Alex Wilson

Alex Wilson Fotos Christina Jaeggi

 

Die Uhr im Nacken

 

Alex Wilson ist das Aushängeschild der Schweizer Endspurt-Elite. Ein menschlicher Bolide im Kampf gegen die Zeit. Dass er ein sonniges Gemüt hat, wissen alle. Dass sein Selbstvertrauen nicht das geringste ist – geschenkt. Doch da ist auch Wilsons nachdenkliche Seite.

 

«Ich habe Geschwindigkeit immer geliebt.» Alex Wilson ist Rekordhalter. Kein Schweizer vor ihm war über 100 und 200 Meter jemals weniger lang unterwegs. Vor zwei Jahren brachte ihm das EM-Bronze ein. «Es ist das schönste Gefühl, das ich kenne, meinen Körper ans Limit zu pushen», beschreibt er, «es reizt mich mega, zu wissen, wie weit ich gehen kann.» Wo sich sein  persönliches Limit befindet, wisse er indes noch nicht.

 

Zeitgefühl

Wilson, der von sich sagt, er versuche in allem so schnell wie möglich zu sein, ist einer, der ein Gespür für die Sekunden und Hundertstelsekunden entwickelt haben will. In all den Jahren auf der Tartanbahn. «Ich habe es im Gefühl, ob ich gut unterwegs bin.» Dafür, dass die Uhr so schnell wie möglich stoppt, arbeite er hart. Bis zu sechs Stunden täglich. Im Moment sei er jedoch nicht im üblichen Trainingsmodus.

 

«Meine Saison ist der Operation wegen sowieso am Arsch», bemerkt er. Kürzlich liess sich Alex Wilson an der Leiste und der Hüfte operieren. Trainingspause und Lockdown ermöglichten ihm, viel Zeit mit seiner Familie zu geniessen. Wenn er sich die Zeit vertreiben wolle, spiele er sowieso am liebsten mit den Kindern. Wenn er sie vergeude, tue er das mit Social Media. Ganz positiv wertet Wilson insbesondere einen Umstand: «Endlich, nach zehn Jahren, kann ich den Sommer einmal geniessen.» 

 

Alex Wilson

«Jeder hat eine Stimme»

Der Mann mit dem lockeren Auftreten trägt zwar zumeist ein Lächeln vor sich her, hat aber auch seine ernsten Seiten. Da sei die Phase, in der er in den Wettkampfmodus schalte, wenn er sich aufwärme. Weg sei dann das Lächeln. Aber auch, wenn er nachdenke. Über dies und das. Im Gegensatz zu jenen, die Sportlern keinen Wortbeitrag zum Zeitgeschehen zugestehen wollen, plädiert Wilson für Offenheit. Ein Sportler dürfe sich sehr wohl zum Zeitgeschehen äussern, auch politisch. «Jeder hat eine Stimme», sagt Wilson, «wir Sportler zudem eine, die eher gehört wird, weil man uns kennt, weil wir viele Fans haben.»

 

Der Schweizer Sprintkönig redet nicht erst um den Brei herum. Er bezieht klar Stellung. Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matter hätten ihre Berechtigung. «Ich finde es gut, dass die Leute für Meinungsfreiheit und ihre Rechte kämpfen.» Ob die Zeit alle Wunden heilt, ob sie die Probleme in der Vergangenheit zurücklässt, könne er nicht beurteilen. Wohl eher nicht. Vielleicht macht sich hier ein wenig Ohnmacht breit, denn Alex Wilson konstatiert: «Jeder einzelne muss seinen Teil beitragen, dass es in zehn Jahren keinen Rassismus mehr gibt.»

 

Noch schneller

Diese nächsten Jahre. Wilson möchte sie unbedingt erfolgreich gestalten. Er sagt, auf dem Level, das er inzwischen erreicht habe, gebe es vielleicht noch acht, die schneller liefen. Er sei «parat», mache sich selbst «eigentlich nie Druck, wenn ich ehrlich bin», hingegen sehe er sich Druck auf die Konkurrenz machen. «Ich bin offen für alles», bekennt Alex Wilson, «ich stehe gerne hin und sage, ich kann noch schneller laufen, und ich weiss, ich kann noch schneller laufen.»

 

Wäre Wilson einige Jahrzehnte früher geboren worden, hätten seine 10,08 Sekunden über 100 Meter Weltrekord bedeutet. Etwas, das eigentlich jede Sprintrakete reizen müsste. Am 6. Juli 1912 wurde der erste Weltrekord über 100 Meter festgehalten. An den Olympischen Spielen in Stockholm lief der US-Amerikaner Donald Lippincott die Strecke in 10,6 Sekunden. Solche Gedankenspielchen seien gar nichts für ihn, winkt Alex Wilson ab. Kein Bedauern. «Ich glaube an die Realität», offenbart er seine Sicht der Dinge, «ich bin 1990 geboren, damit ich heute der Alex Wilson sein kann, der ich bin.»

 

Was nach der Sprinter-Karriere komme, darüber mache er sich noch keine Gedanken. Seine ganze Konzentration gelte dem Kampf gegen die Uhr. «Ich will einfach so schnell laufen wie möglich.» Alles andere sei momentan nicht wichtig. Seine persönliche To-do-Liste hört sich denn auch an wie der Wunschzettel eines Ehrgeizigen: «Eine Medaille an Olympischen Spielen, eine Medaille an Weltmeisterschaften und nochmals eine an Europameisterschaften.» Wilson lacht. Aber er meint es todernst.

 

Text: Daniel Aenishänslin, Fotos: Christian Jaeggi