Heidi Happy

Der Zeitgenosse

 

Alles werde sich ändern, wenn wir mal Kinder hätten, so wurde es uns prophezeit. Sollen sie nur reden, dachten wir, wir werden unsere Leben beibehalten. Uns Zeit nehmen für die wichtigen Dinge und die Kinder in unseren Lifestyle integrieren, sie auf unsere Tourneen und Produktionen mitnehmen. Wenn wir das von Anfang an so machen wird es für sie normal sein. So haben wir uns das vorgestellt. Ich kriege das Bild nicht aus dem Kopf, dass ich am Computer arbeite und das Baby nebenan friedlich in der Wippe liegt und ich es ab und zu mit dem Fuss ins Schaukeln zurückschubse. Dieses Bild, ganz ohne Ton, nur in meiner mit Vorfreude gestillten Vorstellung.

 

Dann kommt das erste Kind. Willkommen, du herzallerliebstes Wesen! Unendliche Liebe und ... verflogener Kreationsdurst. Der Plan der Mitnahme auf Tourneen wird bereits während der ersten Probe über den Haufen geworfen, da unser Kind schon beim Auspacken der Instrumente mit Schreien anfängt und erst wieder aufhört, wenn der Koffer zu ist. Auch Arbeiten am Computer ist ab sofort nur möglich, wenn das Baby erstens ausser Sichtweite ist und zweitens von jemand anderem abgelenkt wird. Ausser, man findet das Geschrei nicht störend. Anders als bei der Katze, die, sobald ich mich an den Computer setze, zu ihrem gemütlichen Spaziergang auf der Tastatur hin und her ansetzt und sich währenddem die losen Haare ihres Fells an meiner Nase abstreift, gehen hier wenigstens keine Daten verloren. Da ist es also durchaus eine Möglichkeit, sich mit dem Geschrei einfach abzufinden. Allerdings ist es bei mir nicht selten, dass es bei der Arbeit am Computer um Aufnahmen geht, wo Störgeräusche ab einem gewissen Pegel untragbar sind. Auch die Nachbarschaftsliebe will man nicht schon beim ersten Kind im Säuglingsalter aufs Spiel setzen. Und so wichtig sind sie eben dann doch nicht, diese wichtigen Dinge, verglichen mit dem schreienden Nimmersatt.

 


 

Rudolf Trefzer

Wein und Zeit

 

In der Weinwelt ist man sich einig. Grosse Weine zeigen ihr volles Potenzial, ihre spezifische Terroirprägung und ihren ganzen Facettenreichtum meist nicht schon in den Kinder- und Jugendjahren, sondern erst nach einer gewissen Reifezeit. Als Regel gilt: Ein grosser, nobler Wein muss sich während mindestens zehn Jahren in positiver Richtung weiterentwickeln. Herausragende Gewächse, die dieses Kriterium erfüllen, gibt es grundsätzlich in allen Weinbaugebieten, wenn auch freilich nicht überall im gleichen Ausmass. 

 

Wie aber steht es diesbezüglich mit den Schweizer Weinen? Was hat es mit der nach wie vor weit verbreiteten Ansicht auf sich, dass helvetische Gewächse nicht oder nur schlecht zu altern vermögen? Um die Frage des Alterungspotenzials der Schweizer Weine zu beantworten, braucht es nicht salopp geäusserte Vermutungen, sondern überprüfbare Fakten. Solche Fakten schafft das 2002 gegründete Mémoire des Vins Suisses, eine Vereinigung, der heute 57 Top-Weingüter aus allen Weinbauregionen und 29 Fachmitglieder aus der Weinbauforschung und Weinpublizistik angehören. Von jedem Weingut wird ein Wein selektioniert (der sog. «Mémoire-Wein»), von dem jedes Jahr sechzig Flaschen eingelagert werden. 

 

An jährlichen Kontrolldegustationen verkosten die Fachmitglieder die älteren Mémoire-Weine, die in der Schatzkammer lagern. Anhand der detaillierten Degustationskommentare kann der Entwicklungsprozess dieser Gewächse über verschiedene Reifestadien hinweg verfolgt werden. Alle diese Degustationskommentare ergeben zusammen ein einzigartig differenziertes Bild des helvetischen Weinbaus und sind auf der Mémoire-Webseite (www.mdvs.ch) einsehbar. Und welches Fazit lässt sich aus ihnen ziehen? Auch im kleinen Weinland Schweiz gibt es viele noble Weine, die dem Zahn der Zeit bestens zu trotzen vermögen und sich auch nach etlichen Jahren Kellerruhe noch in beeindruckend guter Form präsentieren.

 


 

Jürg Seiberth

Zaubermittel und Zeitmaschine

 

«Der Fuchs hat die Gans gestohlen», sagt der Lehrer zum Kind, «setze diesen Satz in die Gegenwart.» – Das Kind schweigt. – Der Lehrer wartet. Dann verliert er die Geduld: «Sprich mir nach», sagt er, «Der Fuchs stiehlt die Gans.» – Das Kind weigert sich und sagt nach einer Weile: «Ich sehe keine Gans; ich sehe keinen Fuchs. Also ist der Satz falsch. Er ist gelogen.» – «Stimmt», sagt der Lehrer, «aber ...».

 

Er muss erkennen, dass er am Ende seines Lateins ist. Da er ein interessierter Lehrer ist, weiss er zum Glück, dass man gut zuhören muss, wenn Kinder merkwürdige Dinge sagen. Oft steckt eine interessante Erkenntnis dahinter. Etwas Mysteriöses, Wunderbares, über das Erwachsene nicht mehr nachdenken, weil sie es für selbstverständlich halten. 

 

Wir sprechen meist nicht über die Dinge, die wir gerade konkret vor uns haben. So gesehen lügt die Sprache oft. Man kann es aber auch positiv sehen: Die Sprache ist ein Zaubermittel, sie gaukelt unserem geistigen Auge Dinge vor, die unser physisches Auge nicht sieht.

 

Die Sprache ist auch eine Zeitmaschine, sie kann uns in die Vergangenheit oder in die Zukunft versetzen. Die Sprache prägt unser Verhältnis zur Zeit, sie verführt uns, ständig zu fragen: Was war, was ist, was wird sein? – Sie entreisst uns der Gegenwart. Als Gegenbewegung entsteht die Sehnsucht, im Moment zu leben, achtsam zu sein, die Realität wahrzunehmen, die uns hier und jetzt umgibt. Diese Sehnsucht kannte schon Horaz im ersten Jahrhundert vor Christus; er riet: Carpe diem! Pflücke den Tag! Geniesse den Augenblick!

 

Die Sprache formuliert mühelos Unmögliches, Unmoralisches, Paradoxes und eben auch Unwahres. Sie kann doppeldeutig sein, kann übertreiben und verdrehen. Dank unserer wunderbaren Sprache können wir 1000 Jahre vor Christus mit Odysseus auf dem Mittelmeer herumirren und 4000 Jahre nach Christus mit Perry Rhodan die Milchstrasse verteidigen.

 


 

Anita Fetz

Die Zeit heilt alle Wunden?

 

Im Laufe der Jahrhunderte sind im sogenannten Volksmund viele Sprüche zum Thema Zeit erfunden worden. Dazu gehören zum Beispiel: «Kommt Zeit, kommt Rat», «Zeit ist Geld» oder eben «Die Zeit heilt alle Wunden». Wenig ist wahr an diesem Sprichwort.

 

Es wird dem französischen Philosophen der Aufklärung, Voltaire, zugeschrieben. Es war im übertragenen Sinne an jene gerichtet, die sich von der neuen Zeit des Rationalismus abgestossen fühlten. Doch auch schon damals stimmte es nicht.

 

Eine meiner Lieblingsautorinnen früher war Christa Wolf. Besonders beeindruckte mich ihr Buch «Kindheitsmuster», das die Kriegserlebnisse und die Vertreibung einer jungen Frau im Deutschland des Zweiten Weltkriegs und die verletzenden Auswirkungen auf ihre Tochter nachempfindet. Sie thematisierte eindrücklich, was erst Jahre später durch die Traumaforschung bekannt geworden ist: die schrecklichen Erlebnisse während Kriegen, wozu auch immer die massenhafte Vergewaltigung von Frauen durch alle Kriegsparteien gehört, die grossen Ängste auf der Flucht, der ständige Hunger, das Verschwinden von Menschlichkeit – das alles wird an die nächsten zwei bis drei Generation unbewusst weitergegeben. Durch Schweigen aus Scham, aus Angst, durch die Ausschaltung von Gefühlen, welche für das Überleben notwendig sind. «Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen es fremd», war und ist das zentrale Zitat in ihrem Roman. Der Krieg in Syrien, im Jemen, alle Kriege werden den Menschen auch Jahre nach dem Frieden keinen solchen bringen. Der Spruch «Die Zeit heilt alle Wunden» ist schlimm, wenn damit vergangenes Leid und Ungerechtigkeit negiert werden. Das einzige was hilft, ist darüber reden, persönlich und in der Gesellschaft. Darum auch ist öffentliche Auseinandersetzung mit Rassismus so wichtig. Da geht es um weit mehr als den Streit um Wörter, es geht um menschliche Verletzungen und Demütigungen heute und in der Vergangenheit.

 


 

Zeichnung: Andreas Thiel

Zeichnung: Andreas Thiel

 

«Zyt zum goo!»

 

An der Birs, gleich bei Muttenz, steht das Joggeli. Der Brückenbauingenieur, der die Autobahnverzweigung Hagnau mit der Zufahrt zum Joggeli entwarf, hat dem FCB ein nationalstrassenplanerisches Denkmal gesetzt. Was die Grand Dixence der Rhone, ist die Autobahnverzweigung Hagnau der Birs.

 

Während des Baus der Autobahnverzweigung Hagnau ist der Firma Jura Cement regelmässig der Zement ausgegangen. Zur Erstellung dieses Nationalstrassendenkmals musste Kalk und Mergel von Genf bis Coburg abgetragen werden. Wenn man aktuelle Satellitenaufnahmen mit den kartografischen Aufzeichnungen des Alexander von Humboldt vergleicht, stellt man überrascht fest, dass seit der Zementierung der Autobahnverzweigung Hagnau die sechste Jurakette fehlt.

 

Wer sich in der Autobahnverzweigung Hagnau verfährt, läuft Gefahr, nie mehr herauszufinden. Schon viele Automobilisten sind in der weitverzweigten Autobahnverzweigung Hagnau verschwunden. Was das Bermudadreieck dem Atlantik, ist die Autobahnverzweigung Hagnau der Birs.

 

Die Autobahnverzweigung Hagnau versinnbildlicht nicht nur das virtuose Ball-spiel des FCB, sondern auch den verfahrenen Zustand der Muttenzerkurve. Mit dem zementierten Druck der Strasse konnte die Muttenzerkurve Bernhard Burgener dazu bewegen, vom Präsidium des FCB zurückzutreten und seine Anteile am Club zu verkaufen. Neuer Präsident des FCB wird Roger Schawinski. Um diese Wahl zu ermöglichen, haben die Regierungsräte von Stadt und Landschaft Roger Schawinski zum Ehrenbürger beider Basel ernannt. In seiner Amtsantrittsrede erinnerte Roger Schawinski daran, dass er nicht nur den Fussball erfunden hat, sondern auch die Birs.

 

Neue Eigentümerinnen des FCB werden das Läckerli Huus Züri und der Basler Tagesanzeiger. Der FCB wird umgetauft in ZFCB, und die neuen Trikots erstrahlen in den Farben Weiss-Blau-Rot. ZFCB steht nun für Zürcher Fasnachts-Comité Basel. Und das Basler Sächsilüüte findet statt unter dem Motto: «Zyt zum goo!»