Bait Jaffe sind eine gesellige Bande. Fotos: Christian Jaeggi

Bait Jaffe sind eine gesellige Bande. Fotos: Christian Jaeggi

Bait Jaffe: Klänge, Geschichten, Geschichte

Hier treffen die Schweiz, Frankreich, Solothurn und Baselland friedlich aufeinander. Rodersdorf ist – ausser in Zeiten der Pandemie – der Ort der offenen Grenzen. Hier erwarten mich die Brüder Sascha und David Schönhaus zum Gespräch über die Musik von Bait Jaffe, über ihren Vater Cioma und über Vergangenheit und Gegenwart. 

 

Die beiden Brüder Sascha und David Schönhaus sitzen mir gegenüber, zwei Persönlichkeiten mit ihren Gegensätzen und Gemeinsamkeiten. Sascha schraubt an alten Autos, David fotografiert leidenschaftlich gern, ihre gemeinsame Berufung ist die Musik. Seit 27 Jahren sind die Brüder mit ihrer Band unterwegs, mit dem «Bait Jaffe Klezmer Orchestra». 2019 erhielt die Formation den Fachpreis für Musik des Kantons Solothurn. Nur ganz wenige Ensembles musizieren so lange zusammen, das gilt für alle Grössen und Sparten. Bait Jaffe konnte sich über diese lange Zeitspanne kontinuierlich musikalisch weiter entwickeln. Die Musiker haben ein beeindruckendes Niveau erreicht, gelten als eines der besten Klezmer-Ensembles Europas und werden an die grossen internationalen Festivals in dieser Sparte eingeladen.

 

«Bait Jaffe crossing Biederthaler Road», v. l. Niculin Christen, David Schönhaus, Sascha Schönhaus, Andreas Wäldele.

«Bait Jaffe crossing Biederthaler Road», v. l. Niculin Christen, David Schönhaus, Sascha Schönhaus, Andreas Wäldele

 

Vom Jazz zum Klezmer

Sascha Schönhaus studierte Saxofon an der Jazzschule in Bern; sein Bruder David studierte Kontrabass an der Jazzschule in Basel. Sie lernten das schnelle, virtuose Spiel, aber sie spürten, dass etwas fehlte. David, der musikalische Geschichtenerzähler, fragte sich: «Weshalb erzähle ich diese Musik?» Sascha sagte: «Das ist eigentlich nicht unsere Musik.» – Die grossen Jazz-musiker sind in den USA aufgewachsen. Sie haben dort Musik gehört, und die hat sie geprägt.

 

Die Brüder erinnern sich an die Musik ihrer Kindheit, zum Beispiel an die Lieder, die ihr Vater Cioma bei Ausflügen im Citroën DS sang. Cioma hörte gern klassische Musik und die Gesänge russischer Armeechöre. Jazz sagte ihm nichts, aber ihn interessierte der kreative Umgang mit Musik. Und er sang die alten Lieder, die teilweise zu Zeiten von Urgrossvater Elias in Minsk entstanden, die mündlich tradiert wurden, und die die Familie auf ihren Wanderungen nach Westen begleitet hatten: Balladen, Liturgisches, Besinnliches, Poetisches, Soldatenlieder und auch derbe Spott- und Lumpenlieder. Die beiden Brüder erkannten, dass sie sich mit der Klezmer-Musik gut ausdrücken konnten, dass sie diese alten Geschichten, Texte und Melodien erzählen mochten, und dass sie mit ihnen arbeiten und sie weiterentwickeln wollten. So gründeten sie 1993 eine Klezmer-Band und nannten sie Bait Jaffe, was auf Hebräisch «schönes Haus» heisst.

 

Spontanes Trottoirkonzert

Spontanes Trottoirkonzert

 

Schmerzhafte Erinnerung

Die Brüder spürten, dass ihr Vater dem Musikprojekt mit einem gewissen Misstrauen begegnete. Sein Verhältnis zum Judentum war ambivalent. 1942, in der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstrasse in Berlin, die von der Gestapo requiriert worden war, musste der zwanzigjährige Cioma sich von seinen Eltern verabschieden, schon damals ahnend, dass er sie nie mehr wiedersehen würde. Aufgrund dieses Erlebnisses wollte er nie mehr eine Synagoge betreten. Er sagte, es gebe für Juden nur zwei Möglichkeiten: komplett assimilieren oder nach Israel gehen. Er fand es unklug und gefährlich, sich als jüdische Familie zu outen. Und nun machten seine Söhne Klezmer-Musik! – Es wäre ihm allerdings nie in den Sinn gekommen, seinen Söhnen etwas auszureden oder gar zu verbieten. Er wirkte im Gegenteil eifrig mit bei diesem Projekt. Und 2004, mit 82 Jahren, veröffentlichte er dann sein Buch «Der Passfälscher». – Sascha und David sind heute überzeugt, dass sie mit ihrer Musik unter anderem Antworten auf offene und verdrängte Fragen ihrer Familiengeschichte suchen.

 

Bait Jaffe

Bait Jaffe sind eine fröhliche und optimistische Bande. Die Musiker haben ein liebevolles Verhältnis zu ihren sehr speziellen Instrumenten und zu deren Klängen. Sie erkannten, dass sie diese Musik spielen müssen, und dass sie sie glücklich macht. Bait Jaffe wurde nicht aus historisch-politischen Gründen auf die Beine gestellt. Sie erzählen zwar auf musikalische Art Geschichten und suchen Antworten auf historische Fragen, aber in erster Linie ging und geht es darum, schöne und bewegende Musik zu machen. 

 

Bait Jaffe sind zu viert unterwegs: Sascha Schönhaus spielt Saxofon und Klarinette; David Schönhaus spielt Bass. Der Geiger und Mandolinist Andreas Wäldele stiess 1995 dazu. Er ist unter anderem ein Spezialist für die Musik der Sinti und Roma. Auch Andreas’ Vater verfolgte die Karriere der Band mit grossem Interesse, besuchte Konzerte und man verstand sich gut. Nach zehn Jahren erfolgreichen Zusammenspiels kam man darauf zu sprechen, dass Andreas’ Vater als junger Mann bei der Wehrmacht diente. Das Thema von Bait Jaffe sind nicht Täter und Opfer in früheren Generationen; es ist die Versöhnung, im wörtlichen Sinne: Die Söhne überwinden die Konflikte der Väter. 

 

Im Jahr 2008 kam Niculin Christen dazu, der Klavierspieler und Akkordeonist. Er ist zehn Jahre jünger als die anderen Musiker und war Schüler von Sascha in einem Workshop, der sich dem Thema «Weltmusik und Jazz» widmete. Niculin hat sich intensiv mit der Klezmer-Tradition auseinandergesetzt. – «Heute lernt der Lehrer von seinem Schüler», gesteht Sascha.

 

Viele Musiker spielen und spielten mit Bait Jaffe. Ganz speziell schätzten sie die Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Rabbiner Goldberger. Sie sagen über ihn: «Er liebte den FCB und die Torah, er war ein wunderbarer Sänger und Geschichtenerzähler, und er hob nie den Zeigefinger.»

 

Die Musiker lieben ihre Instrumente  und deren unverwechselbare Klänge.

Die Musiker lieben ihre Instrumente und deren unverwechselbare Klänge.

 

Klezmer

Die Musik von Bait Jaffe entsteht im Dialog. Jeder bringt Ideen, die dann gemeinsam zerpflückt und wieder zusammengesetzt werden. Die Grundannahme dieses Dialogs: Du hast recht und ich habe auch recht. So wird der musikalische Ausdruck erweitert. Aufgrund dieses Prozesses erkennt das Publikum manche Stücke gar nicht mehr als Klezmer. – «Wir bringen den Menschen das, was sie erwarten und überraschen sie mit einem Bisschen mehr», sagt Sascha. – Da stellt sich die Frage: Was ist das eigentlich, Klezmer? Die Brüder zählen verschiedene historische Herleitungen auf und einigen sich am Schluss darauf, dass es den Begriff «Klezmer» braucht, um das Publikum für eine Reise zu gewinnen, die nach bekannten musikalischen Stationen Neuland anzusteuern wagt und Grenzen sprengt.

 

Text: Jürg Seiberth, Fotos: Christian Jaeggi