Professor Georg Kreis

Professor Georg Kreis. Fotos: Christian Jaeggi

Geschichte muss nicht neutral sein

 

Wer sich mit «Zeit» auseinandersetzt, landet früher oder später beim Thema Geschichte, in unserem Fall bei Georg Kreis, Prof. für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz. Er hat für uns gekocht – Schinkengipfeli mit Salat. Weil das schnell geht.

 

Seine E-Mails sind kurz und zackig, das Menü hat er dreimal geändert, und eine der ersten Fragen nach dem Eintreffen in seiner Küche ist, wie lange das Ganze in etwa dauern würde. Zeit ist für Georg Kreis (76) nicht etwas, mit dem man gedankenlos umgehen sollte. Den Aufwand, den der Fotograf mit dem Arrangieren der Zutaten fürs Foto betreibt, findet er denn auch etwas umständlich, aber durchaus auch amüsant. «Ich bin absolut für Effizienz», bestätigt der Historiker. «Ich arbeite resultatorientiert, und während des Produzierens finde ich es nicht besonders lustig.» Früher hat er öfter gekocht, als er alleine lebte und noch jetzt, wenn er für sein Enkelkind jeden Dienstag ein Mittagessen auf den Tisch zaubert und inkl. Rückfahrt von der Uni dafür nur eine halbe Stunde Zeit hat. Seine Kocherei sei eher pragmatisch, meint er, und da er seit fünfundzwanzig Jahren mit einer hervorragenden Köchin zusammenlebt, steht er heute eher selten in der Küche. 

 

Geschichte, Zeit und Zeitgeschichte

Kreis beschäftigt sich mit Zeitgeschichte, also seit der Helvetik, der Französischen Revolution bis zum gestrigen Tag. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit betreibt er aber nicht im Sinne einer objektiven Rekonstruktion, denn Geschichte, so ist er überzeugt, muss nicht neutral sein. Es hängt immer davon ab, welcher Teil einen interessiert und mit welchem Blick und welcher Betroffenheit man die Sache beleuchtet. «Die Geschichte kommt oft sehr pluralistisch daher», erklärt er. «Engagierte Frauen haben ihre Frauengeschichte, bestimmte Handwerker haben ihre Geschichte, ebenso die Leute der Landstrasse. Man erzählt nie die ganze Geschichte, weil einen einfach nicht alles interessiert. Und zu diesen Interessen sollte man als Historiker stehen.» Er nennt diese Fokussierung «eine Art Produktedeklaration».

 

Professor Georg Kreis

 

Der Mann mit der «expliziten Arbeitslust»

Ferien definiert Kreis als eine «Verschiebung der Lokalität», von Ausspannen will er nichts wissen. Diesen Sommer nahm er in sein Ferienhaus im Tessin eine Bananenschachtel voller Bücher zum Thema seines Projekts über die Haltung der französischen Parteien zur Europafrage mit. Hobbys im herkömmlichen Sinn braucht er nicht. «Das Gefühl, aus seiner Zeit etwas zu machen, ist für mich ganz wichtig.» Fünf Stunden an einem Strand wären für ihn schrecklich. Aber ausgelaugt fühlt er sich nie. Seine «Erholung» findet er in der thematischen Vielfalt seiner Beschäftigungen mit der Geschichte, in der parallelen Arbeit an verschiedenen Projekten. Und zu schreiben gibt es genug; einen Aufsatz zu einem Buch über den Tessiner Bildhauer Vincenzo Vela, einen Aufsatz zur italienischen Europapolitik, einen Artikel im Tagesanzeiger über Denkmäler und einen im Blick über Rassismus. Der Mann und sein Wissen sind gefragt. Seine Herangehensweise beschreibt Kreis so, dass er zunächst für sich selber schreibt, aber mit dem Anspruch, dass es auch in der Öffentlichkeit bestehen kann. Dass man gut denken könne, ohne dass man schreibt, bezweifelt er. «Schreiben ist eine Herausforderung und ein grausamer Test, ob das, was man denkt, auch funktioniert.» Über die Wirkung seiner Worte macht er sich allerdings keine Illusionen. «Ich glaubte nie, ich könne jemanden mit meiner Argumentation plattwalzen.» Argumente bestärkten vor allem jene, die bereits in die gleiche Richtung denken. «Es verändert nichts», meint er, «aber man sollte es trotzdem machen.» 

 

Professor Georg Kreis

 

Die Gretchenfrage: Wiederholt sich die Geschichte?

«Nein», kommt die klare Antwort. Geschichte bedeute – im Gegensatz zur Politologie – einmalige Konstellationen zu untersuchen. Der Begriff «Einmaligkeit» sagt schon alles. Auf die Frage, warum der Volksmund dies denn glaube, verweist Kreis auf das geflügelte Wort, die Geschichte sei die Lehrmeisterin der Menschheit. «Sie ist vielleicht eine Lehrerin, aber sie steht vor einem leeren Klassenzimmer.» Für den Historiker bezieht die Geschichte auch nicht daraus ihre Berechtigung, sondern sie ist ein Objekt, an dem man das eigene Denken trainieren kann. 

 

Professor Georg Kreis

Fürs Zeitunglesen nimmt sich Kreis eindeutig mehr Zeit als fürs Kochen – und das am liebsten in der Küche.

 

Schinkengipfeli und Salat sind verspeist, der Wein hat gemundet, der Wind streicht durch das hohe Gras im Garten. Die Zeit verging wie im Flug, um ein Klischee zu bemühen, und die Frage bleibt, ob wir im Sinne von Professor Kreis «etwas daraus gemacht haben». Die Antwort darauf wird wohl pluralistisch ausfallen

 

Text: Sabina Haas, Foto: Christian Jaegg