Müllers Forschungsobjekt Centaurus A mit Keulen und Jets, die vom Schwarzen Loch im Zentrum der Galaxie ausgehen.

Müllers Forschungsobjekt Centaurus A mit Keulen und Jets, die vom Schwarzen Loch im Zentrum der Galaxie ausgehen. Foto: zVg

 

Zwerggalaxien im Brennpunkt

 

Der junge, mehrfach preisgekrönte Basler Astronom Oliver Müller warf bei seinen Forschungen im All scheinbar gesicherte Erkenntnisse über Bord. Statt chaotisch umkreisen Zwerggalaxien geordnet die Galaxie Centaurus A.

 

«Weisst du wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?», fragt das fromme Kind im Sonntagsschul-Lied. Es weiss dazu auch gleich die Antwort: der Herrgott habe sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet. Was jenseits von Mond und Sternkreisen zählbar ist, verliert sich ins Unendliche. Mit ihren elf Millionen Lichtjahren steht die Galaxie Centaurus A noch am nächsten zur Mutter Erde. 

 

Der Münchensteiner Astronom Oliver Müller (31) lässt von den Zwerggalaxien, den dwarf galaxies, ab dem «Very Large Telescope» von Chiles Cerro Paranal gestochen scharfe Bilder auf den häuslichen Bildschirm herunterladen. Man sieht Punkte und Helligkeiten, Filamente, fadenförmige dunkle Flecken und Milchstrassen-Schwärme. Die Forschungen zeigten, dass die meisten Zwerggalaxien einem gemeinsamen Bewegungsmuster folgen und in einer flachen Scheibe senkrecht zur Ebene von Centaurus A kreisen. Die Erkenntnisse brachten die Standardmodelle ins Wanken.  

 

Forscher und Preisträger: der Basler Astronom Oliver Müller

Forscher und Preisträger: der Basler Astronom Oliver Müller

 

Anschaulich erklärte Phänomene  

Oliver Müller war der letzte Doktorand von Titularprofessor Bruno Binggeli, bevor die Universität Basel die Astronomie aus ihrem Bildungsangebot kippte. Für seine erfolgreichen Arbeiten wurde Müller 2019 mit dem Klartext-Preis der Klaus Tschira Stiftung, dem Amerbach-Preis der Uni Basel und dem Edith Alice Müller Prize ausgezeichnet. Dank eines Nationalfonds-Forschungsauftrags setzt er derzeit seine Studien am Observatoire Astronomique de Strasbourg fort. Wegen der Pandemie musste er seine E-Gitarre zurücklassen. Nun übt er an seinem Basler Domizil auf der akustischen Gitarre das Saitenspiel der rechten Hand.       

      

Stillleben mit Teleskop – Oliver Müller in der Sternwarte St. Margarethen.

Stillleben mit Teleskop – Oliver Müller in der Sternwarte St. Margarethen.

 

Wie sieht ein Tag im Leben eines rising stars der Sterne aus? 

Normaler, als man denkt. Müllers Tage und Nächte sind ausgefüllt mit Analysieren der gelieferten Daten, mit Abfassen von Protokollen, dem Austausch der gewonnenen Erkenntnisse und dem Bewirtschaften des eigenen Blogs «Prosa der Astronomie». Da breitet der sympathische, bärtige Jungwissenschaftler mit Haarschweif im Nacken seine News von den Galaxien anschaulich und verständlich aus. Und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Müller dem lieben Gott bei seiner Sternleinzählerei auf die Schliche kommt.

 

 

Text: Jürg Erni, Fotos: Christian Jaeggi und zVg