Niggi Ullrich

Niggi Ullrich Foto: zVg

Zeit kann und muss alles

 

Jetzt sind also auch im Birs-Magazin Zeilen über «die Zeit» gefragt, obwohl – so ist zu vermuten – von vielen gescheiten Leuten aller Zeiten fast und längst alles über das Phänomen Zeit gesagt, erfunden, belegt oder erörtert sein dürfte. Wer in der Physik, in der Literatur, in der Philosophie, in der Psychologie oder einer anderen Disziplin der Kultur- oder Wissenschaftsgeschichte Rang und Namen hat, hat sich geäussert. Explizit, nachhaltig, dezidiert, ironisch. Der Klassiker zum Thema heisst «Mathematische Prinzipien der Naturlehre» von Sir Isaac Newton aus dem Jahre 1687. Und im Mai 2020 erschien ein allerletzter (!) Magazinartikel unter dem coronaverdächtig-aktuellen Titel «Omega. Der transzendentale Punkt am Ende der Zeit» von Klaus Scharff. 

 

Auffällig ist, dass im Gegensatz zu anderen diese Welt bewegenden transzendentalen Fragestellungen die Frage nach der Zeit und ihren Dimensionen für die Menschheit non-stop Konjunktur hat. Die Zeit ist scheinbar das Faszinosum par excellence und das Rätsel schlechthin. Ablesbar ist das an den originellen bis spitzfindigen Titeln und Thesen, die den vielfältigsten Texten unterschiedlichster Provenienz voranstehen, wie z. B. Zeitbegriffe und Zeiterfahrung / Zur Vielfalt der Zeitkonzepte / Die Verzeitlichung der Zeit / Kurze Geschichte der Zeit / Zeit – der Stoff aus dem das Leben ist / Vom Sein zum Werden – Zeit und Komplexität / What is time – What ist space? / Gekrümmter Raum und verbogene Zeit / Die Natur der Natur – an der Grenze von Raum und Zeit / Zeit ist nur eine Illusion / Das ist Zeit. Der altklug anmutende Denkspruch «Kommt Zeit, kommt Rat» gilt vielleicht für alles andere, aber nicht für das Thema Zeit. Fortsetzung folgt! Keine Frage! Ob es je eine final-zeitlose Antwort geben wird auf die Frage, was Zeit mit uns macht und was wir mit ihr machen, steht nicht nur in den erloschenen Sternen.

 

Zeit hat Qualität

Am ehesten kommen wir klar mit der Zeit, wenn wir Verben in den richtigen Zeiten zu konjugieren vermögen: Präsens, Perfekt, Imperfekt, Futurum etc. Oder wenn wir bestimmte Zeiträume mittels Kalendarien, Zyklen, Jahreszeiten, Altersgrenzen in Jahren, Tagen, Stunden und Sekunden definieren. Tausendstel(nano)sekunden können wir von Auge zwar nicht mehr sehen, aber wir können sie unterdessen technologisch messen, um das Richtige, das Schnelle, das Bessere, das Siegreiche zu bestimmen. Und wir können mit der uns bekannten Einteilung der Zeituhr respektive der Uhrzeit planmässig festlegen, wann etwas beginnt und / oder ankommt. Aber spätestens, wenn wir (zu) früh oder (zu) spät dran sind, ist das Mass der Zeit plötzlich zweitrangig. Es wird uns bewusst, dass wir zu langsam oder zu spät oder zur falschen Zeit da waren. Wir merken, dass wir die Zeit vielleicht falsch eingeteilt oder genutzt haben. Wer weiss, vielleicht haben wir Zeit verschwendet, unrealistisch eingeschätzt oder uns in der Zeit getäuscht. Anders gesagt: Wir haben sie zu wenig gut genutzt, unsere Zeit nicht sinnvoll verbracht oder nicht richtig in Anspruch genommen. Bei diesen Einschätzungen stellt sich dann heraus, dass nicht das objektive Mass oder die Messung der Zeit die Herausforderung für unser Sein darstellt, sondern der subjektive Umgang mit der Zeit, die uns qualitativ zur Verfügung steht. Kommt hinzu: Die Wahrnehmung der Zeitdauer hängt vor allem davon ab, was in der Zeit passiert. Ein ereignisreicher oder wertvoller Zeitraum vergeht wie im Flug, während ereignisarme oder enttäuschende Zeiträume quälend lange dauern können. Wenn wundert es daher, dass wir «der Zeit» fast immer die Schuld geben, wenn etwas in unserem Leben wie auch immer nicht klappt. Es gibt keine andere Instanz, die so oft zum Sündenbock gestempelt wird. Nachlesbar in den wöchentlichen Fussballkommentaren zum Ausgleichstor in der allerletzten Sekunde der Overtime. Oder anhand der Tatsache, dass die meisten Managementweiterbildungskurse der TimeQuality im Arbeitsprozess gewidmet sind. Die Zeit ist schuld. Auf sie kommt es an!

 

Zeit macht Gegenwart

Die Zeit muss aber noch mehr können respektive aushalten: Ihre wohl markanteste Eigenschaft ist der Umstand, dass es in dieser Welt immer einen kleinen / kurzen /knappen Moment zu geben scheint, den wir die Gegenwart nennen, in dem wir just dann Zeit nicht messbar wahrnehmen können. Die Gegenwart scheint sich unaufhaltsam aus der Vergangenheit in Richtung Zukunft zu bewegen. Zeit ist jetzt und immer, aber sie steht nie (still). Könnte man sie anhalten, für wie lange «stünde» dann die Zeit, fragt Immanuel Kant. Ist das Fliessen der Zeit eine subjektive Illusion, die weder mit Gefühl oder Vernunft und schon gar nicht mit einem wie auch immer gearteten Zählrahmen in den Griff zu kriegen ist? Zeit steht ergo immer zwischen gestern und morgen. Vor dem Hintergrund des Revivals tausendjähriger Reiche aus der Vergangenheit sowie verschwörungstheoretischer Prophezeiungen für die Zukunft aller Art wird es im Zwischenraum der Gegenwart immer anspruchsvoller. Dort gibt es nicht grundsätzlich zu wenig Zeit, sondern zu viel Zeit, die nicht richtig genutzt wird. Da hilft es wenig, dass die Zeit Wunden heilen kann, wie der Volksmund sagt ... und immer wieder insgeheim hofft. 

 

Vielleicht macht es Sinn, von der Zeit nicht zu erwarten, was wir selber nicht richten können. Und der Ausspruch des französischen Humoristen Alphonse Allais «Impossible de vous dire mon âge, il change tout le temps» wäre sinngemäss auf die Zeit anzuwenden: Fragen wir nicht nach der Zeit, sie ändert sich ohnehin ständig.