungszentrum mit Mensa, flach gebaut im anthroposophischen Sinn. Auch die Therapiegebäude müssen dringend ersetzt werden, stammen die ehemaligen Militärbaracken doch aus dem Jahr 1972. Dafür gilt es nun, Spender und Gönner zu finden. Keine leichte Aufgabe, aber abschrecken lässt sich Walter davon nicht. 

 

Die in der Sonnhalde verwendeten Teller entstehen  in der eigenen Töpferei.

Die in der Sonnhalde verwendeten Teller entstehen in der eigenen Töpferei.

 

Kochen unter freiem Himmel

Am liebsten kocht Walter auf der Kochstelle in seinem Garten. «Mit zwei Teenagern haben wir ein sehr lebendiges Haus», erzählt er, und die Jungmannschaft ist immer hungrig. Im Haushalt lebt ausserdem ein sehr agiler Malinois-Mischling, ein Liebe-auf-den-ersten-Blick-im-Tierheim-Hund. Dem marokkanischen Poulet begegnete Walter in Südfrankreich, seiner beinahe zweiten Heimat. Sein Vater besass dort früher ein Haus, in dem Walter nicht nur als Kind viel Zeit verbrachte. Am marokkanischen Poulet mag er, dass es keine Rolle spielt, ob man es für drei oder für zwanzig Personen kocht – es gelingt immer. Es ist, wie er es nennt, «Walter-sicher».

 

Text: Sabina Haas, Fotos: Christian Jaeggi