Manchmal versteckt sich in einem Fluss Unerwartetes. So erlebt es Anthea Bischof auch mit der Lebenszeit – nur wer genauer hinschaut, erkennt das Verborgene. Foto: Christian Jaeggi

Manchmal versteckt sich in einem Fluss Unerwartetes. So erlebt es Anthea Bischof auch mit der Lebenszeit – nur wer genauer hinschaut, erkennt das Verborgene.
Foto: Christian Jaeggi

Begegnen und loslassen – eine Reise zu Vergessenem

Anthea Bischof hatte als Kind Erinnerungen in sich, von denen keiner wusste, woher sie kommen. Sie fing an, sich mit Rückführungen zu beschäftigen und studierte Geschichte, um die Erlebnisse wissenschaftlich abzugleichen.

 

Die Küche aufräumen? Das muss manchmal warten, findet Anthea Bischof. Lieber verbringt sie «Herzenszeit» mit Menschen, denn wer dies nicht tue, «beraubt sich selbst». Die Historikerin hat ein spezielles Gespür für Zeit. Privat und beruflich beschäftigt sie sich gerne mit dem, was lange vor dem Gestern war – über die Wissenschaft hinaus. 

 

«Ich merke immer wieder, dass in vielen Menschen etwas aus einem vorigen Leben mitschwingt.» Zum Beispiel Sehnsüchte nach fernen Ländern, Talente oder unerklärbare Abneigungen. In ihrer Therapie-Praxis in Zürich bietet sie Rückführungen an, um die Geschichten aus früheren Leben aufzuspüren.

 

Ein Befreiungsschlag

Anthea Bischof hat als Kind gemerkt, dass sie zwei Erinnerungsebenen hat. Einerseits waren da die Erlebnisse mit der Familie, andererseits gab es Bilder, an die sich niemand sonst erinnerte. Sie erkannte einen Raum mit Balkon, «ich sah, mit wem ich geredet habe und spürte ein unbequemes Kleid, das mit Perlen bestickt war». Im Gegensatz zu Träumen waren diese Erinnerungen mit wenig Emotionen verbunden. Und niemand aus der Familie kannte dieselben Bilder. «Ich habe meiner Mutter damals von meinen Erinnerungen erzählt. Sie hat mir einfach zugehört, dafür bin ich ihr sehr dankbar.» Trotzdem wurde es für Anthea Bischof wichtig, Erklärungen für ihr Innerstes zu finden – darum studierte sie Geschichte, um historisch zu belegen, dass ihre Bilder keine Hirngespinste sind.

 

Sie machte eine Rückführung und fand heraus, dass sie vor einiger Zeit in Russland lebte; sie hatte es dort nicht einfach. Plötzlich konnte sie verstehen, warum vieles an der russischen Geschichte sie traurig machte. Den Rückblick in eine längst vergangene Zeit empfindet die gebürtige Dornacherin darum als Befreiungsschlag. Vieles ergebe nach Rückführungen einen Sinn – dann kommt das Loslassen. Heute hat sie erkannt, wie wunderbar die russische Kultur sei. 

 

Nichts erzwingen

Manche Geschichten, die Anthea Bischof in ihren Sitzungen hört, ähneln sich. Zum Beispiel die der selbstbewussten Frau im späten Mittelalter, die sich getraute, für sich einzustehen. Historisch belegt ist das nicht, aber als Reinkarnations-Therapeutin ist sie sich sicher, dass diese Geschichten wahr sind. Speziell beeindruckt hat sie die Geschichte von einem Mann, der in den 1960er-Jahren den Drogentod erlebte. Heute wendet er sich ganz bewusst von der Drogenszene ab.

 

Zu ihren Kunden zählen Wissenschaftler genauso wie spirituell Interessierte. Als Methode wählt Anthea Bischof eine Art Versenkung, für die es viel Konzentration braucht. «So sind die Menschen jederzeit in der Lage, zu unterbrechen, wenn es ihnen zu viel wird.» Dabei lässt sich nichts erzwingen, als Therapeutin kann sie den Prozess nur begleiten. Als Erfahrungswert gilt: Menschen, die intensiv träumen, haben es in der Regel leichter, in die Versenkung zu finden.

 

Das «Hier und Jetzt» geniesst die Historikerin.

Das «Hier und Jetzt» geniesst die Historikerin.

 

Das Herzensprojekt

Schon als Kind wollte Anthea Bischof «Leute fürs Leben beraten». Da war aber noch ein anderer Berufswunsch: Schriftstellerin. In den letzten sieben Jahren hat sie drei Bücher geschrieben. Zwei davon wurden veröffentlicht. Das Schreiben macht ihr grossen Spass. Viel zeitintensiver und aufreibender erlebt sie jedoch die Verlagssuche. Für ihr Herzensprojekt – ein Karma-Roman – konnte sie noch keinen Verlag gewinnen. 

 

Stolz macht sie, dass «Des Zimmermanns Sohn» letztes Jahr erschienen ist. Mit der Novelle blickt sie auf die Zeit zurück, als Jesus von Nazaret eine neue Religion in die Welt brachte. «Mein Mann hat mir die Frage gestellt, ob man Jesus wahrgenommen hatte, wenn man nicht Teil des Evangeliums war. Diese Frage hat mich sehr inspiriert.» Viele Stunden verbrachte sie mit historischer Recherche, etwas weniger brauchte es für die fantasievolle Anreicherung, und rund ein halbes Jahr nach Schreibbeginn war das Buch fertig. 

 

Sie habe diese Geschichte von Herzen geschrieben, sagt Anthea Bischof. Und nun wagt sie sich nochmals an ihr Herzensprojekt, den Karma-Roman. Denn auch das ist «Herzenszeit».

 

Text: Sarah Ganzmann, Fotos: Christian Jaeggi