Nur noch wenige Augenblicke bis zum Anpfiff. Désirée Grundbacher hochkonzentriert.

Nur noch wenige Augenblicke bis zum Anpfiff. Désirée Grundbacher hochkonzentriert. Fotos Christian Jaeggi

Wächterin über Raum und Zeit

 

Sie bestimmt, wann es losgeht. Sie entscheidet, wann es endet. Désirée Grundbacher ist eine der besten Fussball-Schiedsrichterinnen der Schweiz. Mit Champions-League-Erfahrung. Eine Frau, die Prioritäten setzt, auch wenn es schmerzt.

 

Die Zeit der Fussball-Schiedsrichterinnen scheint endgültig angebrochen. Bibiana Steinhaus pfeift deutsche Bundesliga. Die Französin Stephanie Frappart leitete 2019 das Spiel um den UEFA-Supercup zwischen Liverpool und Chelsea. Mit Klopp und Lampard an der Seitenlinie. Vor zwölf Jahren hat auch sie diesen Weg eingeschlagen: Désirée Grundbacher, ein Versprechen für die Zukunft. Sie ist eine Kandidatin für kommende Europa- und Weltmeisterschaften. «Ich nehme das step by step», bremst sie die Erwartungen. Doch diese Schritte gehen nur in eine Richtung.

 

Sie ist in beiden Welten unterwegs. Grundbacher leitet Spiele im Männerfussball: Promotion League und 1. Liga. Im Frauenfussball bringt sie Champions-League-Erfahrung mit. Beispielsweise als Spielleiterin des Achtelfinals zwischen dem Glasgow City FC und dem FC Barcelona von 2018. Die Frau versteht ihr Handwerk. Was anerkennend registriert wird. Meistens.

 

Désirée Grundbacher bereitet sich minutiös auf ihren Einsatz vor – flankiert von ihren Assistenten Yunus Sarican (links) und Emil Muhovic.

Désirée Grundbacher bereitet sich minutiös auf ihren Einsatz vor – flankiert von ihren Assistenten Yunus Sarican (links) und Emil Muhovic.

 

Den falschen Mann zuhause

«Mit den Spielern auf dem Platz habe ich keine Probleme», sagt Désirée Grundbacher, «im Gegenteil, sie verhalten sich gegenüber einer Schiedsrichterin oft anständiger als gegenüber einem Schiedsrichter.» Zumindest in den oberen Ligen. Unflätige Bemerkungen kämen eher von der Tribüne. Oft sogar von Frauen. «Wenn mir eine Frau wutentbrannt und lautstark zuruft, ich solle lieber an den Herd zurück, dann hat die bestimmt den falschen Mann zuhause.» Es gebe Unangenehmeres.

 

«Zeitspiel finde ich das Schlimmste und Unangenehmste», bemerkt Grundbacher. Wenn die einen Spieler darauf drängten, dass die anderen endlich weiterspielten. Sie lasse sich jedoch nicht beirren. In der Nachspielzeit absichtlich vertändelte Zeit lasse sie kompromisslos ebenso nachspielen. «Als Spielerin hasste ich das Zeitspiel wie die Pest», gesteht Grundbacher. Zumindest dann, wenn sie mit ihrer Elf ins Hintertreffen geraten war. Dagegen sei es doch gerne praktiziert worden, wenn das eigene Team in Führung lag. Désirée Grundbacher denkt nach. Beginnt zu lachen. «Als Spielerin war ich ganz schlimm, wahrscheinlich die Schlimmste gegen die Schiris.» Der Wechsel vom Ball zur Pfeife ging nicht ohne Emotionen vonstatten.

 

Eine Entscheidung, ein Pfiff genügt, um je nachdem die Gemütsverfassung der Spieler durcheinanderzubringen.

Eine Entscheidung, ein Pfiff genügt, um je nachdem die Gemütsverfassung der Spieler durcheinanderzubringen.

 

Das Beste und das Schlechteste

Die Transformation von der Spielerin zur Schiedsrichterin nennt Grundbacher ihre sportlich schlechteste und gleichzeitig beste Zeit. Sie verpasste mit der Nationalmannschaft 2008 knapp die Barrage für die Europameisterschaft in Finnland. Um ein Tor zu hoch fiel die 1:3-Niederlage in Belgien aus. Der damalige Frust von Désirée Grundbacher ist noch spürbar: «Die ganze Startelf wurde umgekrempelt, obwohl wir einige Tage zuvor richtig gut gespielt hatten.»

 

Im Team waren klingende Namen wie Lara Dickenmann, Ana-Maria Crnogorĉević und die junge Ramona Bachmann. Mit 25 Jahren, im Zenit ihres fussballerischen Schaffens, wollte Grundbacher nicht mehr fünfmal die Woche trainieren, zu 100 Prozent arbeiten und viele, viele Spiele bestreiten. Sie entschied sich. Für die Schiedsrichterin Désirée Grundbacher. «Das Beste, was mir passieren konnte.» Über kleine Pannen gilt es hinwegzusehen.

 

Zeit zum Vergessen

Menschlich. Trotzdem sagt Grundbacher, «das war peinlich». Im Sechzehntelfinale der Women’s Champions League zwischen Wolfsburg und Atlético Madrid vergass sie 2018 als vierte Offizielle die Zeit und damit das Anzeigen der Nachspielzeit. Ihrer Kar-riere tat dies keinen Abbruch.

 

Das nächste grosse Ziel hat wenig mit Fussball zu tun. «Ich will heiraten», sagt Désirée Grundbacher, «die Hochzeit ist mir ganz wichtig.» Eine Hochzeit sei der Traum einer jeden Frau. Ein klein wenig ist die Hochzeit aber doch dem Fussball geschuldet. Ihrem José Martin begegnete sie vor rund zehn Jahren. Ja, auf dem Fussballplatz.

 

 

Text: Daniel Aenishänslin, Fotos: Christian Jaeggi