Jedes Rädchen muss greifen: Christian Jaggy und Bastian Siegenthaler bei der Arbeit am Münster-Uhrwerk.

Jedes Rädchen muss greifen: Christian Jaggy und Bastian Siegenthaler bei der Arbeit am Münster-Uhrwerk. Fotos: Christian Jaeggi

 

Zeitzeugen

 

Die Welt wird immer digitaler. In der Region hat sich die Faszination für mechanische Uhren gleichwohl gehalten – zum Beispiel im Atelier von John Joseph. Auch hinter den Zifferblättern von Basels Turmuhren wird die Mechanik durch die IWB gehegt und gepflegt.  

 

In der Steinenvorstadt wird tagsüber eingekauft und ab den Abendstunden bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Hier ist alles schnelllebig. Läden und Lokale kommen und gehen. Wie ein Anachronismus zu dieser Hektik wirkt das Uhren-atelier von John Joseph im dritten Ober-geschoss der Steinenvorstadt 8. Das Ticken und gelegentliche Läuten von rund hundert Pendulen, Standuhren, Kaminuhren etc. ist hier auf kleinstem Raum omnipräsent. Es ist der Hintergrundsound, zu dem John Joseph schon seit bald einem Vierteljahrhundert dafür sorgt, dass die wertgeschätzten Preziosen wieder zum Leben erweckt oder für eine nächste Generation fit gemacht werden. «Schon als Kind schraubte ich alles Mechanische auseinander, um das Innenleben zu erkunden. Nicht in jedem Fall ist es mir gelungen, die Geräte auch wieder zusammenzusetzen», sagt  John Joseph lachend.

 

Gutes Pflaster

Der Brite hat seine Faszination zum Beruf gemacht und absolvierte die Ausbildung zum Clock Restorer (Uhrmacher) am Hackney Technical College in London und zahlreiche weitere Aus- und Weiterbildungen. Im Alter von 29 Jahren führte ihn die Liebe nach Basel, wo er schnell Deutsch lernte und eine Stelle bei einem renommierten Uhrmacher in Bern antrat. Nach sieben Jahren Pendeln wurde er auf ein kleines Inserat in einer Fachzeitschrift aufmerksam. «Hermann Schudel, der die Werk-statt hier 1955 gegründet hat, bot diese zum Verkauf», sagt Joseph. Die Entscheidungsfindung dauerte nicht lange: Man wurde sich einig und er wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. «Basel ist ein gutes Pflaster für klassische Uhren. Die Dichte von Pendulen und Standuhren ist gross und es gibt auch viele Sammler», sagt Joseph. Die Mehrheit der Kundschaft ist im Pen-sionsalter und kommt ins Atelier, wenn das Ticken verstummt ist. Dann wird das Innenleben Teil für Teil offengelegt. Zahnrädchen werden gefräst, Federn ersetzt, Achsen gereinigt, bis das Pendel wieder schwingt. 

 

Anachronismus in der schnelllebigen Steinenvorstadt: Uhrmacher John Joseph in seinem Atelier.

Anachronismus in der schnelllebigen Steinenvorstadt: Uhrmacher John Joseph in seinem Atelier.

 

Mechanisches Erbe

Jüngere Kunden, die eine Uhr geerbt haben, scheuen oft die kostspielige Instandsetzung. «Ich versuche dann, die Geschichte der Uhr zu vermitteln und die Handwerkskunst, die dahintersteckt», sagt Joseph. In Zeiten, in denen die klassische Armbanduhr vom Smartphone verdrängt wird, ist es ihm ein Anliegen, das mechanische Erbe zu erhalten. Hier und dort stellt er denn auch eine Rückbesinnung auf das Handwerk fest.

 

Von Zeit zu Zeit erhält das Atelier Besuch von Primarschulklassen. Die Kinder lassen sich gerne vom Innenleben von Uhren begeistern. «Beim letzten Besuch hat ein Mädchen eine Pendule von allen Seiten begutachtet und gefragt, wo denn die Batterie zu finden ist. Das Verständnis für die Mechanik ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr», sagt Joseph. 

 

1000 Uhren

Während die Uhren aus dem Atelier von John Joseph in privaten Haushalten anzutreffen sind, gehören Turmuhren auf Kirchen, Schulen etc. zum öffentlichen Kulturgut. «Meines Wissens ist Basel eine von ganz wenigen europäischen Städten, die ganz bewusst die mechanischen Uhrwerke erhalten und pflegen. Andernorts hat man längst auf elektronische Funk-Steuerungen umgestellt», erzählt Christian Jaggy. Seit 15 Jahren ist der IWB-Mitarbeiter gemeinsam mit Kollege Bastian Siegenthaler für die Wartung und Reinigung der insgesamt 1000 öffentlichen Uhren in Basel zuständig. Dass die Zeitmesser auch bei der Generation Smartphone nach wie vor einen hohen Stellenwert geniessen, merke er daran, dass immer sehr zeitnah mitgeteilt wird, wenn eine Uhr nicht mehr läuft. 

 

Tägliche Fitness: Um zu den Turmuhren zu gelangen, müssen viele Treppen erklommen werden.

Tägliche Fitness: Um zu den Turmuhren zu gelangen, müssen viele Treppen erklommen werden.

 

Treppensteigen

Eine Sonderbehandlung erhalten die 17 Basler Turmuhren, die in einem Zweijahresintervall gewartet und gereinigt werden. Jaggy und Siegenthaler kontrollieren die Zahnräder und reinigen diese, damit das Werk nicht klemmt. Ebenfalls kontrolliert werden die Drähte und Seile, die das Glockenspiel betreiben und die Gestänge, welche die Zeiger auf dem Zifferblatt bewegen. 

 

Das Erklimmen zahlreicher Treppen gehört somit für Christian Jaggy zum Alltag. «Andere gehen ins Fitnesscenter, ich treibe Sport bei der Arbeit», sagt der Mechaniker, der im Oktober nach insgesamt 20 Jahren für die IWB den Ruhestand antritt. Auf eine Lieblingsuhr möchte er sich nicht festlegen, zu sehr sind ihm die grossen Chronometer, die zwischen den Jahren 1846 und 1910 entstanden sind, ans Herz gewachsen. Für Interessierte empfiehlt er aber die grossen Uhrwerke der Elisabethenkirche und des Münsters, die beide öffentlich zugänglich sind. 

 

 

Text: Simon F. Eglin, Foto: Christian Jaeggi